Januar 11, 2018 – 24 Tevet 5778
Vor 40 Jahren: Der Pharao in Jerusalem

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Der Besuch des ägyptischen Präsidenten Sadat in Israel  

Von Tal Leder

Vor 40 Jahren staunte die Welt, als der ägyptische Präsident Anwar as Sadat seine überraschende Friedensmission in Israel begann. Am Ende brachte es den Frieden zwischen der größten arabischen Nation und dem jüdischen Staat. Sadat aber sollte dafür mit seinem Leben bezahlen.

„Ich bin bereit, für den Frieden bis ans Ende der Welt zu gehen. Israel wird erstaunt sein zu hören, dass ich jetzt vor Euch sage, dass ich bereit bin, in ihr eigenes Haus zu gehen, in die Knesset, um mit ihnen zu reden.“
Dies waren die Worte des ägyptischen Präsidenten Anwar Sadat, die er während seiner zweistündigen Rede vor der ägyptischen Volksversammlung am 9. November 1977 sprach.

Als Sadat dann 10 Tage später als erster arabischer Führer Israel offiziell besuchte, hielt die ganze Welt den Atem an. Sein Empfang im jüdischen Staat läutete die israelisch-ägyptischen Gespräche ein Jahr später in Camp David ein, und führte 1979, nur sechs Jahre nach dem schmerzhaften Jom-Kippur-Krieg, zu einem vollständigen Friedensabkommen.

Was brachte den ägyptischen Präsidenten zu diesem Entschluss? Seit der Staatsgründung Israel führten die Machthaber in Kairo mehrere Kriege gegen den jüdischen Staat und zogen dabei jedes Mal den Kürzeren. Auch verfolgte sein Land, als größte arabische Nation und Todfeind Israels, jahrelang die Politik der drei berühmten „Neins“ der Khartum-Resolution vom 1. September 1967. Diese lauteten, „Nein zum Frieden mit Israel, nein zur Anerkennung Israels, nein zu Verhandlungen mit Israel". Wie konnte es zu diesem Umdenken kommen?

Nach dem Gamal Abdel Nasser völlig überraschend mit nur 52 Jahren an einem Herzinfarkt starb, wurde sein Vize Anwar as-Sadat am 15. Oktober 1970 zum neuen ägyptischen Präsidenten bestimmt. Von Anfang an wollte er die Sinai-Halbinsel von Israel wieder zurückgewinnen und die arabische Ehre nach der Schmach vom Sechstagekrieg wiederherstellen. Nur vier Monate nach seiner Machtübernahme überraschte er die Welt mit dem Verkünden einer „Friedensinitiative“. Diese beinhaltete, dass sich Israel aus dem Sinai zurückziehen sollte. Im Gegenzug würde Ägypten den Sueskanal wiedereröffnen. In weiteren Schritten sollten beide Staaten einen Waffenstillstandsabkommen unterzeichnen. Dadurch wollte er auch die diplomatischen Beziehungen zu den USA wiederherstellen, um dann als letzten Schritt einen Friedensvertrag mit Israel zu schließen.

Ist Sadat zu trauen?

Von israelischer Seite gab es zum Teil berechtigte Zweifel an die Glaubwürdigkeit Sadats. Der „Abnutzungskrieg“ war gerade erst zu Ende gegangen und den neuen ägyptischen „Pharao“, wie er bald genannt wurde, konnte die Regierung in Jerusalem noch nicht so richtig einschätzen. Die Zeit war noch nicht reif für einen Frieden zwischen beiden Staaten.

Und so befürwortete der ägyptische Präsident Sadat einen weiteren Krieg mit Israel in der Hoffnung, die Sinai-Halbinsel wiederzubekommen und ein durch den Sechstagekrieg von 1967 demoralisiertes Land wiederzubeleben.
Historiker streiten sich bis heute darüber, ob Sadat mit den anderen Führern der arabischen Welt ebenfalls die Vernichtung Israels geplant hatte, oder aber unter anderem wegen der Furcht vor einem nuklearen Gegenschlag des jüdischen Staates hoffte, dass zumindest ein begrenzter Sieg über die Israelis den Status quo verändern und seine Feinde an den Verhandlungstisch bringen würde.

Nachdem er die nächste große Schlacht zusammen mit Assad, dem Diktator in Damaskus, über einen längeren Zeitraum perfekt vorbereitet hatte, begann der Krieg mit einem Überraschungsangriff Ägyptens, Syriens und weiterer arabischer Armeen, am Samstag, dem 6. Oktober 1973, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Die Angriffe auf dem Sinai und den Golanhöhen trafen den unvorbereiteten jüdischen Staat wie ein Erdbeben.

Durch die arabischen Anfangserfolge, als in den ersten drei Tagen des Krieges die israelischen Stellungen im Norden und Süden überrannt wurden, herrschte so etwas wie Untergangsstimmung in Israel. Der Traum der Araber „Israel ins Meer zu werfen“ schien damals wahr zu werden.

Die israelischen Politiker und seine Geheimdienste versagten auf der ganzen Linie, einige Militärs aber, wie Ariel Scharon und Haim Bar-Lev, behielten einen kühlen Kopf und waren u. a. für den Durchhaltewillen der israelischen Truppen verantwortlich. In der zweiten Kriegswoche wendete sich der Kriegsverlauf zugunsten der Israelis, die zunächst ihre Truppen hatten mobilisieren müssen. Natürlich auch durch die Luftbrücke der USA, die Jerusalem täglich mit Tonnen von Kriegsmaterial versorgten. Die Gegenoffensive lief im vollen Gange und binnen Tagen drängten sie die Syrer im Norden vollständig aus den Golanhöhen zurück und kamen schließlich 30 Kilometer vor Damaskus zum Stehen.

An der Suezfront wurde noch verbissener gekämpft. Sadat war berauscht von den Anfangserfolgen und wollte noch tiefer in den Sinai stoßen. Ein folgenschwerer Fehler, denn diese Offensive auf offenes Gelände endete für seine Streitkräfte in einem Massaker. Israel und Ägypten lieferten sich die größte Panzerschlacht seit dem Zweiten Weltkrieg. Am Ende konnten die Israelis den Kampf für sich entscheiden. Weitere israelischen Einheiten unter General Scharon hatten zwischen zwei ägyptischen Armeen den Sueskanal überquert und dabei auf afrikanischem Boden die gesamte 3. ägyptische Armee abgeschnitten und komplett eingekesselt. Sie stand kurz vor ihrer Vernichtung. Als der UN-Waffenstillstand am 24. Oktober 1973 in Kraft trat, waren die israelischen Streitkräfte 70 Kilometer vor Kairo. Es war der Beginn intensiver Gespräche hoher Offiziere der verfeindeten Armeen, die für mehr als drei Wochen im heißen Wüstenzelt am „Kilometer 101“ stattfanden und über militärische Fragen hinaus in politische Diskussionen übergingen.

Für den ägyptischen Präsidenten Sadat hingegen war der militärisch verlorene Krieg und der eingehaltene Waffenstillstand der Auftakt für politisch sehr erfolgreiche Jahre. Auch wenn er den Sinai mit seiner großen Armee nicht zurückerobern konnte, so hatte er durch die siegreichen Schlachten zu Beginn der Kampfhandlungen die arabische Ehre wieder hergestellt. Er fühlte sich dadurch auf Augenhöhe und erwog Verhandlungen mit Israel. Seine neue Friedenspolitik führte mit der Regierung in Jerusalem zwar zunächst zum Abschluss von zwei Abkommen über den Rückzug der israelischen Streitkräfte, doch Gespräche über einen echten Frieden sollten sich noch einige Jahre hinziehen.

Wie schon am Anfang erwähnt, sollten erst vier Jahre nach dem Oktoberkrieg Taten folgen. Und so wurde Sadats Reise nach Israel auch sorgfältig geplant.

Sinai für Frieden
Mitte September des Jahres 1977 traf sich der damalige israelische Außenminister Mosche Dajan mit dem stellvertretenden ägyptischen Premierminister Hassan Tohami in Marokko, um über den Besuch des „Pharaos“ in Jerusalem zu sprechen. Gleich nach seiner Rückkehr berichtete Tohami seinem Präsidenten, das er von Dajan erfahren hatte, dass Israel bereit sei, den Sinai als Gegenleistung für Frieden zu räumen.

Durch seine guten Beziehungen zu den USA und der Sowjetunion, die eine Nahost-Friedenskonferenz in Genf planten, war er bereit, seinen größten Schritt nach vorne zu machen.

Zuvor überzeugte der damalige rumänische Diktator Nicolae Ceausescu, Sadat bei einem Besuch in Bukarest davon, dass der israelische Premier Begin eine Annäherung an Ägypten zu dessen Bedingungen anstrebte. Rumänien war das einzige Land des Warschauer Paktes, das während und nach dem Sechstagekrieg 1967 seine diplomatischen Beziehungen zu Israel nicht abgebrochen hatte.

Und so hielt Sadat seine berühmte Rede vor dem ägyptischen Parlament mit der Absicht nach Israel zu fliegen. In Jerusalem signalisierte daraufhin überraschend der israelische Premierminister Menachem Begin seine Bereitschaft den ägyptischen Führer zu treffen. 48 Stunden später wandte er sich per Radio an das ägyptische Volk: „Es wird mir eine Ehre sein ihren Präsidenten willkommen zu heißen mit der traditionellen Gastfreundschaft, die wir von unserem gemeinsamen Stammvater Abraham geerbt haben.“ Eine Einladung, die Sadat nach zwei Tagen annahm.

Sadat kommt nach Israel
Nach mehreren Wochen des diplomatischen Klirrens beider Staaten wurde bekannt, dass Sadat am 19. November nach Israel kommen würde. Die meisten Menschen waren hoffnungsvoll. Andere wiederum dachten, der jüdische Staat würde sich auf einen ausgeklügelten Bluff einlassen.

Obwohl sich Ägypten und Israel noch offiziell im Kriegszustand befanden, entschied sich Sadat am 19. November 1977 nach Tel Aviv zu fliegen, in der Gewissheit, dass seine bemerkenswerte Geste eine Ära des Friedens und des Wohlstands für Ägypten einläuten könnte. Viele in Ägypten und in der arabischen Welt waren gegen seine Entscheidung. Einige Staaten beendeten ihre diplomatischen Beziehungen zu Kairo. Einzig Jordanien, Marokko und der Sudan enthielten sich.

In Tel Aviv empfing man Sadat mit allen Ehren. Unter den Fahnen Israels und Ägyptens spielte eine Militärkapelle die Hymnen. Sadat strahlte eine fast unwirkliche Ruhe aus, seine Erscheinung wirkte wie eine biblische Vision. Nach der Ankunft am Ben-Gurion-Flughafen begrüßte ihn Begin und die gesamte israelische Regierung plus Militärs. Der ägyptische Führer bezog die Präsidenten-Suite im König-David-Hotel. Am nächsten Tag betete er in der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem, besuchte die Grabeskirche und das Yad Vashem-Holocaust-Mahnmal, bevor er zum israelischen Parlament ging, um seine Rede zu halten:

„Ich sage Ihnen aufrichtig, dass vor uns heute die angemessene Chance für den Frieden liegt, wenn wir unsere Bemühungen für den Frieden wirklich ernstnehmen. Es ist eine Chance, die sich die Zeit nicht leisten kann. Es ist eine Chance, dass der Verschwörer, wenn er verloren oder verschwendet wird, den Fluch der Menschheit und den Fluch der Geschichte tragen wird. (…) Ich bin nicht gekommen, um eine separate Vereinbarung mit Israel zu unterschreiben, das ist nicht meine Politik. Es geht nicht nur um unsere beiden Länder. Ein Friede wird nur dann gerecht sein und Bestand haben, wenn er für alle gilt, für alle Nachbarn Israels und für das palästinensische Volk.“

Eine Auswirkung dieser Annäherung in Jerusalem waren die auf Einladung des US-Präsidenten Jimmy Carter geführten Verhandlungen zwischen Israel und Ägypten in Camp David. Dieser weitere Schritt brachte schlussendlich den Friedensvertrag im März 1979, als sich beide verfeindeten Staaten endgültig gegenseitig anerkannten, sowie wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen aufnahmen.

Dieser aber führte Ägypten in der arabisch-muslimischen Welt weitgehend in die Isolation. Radikal-islamische Gruppen forderten sogar Sadats Kopf. (…)



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