Juli 7, 2017 – 13 Tammuz 5777
„The Happiest Man“

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Interview mit Jasmin Lord zu ihrem neuen Dokumentarfilm über den 97-jährigen Holocaust-Überlebenden Eddie Jaku  

JÜDISCHE RUNDSCHAU:
Liebe Jasmin Lord, in Deinem ersten eigenen Dokumentarfilm „The Happiest Man“, bei dem Du auch selbst die Regie geführt hast, geht es um einen ehemaligen Auschwitz-Häftling, Eddie Jaku, der nach über 30 Jahren erstmals von seinen prägenden Erfahrungen spricht. Er lebt heute mit seiner Frau in Sydney und hält zahlreiche Vorträge an Schulen, wo er die Jugendlichen auf eine ganz persönliche Weise erreicht und berührt.
Auch für mich war es äußerst beeindruckend zu erfahren, welche Lebensfreude dieser Mann trotz des Verlustes nahezu seiner gesamten Familie noch im betagten Alter von 94 Jahren an den Tag legt. Welche Eindrücke hat Dir dieser Mann vermittelt? Was hat dich dabei besonders bewegt?

Jasmin Lord:
Die Kontaktaufnahme war nicht gerade einfach. Ich bin über einen Artikel auf Eddie aufmerksam geworden und habe versucht von Deutschland aus über das Sydney Jewish Museum, in dem er arbeitet, Kontakt zu ihm aufzunehmen (www.sneakymag.com/life/eddie-jaku-ran-nazis-decade/). Als das nicht so richtig funktionierte, entschloss ich, selbst nach Australien zu reisen. Erst in Sydney angekommen, wurde ich richtig nervös und hatte Bedenken, ob dieser Mann, der nach 70 Jahren keinen Fuß auf deutschen Boden gesetzt hat, überhaupt mit mir sprechen wollte. Als ich ihn dann nach fast zwei Wochen kennenlernen durfte, empfing Eddie mich jedoch unglaublich herzlich. Ich begleitete ihn für einen Tag zu seinen Vorträgen im Sydney Jewish Museum, wo er mit Schulklassen über den Holocaust spricht. Das Besondere an ihm ist, dass er sich angesichts des ihm zugefügten Leids bewusst entschieden hat, nicht zu hassen und sich bis heute mit 97 Jahren gegen das Unrecht und für andere Menschen engagiert. Kurz vor meiner Abreise, fragte ich ihn dann ob ich eine Dokumentation über ihn drehen dürfe. Obwohl Eddie alle Anfragen in diese Richtung in den letzten Jahren abgelehnt hatte, sagte er mir schließlich zu.

JÜDISCHE RUNDSCHAU:
Nun sind Zeitzeugen als Quellen seitens der Forschung nicht unumstritten und die Anzahl derjenigen Personen, die aus eigenem Erleben über die grauenhaften Erfahrungen in den Konzentrationslagern der Nazis berichten können, nimmt stetig ab. Welche Herausforderungen siehst Du bei der Geschichtsvermittlung über die Zeit des Nationalsozialismus und die Schoah in Deutschland?

Jasmin Lord:
Das Besondere an Eddie ist, dass er ohne jegliche Verbitterung, voller Liebe und sogar mit Humor den Jugendlichen seine Geschichte erzählt, und somit einen ganz besonderen Zugang zu ihnen findet. Vielleicht ist genau diese Art von Vermittlung sehr wichtig um junge Menschen zu erreichen.
Der Film verfolgt den Anspruch, frei von langen Aufreihungen historischer Fakten und großen politischen Theorien, einen Einblick in das Schicksal eines besonderen Menschen zu vermitteln. Anhand seines Lebens lassen sich diese „großen“ Themen aufgreifen und gerade auch jungen Menschen somit verständlich machen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU:
Welchen Bezug hattest Du vor den Arbeiten an „The Happiest Man“ zum Judentum und den Erfahrungen der Schoah? Wie hat sich dieser während und nach den Dreharbeiten verändert?

Jasmin Lord:
Vor der Dokumentation gingen meine Kenntnisse über den Holocaust nicht über das profane Basiswissen hinaus. Der Bezug und die vielen Recherchen zu der Thematik entstanden vielmehr aus der Berührung und dem Kontakt mit der Persönlichkeit Eddie Jakus.
Die sehr spontane Entscheidung, einen Film über einen Holocaustüberlebenden zu produzieren ergab sich unmittelbar nach dem Kennenlernen von Eddie Jaku.

JÜDISCHE RUNDSCHAU:
Nun zu Deiner Person: Du bist Halbkolumbianerin und studierst derzeit Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg. Wann und wie hast Du deine Leidenschaft für das Schauspiel entdeckt? Was ist Dein persönliches Erfolgsrezept?

Jasmin Lord:
Meine Leidenschaft für die Schauspielerei habe ich mit etwa 8 Jahren entdeckt, als mich meine Klassenlehrerin Frau Festtag in die Theater AG steckte. Da ich das schüchternste Mädchen in der Klasse war und mich nie traute etwas zu sagen, wollte sie mir damit helfen. Sie behielt Recht und es machte mir so einen Spaß, dass ich mich damals entschied dies irgendwann zu meinem Beruf zu machen.
Nach meinem Schulabschluss bewarb ich mich dann mit 16 Jahren an der Schauspielschule in New York. Auch wenn ich damals nicht damit gerechnet habe, nahmen sie mich auf. Während meines Studiums entdeckte ich dann so richtig die Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen. Als ich nach Deutschland zurückkehrte, fing ich dann irgendwann neben der Schauspielerei an meine eigenen kleinen Kurzfilme zu drehen. Mittlerweile studiere ich Regie an der Filmakademie Ludwigsburg und könnte mir schon gut vorstellen langfristig ganz hinter die Kamera zu wechseln.

JÜDISCHE RUNDSCHAU:
Als Schauspielerin und zugleich Regisseurin durchbrichst Du eine Tradition, in der die Position hinter der Kamera zumeist Männern vorbehalten bleibt. Ist es eine Frage der persönlichen Eignung und der individuellen Leistungsbilanz, dass Frauen in Positionen gelangen, in denen sie bisher weniger vertreten waren? Oder bedarf es hierzu aus Deiner Sicht vermehrt staatlicher Anreize und Maßnahmen?

Jasmin Lord:
Ich denke an Filmschulen ist der Geschlechteranteil heutzutage ungefähr gleich. Nur nach dem Studium bekommt nur ein Bruchteil der Frauen ihre Filme finanziert. Woran das liegt, weiß ich nicht.
Jedoch wird die Tendenz der letzten Jahre positiver, auch ohne staatliche Regulierung.

JÜDISCHE RUNDSCHAU:
Abschließend möchte ich fragen, ob Du uns einen Ausblick auf Deine kommenden Projekte geben möchtest. Und wird die Thematik der Erinnerung darin wieder eine Rolle spielen?

Jasmin Lord:
Erinnerung wird wieder eine Rolle spielen. Der nächste szenische Kurzfilm ist für Dezember im Raum Baden-Württemberg geplant.
Als Schauspielerin drehe ich momentan in Kroatien den internationalen Kinofilm „General“ über das Leben des Kriegshelden Antun Gotovina. Er wird von Goran Visnjic verkörpert und ich spiele seine kolumbianische Ehefrau Ximena.
Außerdem kommt am 17. August der von Michael Bully Herbig produzierte Film „Bullyparade“ in die Kinos, in dem ich die Rolle Susirella übernehmen durfte.

JÜDISCHE RUNDSCHAU:
Liebe Jasmin, herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg bei Deinen zukünftigen Projekten!

Das Gespräch führte Urs Unkauf