Juli 3, 2014 – 5 Tammuz 5774
Vergessene Menschen, vergessene Kultur

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Wie jüdische Frauen und Männer die Entwicklung von Zagreb mitprägten. Eine Spurensuche 

Begibt man sich in der kroatischen Hauptstadt
Zagreb auf Spurensuche nach dem jüdischen
Leben und Wirken, so muss man keinesfalls
lange suchen. Das facettenreiche Gemeindeleben
der Juden florierte schon seit Mitte des 19.
Jahrhunderts, als sich die ersten jüdischen Einwanderer,
aus der ganzen Habsburgermonarchie
kommend, in Zagreb niederließen. Obwohl die
Bevölkerungszahl der Juden im österreichischungarischen
Kronland Kroatien-Slawonien und
ab 1918 im Königreich der Serben, Kroaten und
Slowenen bzw. seit 1929 im Königreich Jugoslawien,
nie mehr als 1 Prozent der Gesamtbevölkerung
ausmachte, prägte das aschkenasische
und sephardische Judentum nicht nur die verschiedenen
lokalen jüdischen Gemeinschaften,
sondern auch die wirtschaftliche, politische und
kulturelle Entwicklung des südslawischen Landes.
Die Teilnahme von Juden am Aufbau von
Banken, Großunternehmen und Fabriken war
groß und führte zur Modernisierung und zum
beschleunigten Wirtschaftswachstum. Gerade
in Zagreb war ein gesellschaftlicher Aufstieg für
das Judentum gegeben: Auch wenn in der Zwischenkriegszeit
nur 12,7 Prozent jugoslawische
Juden in Zagreb lebten, gab es dort, betrachtet
man die Gesamtzahl der Juden in den jeweiligen
Berufszweigen, 17,8 Prozent jüdische Ärzte, 19,2
Prozent jüdische Anwälte und 21,3 Prozent jüdische
Industrielle.
Das geschäftige Zentrum der Stadt umfasste
zahlreiche Läden jüdischer Händler, in denen
Textilien, Schuhe, Schmuck, Bücher, Esswaren
und Musikinstrumente zu finden waren.
Juden gründeten Kinos und Kaffeehäuser,
bauten Hotels und eröffneten Fotoateliers. Erfolgreiche
Unternehmerfamilien engagierten
sich, neben ihrer beruflichen Tätigkeit, ehrenamtlich
für das soziale Wohlergehen ihrer
Mitbürger/innen. So richtete der Großhandelskaufmann,
Industrielle und königliche Berater
Šandor Alexander Sesvetski (1866–1929) aus
der einflussreichen Familie Alexander, welche
ursprünglich aus der burgenländischen Stadt
Güssing kam, im Rahmen seiner Stiftung
«Ernährung» (Prehrana) Suppenküchen für
bedürftige Schüler, Studenten und – seit Ausbruch
des Ersten Weltkriegs – für arme Familien
ein, deren männliche Familienangehörige
zum Kriegsdienst eingezogen worden waren.
Verdienst dieser Stiftung war die Gründung
der Zentralen Mensa der Universität Zagreb.
Leopold (Lavoslav) Schwarz (1837–1906),
ebenfalls erfolgreicher Unternehmer, gründete
verschiedene soziale Einrichtungen für Juden
und Nichtjuden, darunter das erste jüdische
Altenheim in Zagreb, welches bis heute seinen
Namen trägt. Zudem vergaben, auf seine Initiative,
die Stadt Zagreb und die Jüdische Gemeinde
in Zagreb Stipendien an jüdische und
nichtjüdische Studenten.
Andere Unternehmer, wie der Textilhersteller
Salomon Berger (1858–1934), erwiesen sich
als leidenschaftliche Sammler von Kunstgegenständen.
So veranlasste Berger, dass das Ethnographische
Museum in Zagreb im Jahre 1919
gegründet wurde. Gravierender technischer
Fortschritt in Kroatien ist sicherlich dem Unternehmer
und ersten jüdischen Abgeordneten
im kroatischen Parlament, dem «Sabor», Dr.
Ljudevit Schwarz zu verdanken, der dafür sorgte,
dass in Zagreb die Tram, auch heute noch,
als eines der wichtigsten Verkehrsbewegungsmittel
genutzt wird. Sein Vater, der damalige
Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, führte
das erste Telefon in der Hauptstadt ein.
Zagreb war im 19. und 20. Jahrhundert auch
eine Stadt der jüdischen Erfinder: So würden
wir heute nicht mit dem Kugelschreiber unterzeichnen
können, wenn der Chemiker und
Ingenieur Slavoljub Eduard Penkala nicht den
mechanischen (Druck-)Stift erfunden und
ihn, gemeinsam mit den jüdischen Unternehmer
Edmund Moster (1873–1942), produziert
hätte. Der Luftfahrtpionier David Schwarz
(1845–1897), der lange Zeit seines Lebens
in Zagreb verbracht hatte, erfand ein starres
Luftschiff, den Zeppelin. Graf Ferdinand von
Zeppelin (1838–1917) kaufte nach dem Tod
von Schwarz das Patent für die Erfindung und
wurde dadurch weltberühmt.
Auch spielten Juden als Maler, Architekten,
Musiker und Schauspieler im kulturellen Milieu
eine herausragende Rolle. Zu den wichtigsten
aschkenasischen Malern zählen Oskar
Herman (1886–1968) und Artur Oskar Alexander
(1876–1953).

Die achtjährige Lea Deutsch bei einem Auftritt in Zagreb im Jahre 1935. Sie wurde 1943 auf dem Transport nach Auschwitz ermordet.

Die achtjährige Lea Deutsch bei einem Auftritt in
Zagreb im Jahre 1935. Sie wurde 1943 auf dem
Transport nach Auschwitz ermordet

Herman war einer der
Begründer der kroatischen Moderne. Er studierte
bis zur Machterlangung der Nationalsozialisten
Kunst in München und floh daraufhin
in seine Heimatstadt Zagreb, wo er bis 1941
seinem Beruf nachgehen konnte. Der Zagreber
Maler Oskar Artur Alexander besuchte die Pariser
und Münchener Akademie der Bildenden
Künste. In Paris porträtierte er sowohl Émile
Zola (1840–1902) als auch Oscar Wilde (1854–
1900). Alexander war Mitglied des Wiener
Hagenbundes und Mitbegründer der «Gesellschaft
der kroatischen Künstler».

Von Martina Bitunjac

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