August 5, 2016 – 1 Av 5776
Unsichtbares sichtbar machen

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Das Jüdische Museum Westfalen zeigt in einer Sonderausstellung Bilder des Künstler Yury Kharchenko  

Von Simone Scharbert

„Wege des Unsichtbaren“, so lautet der Titel der aktuellen Ausstellung des deutsch-russischen Künstlers Yury Kharchenko im Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten. Eine Ausstellung, für die man ausreichend Zeit einplanen sollte, nicht nur der großen Vielfalt und Anzahl der gezeigten Bilder wegen.

Mit „Wege des Unsichtbaren“ macht der in Berlin lebende Maler Yury Kharchenko den Besuchern unterschiedlichste Begegnungen mithilfe seiner Kunst möglich: Sei es mit Traditionen der jüdischen Kultur, Fragen der eigenen Identität oder auch, ganz konkret, mit lyrischen Versatzstücken von Nelly Sachs und Paul Celan, die er in seine Werke miteinbezieht. Eine außergewöhnlich vielschichtige Schau, die ihren Besucher im wahrsten Sinne des Wortes neue Wege durchs Museum sichtbar macht, aber auch von alten Wegen in Geschichte und Tradition der jüdischen Kultur erzählt.

Spannungs- und Verbindungselemente innerhalb dieser Wege werden durch Yury Kharchenkos Entscheidung erzeugt, einige seiner Bilder mit in die Dauerausstellung zu integrieren. Für manchen Besucher vielleicht eine ungewohnte Art der Präsentation, aber von großem Mehrwert. Inmitten traditionell-historischer Ausstellungsobjekte wie Judenstern-Aufnäher aus den 30er Jahren oder alter Bücherfunde finden sich Yury Kharchenkos Bilder wieder: Mal sind sie versteckt unterhalb der Exponate gehängt, mal finden sie sich in Nähe zu hebräischen Zitaten. Intuitiv begibt man sich so auf die Suche nach weiteren Bildern, sieht die Dauerausstellung mit anderen Augen und oft auch aus einer anderen Perspektive. Manche Ausstellungsstücke werden kontrastiert, manche erhalten einen Bezug zur Gegenwart. Etwa das großflächige Porträt von Yury Kharchenkos Frau im Brautkleid, das zwischen Schwarz-Weiß-Bildern des Dortmunder Fotografen Dirk Vogel hängt, der seit Jahren immer wieder jüdisches Gemeindeleben dokumentiert. Verstärkt werden diese unterschiedlichen Wahrnehmungsgeflechte durch Paul Celans „Todesfuge“, die im Raum im Originalton Celans zu hören und wichtiger Teil von „Wege des Unsichtbaren“ ist.

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts /
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends /
wir trinken und trinken /
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt /
Der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete /
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Der Monitor mit einer Schwarz-Weiß-Fotografie von Paul Celan hängt direkt neben einem Bildnis des Papst Pius Paul III. – Monitor und Bild korrespondieren so miteinander, wenn es der Betrachter zulässt. Die an Schlangen erinnernden Hände des Papstes finden ihre Symbolik in der „Todesfuge“ ebenso wieder wie blutrote Farben in Hinblick auf thematisierten Massenmord und Völkervernichtung. Derartige Korrespondenzen innerhalb des Raums von Gegenständen und Aktualitätsbezügen tauchen auf, oft auch als Überraschungsmoment. Etwa dann, wenn die bunten Farben eines von Yury Kharchenkos Bildern zur „Todesfuge“ deutlich als deutsche Farben hervortreten und an aktuelle gesellschaftspolitische Diskussionen zur „Patriotismusfrage“ erinnern. (…)

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