Mehr als eine Million Mal ist das Video „Kollegah in Palästina“ des Rappers Felix Blume auf YouTube angeklickt worden. 

Von Stefan Frank

Felix Blume alias Kollegah ist ein deutscher Rapper, genauer gesagt: ein sogenannter „Gangster-Rapper“; er selbst nennt sich auch „Battle-Rapper“. Das bedeutet, dass sein Rap um sehr wenige Themen kreist. Es geht dabei um Gewalt, sexuelle Dienste und kriminelle Geschäfte. Zusammenfassend kann man sagen: Die gewaltsame Unterwerfung der anderen scheint das einzige Thema.

Das geht dann etwa so:

„Hundesöhne rennen vor dem Halbkanadier, ich komm‘ und zertrenne deine Halsschlagader / Bange mit der AK, bam bam, alle meine Bratans Member in der Balkanmafia / Nutte, meine Lambositze Alcantara, mache wieder mal ’nen Holocaust, komm‘ an mit dem Molotow“.

Immer wieder erwähnt wird in den Texten auch Blumes bzw. Kollegahs muslimische Religionszugehörigkeit, die wie selbstverständlich in das „Gangster“-Leben eingeflochten wird:

„Du feierst Ballermann-Sex, ich feier das Ramadan-Fest! / Ich baller dir sechs Kugeln ins Hirn; Nenn mich „Ballermann-Sechs“! / Ich vergewaltige jetzt jede Bitch in meinem Umkreis / Und ich gebe keinen Fick auf deren psychische Gesundheit.“

Die Tageszeitung „Die Welt“ nennt Kollegah den „lebenden Beweis dafür, dass harter Hip-Hop nicht hirnlos sein muss“. Seinen Erfolg – Hunderttausende verkaufte Platten – habe er sich „redlich verdient“, so die Zeitung.

2016 reiste Kollegah in die Nähe von Ramallah und produzierte dort ein Video, das manche eine Dokumentation nennen, das aber eher den Stil eines Musikvideos hat.

Man sieht Blume zunächst, wie er in einem schicken Auto durch die Gegend fährt und vermeintlich sachkundige Kommentare zur Lage in den „Palästinensischen Autonomiegebieten“ abgibt. Das Wesen des Films und seine Merkwürdigkeiten hat der Journalist und Rap-Kenner Marcus Staiger in einem Blogbeitrag treffend beschrieben:

„Felix Blume aka Kolle fährt nach Ramallah im Westjordanland, um da mal ein bisschen Zug in die Sache zu bringen. Dabei ist schon von der ersten Einstellung an klar, auf welcher Seite die Sympathie des Hauptdarstellers liegt. Man sieht die neun Meter hohe Mauer, die Israel von den palästinensischen Autonomiegebieten trennt und die tiefe Wunden in der palästinensischen Geografie und Seele geschlagen hat. Doch statt in diesem Zusammenhang die Menschen zu Wort kommen zu lassen, die unter dieser Mauer zu leiden haben, dienen diese dem Boss, der neuerdings auch Imperator ist, lediglich als Stichwortgeber. Kaum ein Satz, der nicht ausgeblendet wird. Kaum ein Gespräch, das zu Ende geführt wird. Stattdessen übersetzt, erklärt und interpretiert Kollegah das Gehörte – alles gleichzeitig. Da ist kein vorsichtiges Fühlen, wie es den Leuten wirklich geht. Da gibt es keine Nachfragen. Kolle kommt, weiß Bescheid und macht die Sachen klar, was die gesamte Doku dann auch extrem holzschnittartig wirken lässt, und so, als wäre die Story schon vorab geschrieben und nur noch mit den richtigen Bildern bestückt worden.“

Warum gibt es die „Mauer“?
Eine Frage, die weder Kollegah noch Staiger aufwerfen, ist, warum es die „Mauer“ – die zum großen Teil ein Zaun ist – überhaupt gibt. Diese Grenzanlage war ja nicht immer da. Sie wurde gebaut, weil Jassir Arafat und die Hamas entschieden hatten, im großen Stil Bewaffnete nach Israel zu schicken, um dort Massaker zu verüben. Diese sogenannte „zweite Intifada“ kostete über tausend Israelis das Leben, viele von ihnen Kinder. Es schien, als würde das Morden niemals enden. Doch der Schutzzaun hat es sehr effektiv eingedämmt. Dass es ihn geben muss, ist bedauerlich – vor allem, wenn man bedenkt, dass die Situation für alle Beteiligten in den 1980er Jahren eine angenehmere war: Jeder Bewohner von Ramallah, Hebron, Nablus oder Gaza konnte ungehindert nach Israel reisen; Israelis konnten in die andere Richtung reisen, niemand musste Checkpoints passieren, man stieg einfach in den Bus. Es war dann ausgerechnet der „Friedensprozess“ – in dessen Zuge Arafat und seine Leute freie Hand bekamen, Sprengstoff und Sturmgewehre in die neugeschaffenen „Palästinensischen Autonomiegebiete“ zu bringen, um damit Israelis zu töten –, der dem Zustand ein Ende setzte, der aus Sicht von heute wie ein relativer Frieden erscheint.

„Es kann sein, dass die mich da reinziehen“
Kollegah aber fragt nicht, gegen welchen Angreifer sich die Verteidigungsanlage richtet, sondern gibt sich seiner Paranoia hin:

„Wir sind hier an einem der gefährlichsten Plätze. In dieser Richtung ist Ramallah, das ist so das Maximum, bis wohin man als Palästinenser kommen kann. Hinter diesen Checkpoint kommt man nicht mehr. Wenn wir 20 Meter weiter gehen würden mit den Jungs hier, dann gäb’s direkt Palaver. Da oben sind Soldaten, die gucken auf uns. Guck mal da oben!“

Ein anderes Mal steht er inmitten eines Checkpoints und sagt: „Wenn ich weitergehe kann es sein, dass die mich da reinziehen.“ Der bizarre Film hat zwei Seiten; auf der einen Seite folgt er dem gängigen Muster der sogenannten Nahostberichterstattung: Alles, was Israel unternimmt, dient angeblich keinem anderen Zweck, als die arabischen „Palästinenser“ zu demütigen und zu drangsalieren. Kollegah fährt durch ein Gebiet, das er „Niemandsland“ nennt und sagt: „Hier können die Israelis jederzeit rein und raus.“ Was tun die Israelis? Kollegah sagt es nicht, aber es können nur schlimme Dinge sein. Ein anderes Mal erzählt er:

„Hier können die Israelis machen was sie wollen, gestern morgen 6 Uhr Schulkind mitgenommen.“

Warum haben sie das getan? Warum sollten sie das „wollen“? War das „Schulkind“ unschuldig, oder hatte es vielleicht ein Gewaltverbrechen verübt? Eine Frage, die Kollegah naturgemäß nicht stellt. Er erklärt auch nicht, warum er im Mausoleum von Jassir Arafat einen Kranz niederlegt. Ist der Erfinder des modernen Terrorismus ein Idol für Gangsterrapper?

Auf der anderen Seite ist der Film auf eine krude Art ehrlich: Jeder Zuschauer, der etwas wachsamer ist als Kollegah, kann in dem Streifen durchaus Wahrheit entdecken, die zu verstecken Blume, der kein Experte der Manipulation ist, vergessen hat. Schon sein Besuch im „Flüchtlingslager“ Al-Amari, in dem „Flüchtlinge“ des Krieges von 1948 leben, sollte beim verständigen Zuschauer die Frage provozieren, wie ein Mensch 70 Jahre lang „Flüchtling“ sein kann. Leben die Juden, die zur selben Zeit aus arabischen Ländern vertrieben wurden, ebenfalls in „Flüchtlingslagern“?

Verfallene Häuser, noble Autos
Den Menschen in den Lagern gehe es „am schlechtesten“, sagt Kollegah, die hätten nicht einmal Häuser, „seit 70 Jahren, als ihnen die Häuser weggenommen wurden und sie dachten, sie können nach drei Wochen nach Hause“. Das ist eine der interessanten Aussagen des Films. Wenn die Araber gewaltsam aus ihren Häusern vertrieben worden wären, warum hätten sie dann denken sollen, dass sie „nach drei Wochen“ wieder nach Hause können? Hier hat sich unbeabsichtigt Wahrheit eingeschlichen: Es waren der Großmufti und die arabischen Armeen, die die Araber „Palästinas“ zum Verlassen ihrer Häuser aufgefordert haben, um freie Schussbahn zu haben. Nach drei Wochen, so glaubten sie, würden sie die Juden besiegt haben, dann würden die arabischen Bewohner nicht nur in ihre Häuser zurückkehren können, sondern bekämen auch noch den Besitz ihrer jüdischen Nachbarn.

Apropos Besitz: Die „Flüchtlinge“ leben selbstverständlich sehr wohl in Häusern; und auch wenn diese Kollegah nicht gefallen wird („Die miserabelste Gegend. Scheiße. Urlaub macht man hier nicht, und das Ganze widerrechtlich“), sind sie nicht so schlimm wie die Slums von Amman oder Kairo. Auch ist Kollegahs Nobelkarosse bei weitem nicht das einzige teure Auto, das im Film in der angeblich so miserablen Gegend zu sehen ist. Noble Autos, verfallene Häuser: Ist die soziale Problematik vielleicht einfach eine Folge der Prioritätensetzung beim Ausgeben der Hilfsgelder? Für alle „palästinensischen“ „Flüchtlinge“ ist die UN-Organisation UNRWA zuständig. Sie finanziert und betreibt auch Schulen. Kollegah aber erweckt den Eindruck, er sei seit 1948 der erste, der sich um die Einrichtung von Schulen kümmert. Es gebe „keine Fördergelder für Bildungseinrichtungen“. Kollegah steht in einem leeren Klassenraum und sagt: „Wie man sehen kann, ist hier gar nichts, da liegen ein paar Kabel rum und das war’s.“ Dann erteilt er Anweisungen: „Du schreibst auf, was ihr braucht, Computer, Tische, wir bringen das hier hin.“ Ein Kollege preist Kollegah: „Wenn du nicht wärst, wäre hier in den nächsten fünf Jahren gar nichts.“

Es ist keinesfalls unwahrscheinlich, dass es in den Schulen der „Flüchtlingslager“ am Nötigsten fehlt, weil es Funktionäre gibt, die das dafür vorgesehene Geld abzweigen, um sich beispielsweise neue Autos zu kaufen. Man wünscht sich, man könnte Kollegah ins Büro der UNRWA schicken, damit er dort bohrende Fragen nach dem Verbleib der internationalen Hilfsgelder stellt – so, wie es die Filmemacher Joachim Schroeder und Sophie Hafner ja in ihrem Film Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa gemacht haben.

Kinder, die Raketen verkaufen
Da der Terror gegen Israelis allgegenwärtig ist, kann auch Kollegah ihn nicht ganz ausblenden. In einer Szene kauft er einem Kind einen Luftballon ab, der einer jener Kassamraketen nachgebildet ist, mit denen Israelis seit 15 Jahren beschossen werden. Ein anderes Mal beschreibt der Film zwei Versionen eines Terroranschlags, der während der Dreharbeiten verübt worden war. Zuerst erzählt Kollegah an einem Checkpoint:

„Gestern als ich gekommen bin, ist vier Stunden nachdem ich hier war, ein Palästinenser erschossen worden, der mit einem Messer auf einen Soldaten losgegangen ist. Genau hier.“

Dann kommt jemand hinzu, der den Vorfall anders darstellt: Ein israelischer Soldat habe aus der Entfernung auf einen „Palästinenser“ geschossen und sei schießend immer näher auf den „Palästinenser“ zugekommen. Als er dann nahe genug gewesen sei, habe der „Palästinenser“ ein Messer gezogen und angefangen, sich zu verteidigen.

„Wer mich als Antisemit bezeichnet…“
In einem Epilog zu seinem „emotionalen Trip“, den Kollegah auf Facebook gepostet hat, sagt er:

„Wer mich jetzt als Antisemit bezeichnet, das ist immer relativ schnell passiert in Deutschland, ich sag euch, ich hab hier orthodoxe Juden gesehen, die haben genauso gegen das zionistische System protestiert und demonstriert, sind genauso davon abgefuckt wie die Palästinenser.“

Ein Fan kommentiert:

„Ich hab nix gegen Juden leider muss ich zugeben ich kenne glaube ich keinen aber wenn dieser Zentralrat der Juden den Mund auf macht kann ich gar nicht so viel fressen wie ich kotzen möchte.“

Ein anderer analysiert:

„Also generell hat glaub ich von der heutigen generation (nazis ausgeschlossen) gegen juden…nur ihre art stört viele und stösst wie hier auch gegen leute die nichts gegen sie haben… zu dem thema hab ich mal ne frage an die juden die den beitrag auch lesen … wieso jammert ihr immernoch über den 2. weltkrieg geschweige denn über alles was gegen euch ist?? der weltkrieg ist lang vorbei und die heutigen menschen haben nix mehr damit zutun auser schulden abzahlen… warum also immer so tun als wärt ihr die opfer?? klar es war schlimm und falsch aber das was ihr macht ist auch nicht richtig lasst doch die vergangenheit ruhn und fangt neu an… wenn jemand was gegen eich sagt nehm es wie der raper hier.“

Einer fragt:

„Warum wird Antisemitismus so ernst genommen? Prinzipiell ist es ein Interessenkonflikt. Oder eine Meinungsverschiedenheit! Was nehmen sich irgendwelche Glaubensgemeinschaften immer raus, andere mit ihren spekulativen befindlichkeiten zu nerven?! Das ist verficktes lästern… mehr nicht! Pussyscheisse.“

Und einer beschwert sich:

„Weil man Palästina unterstützt ist, ist man direkt Antisemit oder was? #TerrorstaatISrael“

Der Abspann des Epilogs hat es in sich. Untermalt von Rapmusik sieht man bei Minute 8:00 als Hamas-Kämpfer verkleidete Kleinkinder, die Nachbildungen von Kalaschnikows in die Luft recken, andere, die damit während eines militärischen Drills über den Boden robben. Eine authentische Szene, wie sie in Gaza leider gang und gäbe ist. Damit ist auch die Frage beantwortet, welche Verbindung Kollegah zu „Palästina“ hat: Gewalt gegen Unschuldige zu verüben oder, wie im Falle des Gangsterrap, zu verherrlichen, ist heute nicht mehr verpönt, sondern wirkt auf viele Menschen auf eine perverse Art anziehend. Das hat Jassir Arafat erkannt. Kollegah auch. Das gemeinsame Motto der beiden: „Bange mit der AK, bam bam!“ Oder, wie es in einem anderen Rap heißt: „Ich schick dich über’n Jordan wie’n Israeltourist!“