Wie akademischer Antisemitismus in der UdSSR bis in die 1980er Jahre hinein die jüdischen Mathematiker aus dem Lande trieb 

Von Juri Perewersew

Im März 2009 und im März 2014 wurde der Abelpreis, ein Äquivalent des Nobelpreises für Mathematik, an Michail Gromow und Yakow Sinai verliehen. Der Preis, ins Leben gerufen von der norwegischen Regierung und benannt nach dem norwegischen Mathematiker Niels Henrik Abel, wird seit 2003 jährlich verliehen und mit 6 Millionen norwegischen Kronen dotiert, womit er einer Entsprechung des Nobelpreises nahekommt. Gromow und Sinai sind jüdische Mathematiker, ursprünglich aus der ehemaligen Sowjetunion, Angehörige der sowjetischen mathematischen Schule, deren Repräsentanten in Mathematikwissenschaften herausragende Leistungen erbracht und große Erfolge errungen haben, trotz eines blühenden Antisemitismus. Man fragt sich, was könnten schon Antisemitismus und Mathematik gemein haben? Dennoch war dies in der Sowjetunion bittere Realität.

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Stalins antisemitische Propagandaschlacht Ende 1940er/Anfang 1950er Jahre betraf die jüdischen Mathematiker zunächst einmal nicht, wenn man von den allgemeinen Ängsten und den Gerüchten über den sadistischen Plan Stalins, alle Juden nach Sibirien in die Verbannung zu schicken, absieht. Zwar wurden sie „für gewöhnlich“ verfolgt, dies hielt sich jedoch in den „von oben“ bestimmten Grenzen.

Die Kollegen machen Druck

Dennoch spürten die sich der Mathematik verschriebenen Juden seit 1960 einen ungeheuren Druck, welcher überraschenderweise von ihren Kollegen ausging. Der Grund war so simpel wie perfide: Man wollte sie loswerden – nicht, um ihre Stellen zu übernehmen, sondern aufgrund einer von international bekannten und hochdekorierten Vertretern der wissenschaftlichen Oberschicht inspirierten und organisierten Kampagne. Unter ihnen waren die Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften Iwan Winogradow (1891 – 1983), Lew Pontryagin (1908 – 1988) und der damals noch junge Igor Schafarewitsch (1923 – 2017), künftig ebenfalls Akademiemitglied. Winogradow als Direktor des Mathematischen Steklow-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften brüstete sich später damit, sein Institut sei nach dem Tod des 1978 gestorbenen Dr. habil. phys., Dr. habil. math. Mark Nejmark „judenrein“ geworden. Wie der bedeutende Mathematiker, Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften Sergej Nowikow (geb. 1938), einmal bemerkte, stand das Mathematische Steklow-Institut unter der Leitung Winogradows für demonstrativ nach außen getragenen, niederträchtigen Antisemitismus, welchen Winogradow auch konsequent durchsetzte. In der Tat wurde dieses führende Institut „dank“ den Bemühungen seines Direktors zu einem Nest, ja zu einer Brutstätte des Antisemitismus, und die drei bedeutenden, einflussreichen Mathematiker – Winogradow, Pontryagin und Schafarewitsch – verbargen nicht ihre antisemitische Gesinnung, sondern agierten bewusst offenkundig.

Ein mathematisches Institut als Brutstätte der Judenfeindlichkeit

Iwan Winogradow wurde bereits in jungen Jahren bekannt, nachdem er die Lösungen für eine Reihe der Probleme gefunden hatte, welche für die Mathematik am Anfang des 20. Jahrhunderts als aussichtslos galten. Obwohl er sich anschließend für keine bedeutsamen Veröffentlichungen bemerkbar gemacht hatte, wurde Winogradow zweimal „Held der Sowjetunion“ und erhielt den Lenin-Orden, den Staatspreis der UdSSR sowie die Lomonossow-Goldmedaille. 1942 wurde er Mitglied der Royal Society und der American Philosophical Society. 1962 wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewählt.

In diesem judophoben Triumvirat Winogradow – Pontryagin – Schafarewitsch hielten die ersten zwei es nicht für richtig, direkt zu verkünden: „Ja, wir betrachten Juden als schädliches, gefährliches Volk und werden, solange wir leben, keinem von ihnen den Zutritt in unseren Bereich gewähren.“ Die „Ehre“, das Sprachrohr dieser Leitlinie zu sein, wurde Schafarewitsch zuteil. Das durchschnittliche Publikum seiner Bücher wurde mit den Geschichten über die blutrünstigen, heimtückischen Juden versorgt. Die Grundidee seines Traktats „Russophobie“ (1982) übernahm Schafarewitsch vom französischen Historiker Augustin Cochin, der als wahre Ursache sowie treibende Kraft der Französischen Revolution „das kleine Volk“ nannte, die Minderheit als eine antinational gesinnte Elite, welche dem „großen Volk“ ihre Ideen und Theorien aufnötigt.

Schafarewitsch behauptete, dass der Kern dieser „bösen Minderheit“ in Russland die auf eigenen Profit ausgerichteten Juden seien. Dieser Kern drängt dem „großen Volk“ „abwertende, gemein-verächtliche, mit hochnäsiger Ironie bestärkte Sicht auf alles Russische“: „Das Interesse des Menschen für die Arbeit und das Schicksal seines eigenen Landes schwindet; das Leben an sich wird zu einer überflüssigen Bürde; junge Menschen suchen einen Ausweg, indem sie irrationale Gewalttaten begehen, Männer werden zu Alkoholikern und Drogenabhängigen, Frauen gebären keine Kinder mehr, das Volk stirbt aus…“, schrieb er.

 

Nach dem Erscheinen der „Russophobie“ haben 31 in der Gesellschaft hochgeachtete Persönlichkeiten – russische Intellektuelle, Politiker, Wissenschaftler – einen Protestbrief veröffentlicht; unter den Verfassern waren Juri Afanassjew (1934 – 2015, russischer Politiker und Historiker, - Anm. d. Übers.), Dmitri Lichatschow (1906 – 1999, Philologe und Literaturhistoriker, - Anm. d. Übers.), Andrej Sacharow (1921 – 1989, Physiker, bekannt als „Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe“, Dissident, Friedensnobelpreisträger, - Anm. d. Übers.).

Ungeachtet dessen setzte Schafarewitsch seine Arbeit fort; eines seiner letzten Bücher war „Dreitausendjähriges Rätsel“ (2002). Im Vorwort zum Buch schrieben seine Herausgeber: „Der herausragende Denker unserer Zeit, Igor Schafarewitsch, ist nach seiner langjährigen Studie der Judenfrage zu dem Schluss gekommen, dass sie immer präsent war, sobald es um die Machtergreifung ging. So war es in Ägypten und Persien, in Rom und in der alten Khazaria, aber auch in nicht so ferner Vergangenheit in Russland.“

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Schon Mitte der 1960er Jahre gelang es einer Gruppe der Akademie-Mitglieder unter der Leitung von Winogradow und Pontryagin, die komplette mathematische Sektion der Akademie der Wissenschaften sowie die Redaktionen führender mathematischer und physikalisch-mathematischer Fachzeitschriften des Verlags „Nauka“ („Wissenschaft“, russ.) unter ihren Einfluss zu bringen. In den 1970er Jahren kontrollierten sie darüber hinaus die Gremien für Mathematik der Höchsten Qualifikationskommission und die fachwissenschaftliche Dissertationsbeiräte.

Absichtlich schwierigere Prüfungs-Aufgaben?

Zwischen 1964 und 1984 wurde kein Mathematiker jüdischer Herkunft in die Akademie der Wissenschaften der UdSSR gewählt. Diskrimination war allumfassend und staatlich verordnet. Sie begann bereits mit den Aufnahmeprüfungen an vielen angesehenen Universitäten; an der Staatlicher Universität Moskau wurde ab 1967 jüdischen Studenten der Zugang zu den Mathematik- und Mechanik-Studiengängen fast gänzlich verwehrt. Den Talentiertesten, den Siegern der Mathematik-Olympiaden wurden die kompliziertesten Aufgaben der internationalen Wettbewerbe angeboten, was laut Prüfungsbestimmungen verboten war. In die mündliche Prüfung wurden die Fragen vom höchsten Schwierigkeitsgrad eingebaut, welche den Rahmen des Schulprogramms bei weitem überstiegen.

Akademiemitglied A. Sacharow bemerkte, dass eine der Prüfungsaufgaben selbst ihn eine Stunde intensiver Arbeit zuhause gekostet hat, während ein Abiturient während der Prüfung dafür lediglich 20 Minuten Zeit hätte – unter den Augen eines unfreundlichen Prüfers. Dies führte dazu, dass 1977 die Fakultät für Mechanik und Mathematik der Staatlichen Universität Moskau einen einzigen jüdischen Studenten aufgenommen hatte, aus Angst vor einem internationalen politischen Skandal, denn Viktor Galperin, um den es sich bei diesem einzelnen Studenten handelte, wurde im gleichen Jahr Sieger des internationalen Mathematik-Wettbewerbs in Belgrad.

Und es gab sie, Skandale internationalen Ausmaßes aufgrund der Diskriminierung der Juden in der UdSSR. Ein bekanntes Beispiel: Im Mai 1980 boykottierten 40 Mathematiker mehrerer amerikanischen Universitäten das Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaft und Dekan der Fakultät für Mechanik und Mathematik der Nowosibirsker Uni, Juri Jerschow. Jerschow wurde in die USA im Rahmen des sog. James-Fulbright-Programms eingeladen. Von Senator J. W. Fulbright 1946 ins Leben gerufen, ermöglichte dieses Programm den amerikanischen Studenten, Lehrern und Professoren einen akademischen sowie kulturellen Austausch mit ihren Kollegen aus der ganzen Welt. Der Grund dieses Boykotts war die Beteiligung Jerschows an der antisemitischen Politik gegenüber seinen jüdischen Kollegen in der Sowjetunion: Es wurden Dissertationen jüdischer Wissenschaftler abgewiesen (was sie allerdings später nicht daran hinderte, berühmt zu werden); jüdische Namen strich man aus der Einladungsliste der Konferenz zum Thema Mathematische Logik in Kischinau 1976.

Darüber, wie diskriminiert und schikaniert Juden bei den Aufnahmeprüfungen an den Universitäten waren, schrieb unter anderem Edward Frenkel – Professor in Harvard, zurzeit Professor in Berkeley, bekannt durch seine Arbeiten im Bereich der Darstellungstheorie, algebraischer Geometrie und mathematischer Physik, Mitglied der American Academy of Arts and Sciences und der American Mathematical Society. Obwohl in der berühmt-berüchtigten „fünften Rubrik“ seines Passes „Nationalität: Russisch“ stand, da er eine russische Mutter und einen jüdischen Vater hatte, bekam Frenkel 1984 beim Vorstellungsgespräch an der Staatlichen Universität Moskau direkt gesagt: „Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit – Sie haben keine Chance.“

An den anderen, weniger prestigeträchtigen Hochschulen gab es Quoten: An der Staatlichen Universität für Erdöl und Erdgas in Moskau konnte Frenkel schließlich zusammen mit wenigen zum Studium zugelassenen jüdischen Abiturienten angewandte Mathematik studieren. Es gab lediglich zwei solcher Hochschulen in Moskau, wo junge Juden ihrer Begabung im Bereich der exakten Wissenschaften eine Perspektive geben konnten: Die besagte Universität für Erdöl und Erdgas sowie das Institut für Verkehrsingenieure; es gibt nicht wenige brillante Mathematiker, deren wissenschaftliche Karriere dort begann.

Dem Autor dieser Zeilen ist die geschilderte Situation bekannt: Als stellvertretender Dekan einer Fakultät an einer Hochschule in Charkow (damals Ukrainische SSR) 1982 – 1984 hatte ich mit der Aufnahmekommission zu tun, wo alle Abiturienten in  Gruppen aufgeteilt wurden – Russen, Ukrainer, Juden usw.; dabei wurde streng geprüft, dass die Zahl der zum Studium zugelassenen Juden nicht den „von oben“ definierten Rahmen übersteigt. (…)

Übersetzung aus dem Russischen von Irina Korotkina

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