Bei einer Veranstaltung in Chemnitz kommt es zum Eklat  

Von Isi Tenenbom

Der Spiegelbestseller „Allein unter Juden – Eine Entdeckungsreise“ von Tuvia ​Tenenbom ​sorgte in Deutschland und Israel in den letzten Jahren für so viel Aufsehen, dass mittlerweile fast jeder Knesset-Abgeordnete in Israel ein Exemplar hat. Gesetze (transparency law) wurden auf Grund ​der Enthüllungen dieses Buches (besonders solcher, die im Zusammenhang mit deutschen Stiftungen und der Verwendung deutscher Steuergelder in Israel stehen) geändert.

Es ist für mich immer wieder atemberaubend zu sehen wieviel die Macht des Wortes, die Macht des Buches bewegen kann!

So wie an einem regnerischen Tag letzte Woche im historischen Tietz-Gebäude in Chemnitz:

Die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) lud meinen Mann Tuvia ​Tenenbom ​und mich ein aus New York zu einer Diskussion nach Chemnitz zu kommen, um dort im Rahmen der Jüdischen Kulturtage über den Inhalt seines Buches zu diskutieren.

Wir waren sehr erstaunt über die weltoffene, großherzige Haltung der KAS, weil die Aktivitäten der Stiftung in „Allein unter Juden“ nicht eben im besten Licht stehen. Im Gegenteil: Die KAS in Israel wird darin als einseitig pro-„palästinensisch“, rassistisch und antisemitisch entlarvt. Natürlich alles mit Parteigeldern und von vorwiegend deutschen Steuergeldern finanziert.

Was also hat sie bewogen uns einzuladen? Hat dort überhaupt jemand das Buch gelesen?

In einer völlig ausverkauften Halle (Dutzende mussten wieder gehen) wurden wir zuerst herzlich begrüßt und es wurde allen voller Stolz verraten, dass sich zur Zeit weitere 14 Israelis ​im Zuge eines akademischen Austauschprogrammes ​in Chemnitz dank der KAS aufhalten. Zuerst wurde das besagte Kapitel 15 aus dem Buch vom Moderator vorgelesen. Dieses erzählt von den Friedensbemühungen der KAS und dokumentiert auf Grund von Beispielen die Vorgehensweise solcher Aktivitäten und wie die KAS selbsthassende Juden zu PR-Zwecken rekrutiert. Es erzählt auch die Geschichte eines gemeinsamen Ausflugs von Israelis und „Palästinensern“ aus dem Westjordanland in ein Luxushotel im benachbarten Jordanien, der dazu dienen soll, dass sich die beiden Seiten annähern . Das Problem ist nur, dass Westjordanland-„Palästinenser“ nicht teilnehmen wollten, und deshalb durch ausländische Volontäre oder Araber aus Jerusalem und Jordaniern vor Ort ersetzt wurden. Die Konferenzsprache ist Englisch, das die meisten nicht beherrschen. Die israelischen Teilnehmer sind Linke, die die „palästinensische“ Sache unterstützen. Es ist verboten über Politik zu sprechen. Das Fazit der Konferenz: Israelis sind brutale Besetzer und „Palästinenser“ Engel. Kostenpunkt: 45.000 Euros. ​

Nach der Lesung folgte sogleich die Diskussion mit Fragen aus dem Publikum. Ich übersetzte so gut wie möglich die emotionalen Fragen und ​Tuvias Antworten. Niemanden im Publikum ließ die Thematik kalt, ein großer Teil applaudierte, fünf Leute standen demonstrativ auf und verließen den Saal. Am Ende der Veranstaltung versuchte Frau Büchel, die KAS-Vertreterin, dem Publikum zu versichern, dass ihre Stiftung doch durchaus gut sei, doch sie wurde nur ausgebuht.

Anschließend herrschte großer Andrang bei der Büchersignierung und für Fotos mit Tuvia.

Frau Büchel sagte das anschließende gemeinsame Abendessen ab, denn sie war tief erschüttert, dass Tuvia öffentlich erwähnte, dass Europa heutzutage pro-„palästinensisch“ sei und eine 2000 Jahre alte antisemitische Geschichte habe. ​

Sind das wirklich Neuigkeiten? Wusste sie das wirklich nicht? ​

Sie sei als Europäerin tief getroffen gewesen, da sie doch unparteiisch und fair sei.
Man gab uns auch nicht mehr die Hand und uns wurde angeboten entweder schnell mit einer Volontärin wegzufahren oder uns im Regen zu verpieseln. Statt mit uns zu essen, fuhr Frau Büchel davon. ​– Das ist die friedensstiftende Konrad-Adenauer-Stiftung.

Am Tag darauf, einem regnerischen Tag, wurde Machmud Abbas von der KAS nach Berlin eingeladen. Das war sicher ein netter Abend.

Mit freundlicher Genehmigung der Chemnitzer Regionalzeitung ​„Freie Presse“ drucken wir den Artikel der Journalistin Jana Peters, die den Vorfall folgendermaßen beschrieb:

„Bestseller-Autor in Chemnitz - Diskussion endet im Eklat
Bei einer Veranstaltung in der Volkshochschule hat der Referent die einladende Adenauer-Stiftung als antisemitisch kritisiert. Der Publizist ist vor allem empört über das, was nach der Debatte passierte.

So heftig wird selten öffentlich gestritten. Die Zuschauer, die am Mittwochabend einen Platz im Veranstaltungssaal des Tietz ergattert hatten, wurden Zeugen einer ungewöhnlich hitzigen Debatte. Der Saal war mit 130 Gästen voll besetzt. Rund 20 Personen die zu Vortrag und Diskussion mit dem Autor Tuvia Tenenbom zu seinem Buch „Allein unter Juden - Eine Entdeckungsreise durch Israel“ gekommen waren, mussten wieder gehen.

Das Buch erschien im November 2014 und war ein Bestseller in Deutschland. Tenenbom, der 1957 in Tel Aviv als Sohn eines Rabbiners geboren wurde und seit 1981 in New York lebt, beschreibt darin eine Reise durch Israel auf der Suche nach dessen kultureller und politischer Identität. Bei der Veranstaltung am Mittwoch las ein Moderator das Kapitel 15 vor. Darin beschreibt Tenenbom eine Tagung der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), zu der israelische und palästinensische Lehrer eingeladen waren, um sich kennenzulernen. In ironisch, flapsigem Ton beschreibt Tenenbom den Ablauf dieser Friedensbemühungen. Er stellt dar, dass die Teilnehmer alle pro palästinensisch gewesen seien. Selbst die jüdischen Tagungsgäste seien nicht vom Existenzrecht Israels überzeugt gewesen. Der Autor kritisiert weiter, dass keine Araber aus Ramallah, wo keine Juden leben, eingeladen waren. Gerade für sie hätte es sinnvoll sein können, Juden kennenzulernen. Tenenbom beschreibt die Veranstaltung, die 45.000 Euro deutsches Steuergeld gekostet haben soll, als sinnlos. Sprache der Tagung sei Englisch gewesen, was viele der Teilnehmer aber gar nicht beherrscht hätten. „Vermutlich ist es auch eine tolle Idee, Leute zusammenzubringen, die sich gegenseitig nicht verstehen, und auf diese Weise sicherzustellen, dass sie nicht miteinander sprechen können“, schreibt er.

Eingeladen zur Veranstaltung im Tietz hatte die KAS. Nach dem Lesen des Kapitels entspann sich auf dem Podium eine Diskussion zwischen Tenenbom und einer Vertreterin der Stiftung. Gestern sagte Tenenbom, der dafür bekannt ist, mit Kritik nicht sparsam umzugehen, er habe den Eindruck, der Inhalt seines Buches sei den Organisatoren nicht bekannt gewesen. Die Vertreterin der KAS habe sich von seinen Ausführungen persönlich angegriffen gefühlt. Er habe gesagt, die Stiftung agiere in Israel pro palästinensisch und antisemitisch, außerdem sei Europa seit 2000 Jahren antisemitisch. Die Diskussion sei sehr angespannt gewesen. Danach habe sich die Mitarbeiterin der KAS geweigert, mit ihm und seiner Frau ​Isi ​zu Abend zu essen, selbst seine Hand habe sie nicht schütteln wollen. „Ich wurde behandelt wie ein Hund. Das war unmenschlich“, sagte der 59-Jährige. Ab heute sei er auf der Leipziger Buchmesse. Um der Einladung der KAS zu folgen, sei er extra früher angereist. Dass er überhaupt von der KAS eingeladen wurde, habe ihn überrascht. „Aber ich dachte, das ist Demokratie, dann diskutieren wir eben“, so Tenenbom.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung äußerte sich gestern nur über ihren Pressesprecher, Tobias Bott. Er sagte, die Mitarbeiterin habe das Buch natürlich gekannt und sei auf einen kontroversen Abend vorbereitet gewesen. Die Stimmung sei vielleicht etwas verschnupft gewesen, weshalb es dann nicht zu einem gemeinsamen Essen gekommen sei. „Das ist aber auch kein Pflichtpunkt“, so Bott. Ein Händeschütteln habe die Mitarbeiterin nicht verweigert, es habe sich schlichtweg nicht ergeben. Die Veranstaltung sei „anders temperiert als erhofft“ gewesen, räumte der Sprecher ein.

Etwas deutlicher wurde die Volkshochschule, die Mitveranstalter war. „Nicht nur die Veranstalter, sondern auch ein großer Teil des Publikums waren überrascht vom provozierenden Auftritt des Gastes und seinen Ausführungen“, heißt es in einer schriftlichen Antwort auf Nachfragen von „Freie Presse“. Die Anwesenden hätten sich konfrontiert gesehen mit Pauschalisierungen zum Verhalten der Deutschen und Europas gegenüber Juden und dem Staat Israel. Einen Beitrag zum respektvollen Umgang miteinander habe der Auftritt deutlich vermissen lassen. Ein Besucher der Veranstaltung, ​der anonym bleiben möchte, beschreibt ebenfalls, dass Tenenbom provokant aufgetreten sei und ohne Belege pauschal geurteilt habe.

Tenenbom sagte gestern, er halte keineswegs jeden Europäer für antisemitisch. Es sei aber ein Fakt, dass sich Europa in der Geschichte antisemitisch verhalten habe.“

Tuvia Tenenbom
Allein unter Juden: Eine Entdeckungsreise durch Israel
suhrkamp taschenbuch
ISBN: 978-3518466841
www.amazon.de/Allein-unter-Juden-Entdeckungsreise-taschenbuch/dp/3518466844

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