August 5, 2016 – 1 Av 5776
Tel Aviv am Prenzlauer Berg

image

Das Yafo ist Restaurant, Bar und vor allem ein Ort der Begegnung  

Von Gerhard Haase-Hindenberg

Das riesige Foto über den Köpfen der Gäste zeigt ein fröhliches Frauengesicht. „Das ist meine Urgroßmutter, eine jemenitische Jüdin. Sie ist 105 Jahre alt und lebt noch immer in der Nähe von Tel Aviv“, sagt Shani Ahiel. Die Urenkelin jener lebensfrohen Porträtierten hat sich in Berlin einen Traum verwirklicht: auf nur wenigen Quadratmetern schuf sie sich ein kleines Stückchen Tel Aviv. Und sie lebt den Traum gemeinsam mit zwei Freunden. Der eine ist Felix Offermann, ein Lichtkünstler und DJ aus Berlin-Wilmersdorf. „Ich war viel international unterwegs, ehe mich Tel Aviv irgendwie eingefangen hat“, sagt er. Für den Besucher hat es den Anschein, als ob Shani es war, die ihn eingefangen hat, vielleicht auch Ben, der am Herd Gerichte seiner israelischen Heimat kreiert. Aber so etwas fragt der Gast natürlich nicht. Jedenfalls nicht beim ersten Besuch.

Die drei scheinen ein echtes „Dream Team“ zu sein. Konzeptionell waren sie sich schnell einig, dass sie etwas Ungewöhnliches schaffen wollten. Auf keinen Fall sollte es ein klassisches Restaurant werden und eine der üblichen Bars schon gar nicht. Bestenfalls beides. Im Vordergrund aber stand der Gedanke, ein Ort der Begegnung sein zu wollen. Und acht Wochen nach der Eröffnung ist das „Yafo“ auf dem besten Weg, genau das zu werden. Dafür spricht schon, dass den Gästen die Speisenkarte nicht nur auf deutsch und englisch, sondern auch auf hebräisch und arabisch ausgehändigt wird, wenngleich sich arabische Gäste bisher nur vereinzelt hier eingefunden haben. Das Essen kommt in der Reihenfolge auf den Tisch, wie Ben es fertig bekommt. Shani und ihre Freunde empfehlen den Gästen, die servierten Gerichte als eine Art Gemeinschaftseigentum zu betrachten. Jeder isst von allem, was auf den Tisch gestellt wird. Das muss man nicht so machen, aber man müsste eben auch nicht zwingend warten, bis alle am Tisch bedient wurden. Das sei eine merkwürdige deutsche Eigenart, sagt Shani und schüttelt verständnislos den Kopf. In ihrer sephardischen Familie sei so etwas undenkbar.

Gegessen wird wahlweise an der Bar auf individuell gestalteten schmiedeeisernen Hockern oder im Raum nebenan an rustikalen Holzmöbeln. Für den, der nur ein Glas in der Hand hat, stehen auch solche für gastronomische Betriebe ungewöhnliche Sitzmöbel wie zwei Friseurstühle und einige Kinosessel zur Verfügung. Beleuchtet wird die Szenerie von Designer-Lampen wie sie zwischen den 1950er und den 1970er Jahren modern waren. An heißen Tagen werden vor dem Lokal Zweiertische entlang der Hauswand an der Gormannstraße eingedeckt und etwas größere um die Ecke in der Zehdenicker Straße. Genau an dieser ruhigen Ecke nämlich, nur einen Block von der weniger ruhigen Torstraße entfernt, liegt das „Yafo“. Inmitten des Szene-Viertels im Grenzgebiet Mitte/Prenzlauer Berg also, zwischen Volksbühne und dem Kulturhaus Prater. Und da Shani und ihre Freunde das Lokal bis um 3 Uhr morgens offen halten, kann man auch nach dem Ende der Vorstellungen dort noch speisen, trinken und Leute kennenlernen.

Auf den ersten Blick bietet die Speisekarte ausschließliche vegetarische und vegane Kost an. Wer keine Experimente eingehen will, bestellt die Platte „Yafo Über Alles“ mit frischem Hummus, Tahini und geröstetem Blumenkohl, bei dem Ben auch die Blätter mitgeröstet hat, was sicher bei manchem Gast zu einem ungewöhnlichen Geschmackserlebnis führt. Man findet auf dieser Platte auch Zchug, eine Sauce aus grünem Chilli und Matbucher, eine Mischung aus gerösteten Tomaten und roten Pfefferschoten. Wer die israelische Küche kennt, geht mit Matbucher und noch mehr mit Zchug sehr vorsichtig um. Ben aber hat zugunsten seiner Berliner Gäste auf die sonst übliche Schärfe verzichtet. Das mag der eine angenehm finden und beim anderen zur Enttäuschung führen. Über den Preis von 10,50 Euro wird ganz sicher niemand meckern. Nicht auf der Karte zu finden, aber vom Servicepersonal angepriesen, ist ein sehr schmackhaftes Lammgericht. Das Fleisch wird in Würfeln zusammen mit einer ganzen Aubergine in einem Metallgefäß im Ofen gebacken und so serviert. Wer das Ganze lieber koscher mag, sollte es vorher sagen, damit Ben in der Küche auf den Klacks Joghurt obendrauf verzichtet. Als Preis wird in jedem Fall 13 Euro aufgerufen. Definitiv koscher hingegen ist das Brokkoli-Steak. Für 9 Euro bekommt der Gast saftig gerösteten Brokkoli an hausgemachtem Joghurt und Tahina, also jener Paste aus feingemahlenen Sesamkörnern. Man kann dazu natürlich verschiedene alkoholische Getränke konsumieren. Man kann es aber auch lassen und die hausgemachte Limonade aus frisch gepresster Zitrone, frischer Minze und Sprudel probieren oder den hausgemachten Eistee oder einen frisch gepressten Saft aus Orangen oder/und Granatäpfeln. Auf gar keinen Fall verpassen sollte man das einzige Dessert auf der Karte: die Mousse Chocolade mit Halva und Schlagsahne zu 7,50 Euro. Diese Kalorienbombe aber sollte man unbedingt in die Mitte des Tisches stellen, denn sie reicht für mindestens drei Personen.

Gegenüber der JÜDISCHEN RUNDSCHAU charakterisiert Felix sein kleines Unternehmen so: „Wir wollen niemanden ausklammern. Deshalb sind wir auch nicht ein rein israelisches Restaurant, auch kein ausschließlich veganes Restaurant. Wir sind schlicht ein Restaurant mit gutem Essen, das verschiedene Einflüsse hat. Eben sowas, wie man es in Tel Aviv überall findet.“ Zu diesem Konzept passt auch die nicht immer ganz dezente musikalische Beschallung. Im „Yafo“ wechseln sich israelische Künstler von Meir Ariel bis Einstein mit arabischen Pop-Rythmen ab. Eine Mischung, wie sie der greisen Jemenitin gefallen dürfte, die den Gästen des „Yafo“ von der Wand entgegen lacht.

Restaurant/Bar Yafo, Gormannstr. 17B, 10119 Berlin, Tel: 030/92350250 tgl. von 12 Uhr bis 3 Uhr

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben