März 9, 2018 – 22 Adar 5778
Vor 100 Jahren wurde die Rote Armee gegründet

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Im russischen Bürgerkrieg kam es sowohl zu zaristischen als auch zu kommunistischen Pogromen gegen Juden 

Von Dr. Dmitri Stratievski


2018 jährt sich zum 100. Mal die Gründung der Roten Armee, der größten Streitkraft im blutigsten Bürgerkrieg der russischen Geschichte 1917-1923. Die Kämpfe wurden auf dem ganzen Riesengebiet des ehemaligen Zarenrusslands ausgetragen, vom Baltikum bis zum Fernen Osten. Die genaue Opferzahl ist bis heute nicht festgestellt worden. Gemäß der Schätzung des russischen Historikers Wadim Erlichman kamen unmittelbar während der Kampfhandlungen etwa 2,5 Millionen Menschen ums Leben. Wenn man die Opfer der Hungersnot, Epidemien und Verfolgung dazurechnet, sollte die gesamte Verlustzahl bei ca. 10,5 Millionen Menschenleben liegen. Zwei Millionen Russen haben das Land verlassen. 1922 gab es in Sowjetrussland bis zu sieben Millionen obdachlose Kinder. Dieser Krieg bedeutete ein tragisches Schicksal auch für die russischen Juden. Pogrome, Kampfhandlungen und Willkür der „Weißen“ und der „Roten“ kosteten über 200.000 Juden das Leben. Westliche Forscher sprechen von (allein) bis zu 150.000 Pogromopfern. 


Zwischen Skylla und Charybdis
Ein Bruderkrieg zeichnet sich immer durch unklare Frontlinien, kleinere Zusammenstöße, viele Überläufer und außergewöhnliche Brutalität aus. Der russische Bürgerkrieg war keine Ausnahme. Ganze Bevölkerungsgruppen befanden sich zwischen Skylla und Charybdis und wechselten ihre politischen Prioritäten in Abhängigkeit von den lokalen Situationen oder ihren persönlichen Erlebnissen. Die russischen Juden gehörten sicherlich dazu.

Zarentreue Juden
Anfang 1917 lebten im Russischen Reich etwa vier Millionen Juden. Sie bildeten vier Prozent der Gesamtbevölkerung. Entgegen einer verbreiteten Meinung jubelte bei weitem nicht die Mehrheit der Juden die neue bolschewistische Macht hoch. In der Liste der letzten Verteidiger des Winterpalastes während des Oktoberputsches 1917 ist eine Reihe von typisch jüdischen Nachnamen wie Goldman, Schapiro oder Epstejn zu finden. Alleine beim ersten antibolschewistischen Aufstandsversuch Ende 1917 in Petrograd fielen über 50 jüdische Kadetten im Kampf gegen die Rotgardisten. Im Straßenkampf in Moskau opferten 35 jüdische Zaren-Kadetten ihr Leben als. Die jüdische Gemeinde im südrussischen Rostow-am-Don spendete dem Stifter der Kosakenerhebung gegen die Lenin-Regierung, Aleksej Kaledin, 800.000 Rubel. Im Begleitschreiben hieß es: „Lieber Russland zusammen mit den Kosaken retten als es mit den Bolschewiki verlieren“.

Nach der Ausrufung der antibolschewistischen Ukrainischen Volksrepublik im Januar 1918 in Kiew traten mehrere ältere und neue jüdische Parteien wie der Allgemeine jüdische Arbeiterbund, die Poale Zion und die Demokratische jüdische Vereinigung, der Regierung der Ukrainischen Volksrepublik bei. Es wurden ein eigenes Ministerium für jüdische Angelegenheiten und das Amt des jüdischen Generalkontrolleurs (Gleichstellungsbeauftragten) gegründet. Bekannt geworden sind außerdem Fälle, in denen Juden den antibolschewistischen Widerstand sogar leiteten. Im Juli 1918 begann in der mittelgroßen zenralrussischen Stadt Murom eine Rebellion, die die „Russische Union zum Schutz der Heimat und der Freiheit“ und der „Jüdische Verband der zionistischen Jugend“ solidarisch anzettelten. Einer der Anführer des bewaffneten Aufstandes, Girsch Perkus, wurde erschossen. Aleksandr Wilenkin, der russisch-jüdische Offizier und Träger des St.-Georg-Kreuzes, leitete noch vor 1917 den „Russischen Verband der jüdischen Frontkämpfer“. Er weigerte sich in die Emigration zu gehen, gründete eine Widerstandszelle und wurde schließlich von der Tscheka hingerichtet. 

Dennoch schlossen sich tausende Juden der Roten Armee an. Ihre Beweggründe lassen sich nach 100 Jahren schwer im Einzelnen definieren. Eine große Rolle spielten unbestritten das Streben nach einer „besseren“ Welt ohne Antisemitismus und Ausgrenzung, extrem schlechte Erfahrungen mit dem Zarenregime, das eine staatlich verordnete Segregation in Form der Festlegung eines Ansiedlungsgebietes für die Juden, der beschränkten Zulassung zum Hochschulstudium etc. praktizierte, nicht zuletzt auch Naivität oder Aufstiegswünsche.

Die „Weißen“ schließen die Juden aus
Nach dem Machtanstieg Simon Petljuras in der Ukraine 1919 wurden alle jüdischen Politiker binnen weniger Tagen Parias. Während bis Ende 1918 es den demokratisch gesinnten „weißen“ Generälen bzw. den Beamten der provisorischen konservativen und Mitte-Links-Regierungen noch gelang, das antijüdische Ressentiment im Kreis der alten Offiziere einzudämmen, lief später der Judenhass in den nicht-bolschewistisch kontrollierten Teilen Russlands aus dem Ruder. Jüdische Offiziere und Soldaten waren in den Reihen der „Weißen“ nicht mehr willkommen. Sie wurden bedrängt und diskriminiert. Sie durften keine Verantwortung mehr übernehmen und wurden zu „Köchen“ (im Militärjargon „wenig nutzbare Helfer zweiter Klasse“) degradiert.

Die einzige jüdische Kampfeinheit in der Armee vom General Grigorij Semenow, die weite Landstriche um den Baikal-See in ihrer Gewalt hatte, wurde aufgelöst. Die „Weißen“, paramilitärische anarchistische Verbände, ukrainische Nationalisten, Anarchisten und andere Kriegsbeteiligte tolerierten antijüdische Pogrome oder nahmen selbst daran teil. Im Dezember 1919 appellierte Wassilij Maklakow, der im Pariser Exil lebende ehemalige Duma-Abgeordnete und Anwalt von Menachem Mendel Beilis, der 1911 in einem antisemitischen Prozess wegen „Ritualmords“ angeklagt wurde, an den Befehlshaber der „Weißen“, Anton Denikin, die Judenverfolgung in seiner Armee in die Schranken zu weisen. Er verwies auf die internationale Dimension des Geschehens und deutete darauf hin, dass die US-Hilfe für die antibolschewistischen Truppen eingestellt werden könnte. Der russische General jüdischer Herkunft Abram Dragomirow schrieb 1920 in seiner Funktion als Vorsitzender des Militärrates bei Denikin empört über die Freisprüche der Armeeangehörigen, die die jüdischen Häuser geplündert und Menschen schwer verletzt hatten.

„Weiße“ begehen Pogrome
Allein in der Ukraine starben bei den Pogromen unter Beteiligung der „Weißen“ mindestens 8.000 jüdische Zivilisten. Die Feindseligkeit richtete sich nicht mehr ausschließlich gegen die „jüdischen Kommissare“, sondern pauschalisiert gegen das jüdische Volk. Die Rote Armee schrieb die Gleichheit aller Menschen auf ihren Banner und schien daher für viele Juden eine attraktive Alternative zu sein. Lenin unterschrieb im Juli 1918 einen Erlass „Über die Unterbindung der antisemitischen Bewegung“. So entstanden bei den „Roten“ mehrere jüdische Kampfverbände, darunter das „Erste Jüdische Regiment“ mit gewissen Autonomierechten. „Die Juden haben schlicht keine Wahl gehabt“, resümiert der lettisch-jüdische Geschichtsforscher Walerij Engel.

Antisemitismus der „Roten“
Auch unter den Bolschewiki konnten sich die Juden jedoch nicht sicher fühlen. In der Roten Armee fehlte oftmals jede Disziplin. Viele Rotarmisten waren Antisemiten. Schlecht ausgebildete, zwangsrekrutierte Arbeiter und Bauern machten die Juden für die Tragödie ihres Landes verantwortlich. Zugleich gab es in der von Lew Trotzki gegründeten Streitkraft zahlreiche psychisch geschädigte Menschen, die nicht mehr wussten, wofür sie kämpfen. Einige Einheiten der „Roten“ ähnelten bewaffneten Räuberbanden. Der russische Schriftsteller und Nobelpreisträger Iwan Bunin beschreibt in seinem Roman „Cursed Days“ einen Pogrom im Mai 1919 in Odessa: In einem Stadtbezirk töteten die Rotarmisten 14 jüdischstämmige Kommissaren und 30 jüdische Zivilsten. An der Meeresküste veranstalteten sie eine Jagd auf schutzlose Menschen, töteten sie bestialisch und verlangten von den christlichen Standbewohnern „alle restlichen Juden auszuliefern“. Die russischsprachige Jüdische Online-Enzyklopädie listet akribisch antijüdische Pogromen der „Roten“ von 1918-1920 auf, die vor allem von den Schwadronen der Ersten Reiterarmee ausgingen: Nowhorod-Sewerskij, Uman, Ljubar, Rossawa und andere Orte – überwiegend in der Ukraine und in Polen. 


Die kommunistischen Pogrome gegen Juden wurden vertuscht
Solche Ereignisse wurden von Moskau vertuscht. Die Propaganda prangerte stattdessen „Monarchisten und andere Feinde der Sowjetmacht“ als treibende Kräfte der Pogrombewegung an. Große jüdische Schriftsteller und Zeitzeugen des Bürgerkriegs – Isaak Babel und Boris Pilnjak – thematisierten den Antisemitismus der Rotarmisten in den Erstfassungen ihrer Werke. Die staatliche Zensur ließ diese Kapitel zum Druck nicht zu. Die unzensierten Bücher wurden erst zur Gorbatschow-Zeit veröffentlicht. Beide Schriftsteller wurden unter Stalin erschossen.

Der bolschewistischen Führung war durchaus bewusst, dass sie riskierte die Sympathien der jüdischen Bürger zu verlieren. Die öffentliche Anerkennung der antisemitischen Tendenzen in der internationalistischen „Arbeiter- und Bauernarmee“ war jedoch aus ideologischen Gründen nicht akzeptabel. Die Kommandeure vor Ort griffen entschlossener durch als die Moskauer Regierung, weil sie im Direktkontakt mit der Bevölkerung waren und auf ihre Loyalität angewiesen waren. So löste der General Klement Woroschilow die ganze 6. Division seiner Armee wegen „systematischer antijüdischer Vorfälle“ aus. 153 Pogromteilnehmer wurden hingerichtet. Woroschilows Unterstützer verbreiteten diese Information lokal und minderten dadurch die Spannung in den Beziehungen zu den großen jüdischen Gemeinden in der Gegend.

Beide größten Kriegsparteien praktizierten die Judenverfolgung in ihren Operationsgebieten. Der Antisemitismus war im Zarenreich stark verbreitet und vergiftete die Köpfe von Arm und Reich. Die im ukrainischen Schtetl oder im Randviertel einer russischen Stadt lebenden Juden wurden zu schutzlosen Gewaltopfern. Ideologisch und pragmatisch gesehen wäre es sowohl für die „Weißen“ als auch für die „Roten“ von Vorteil gewesen, die Zustimmung eines größeren Anteils der Juden zu haben. In bestimmten Zeitabschnitten versuchten bekannte Politiker und Generäle des Bürgerkrieges, diese Karte zu spielen. Generell entbehrte der Kampf gegen den Antisemitismus wegen der mangelnden Disziplin in den Armeen und der Angst der Machthabenden, ihren ohnehin nicht besonders kampfmotivierten Untergebenen zu widersprechen, jeglicher Kontinuität. (…)



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