Oktober 6, 2018 – 27 Tishri 5779
Tanzen und Judentum: Israelische Tanz-Camps in Europa

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Auch im Lande Kafkas wird israelischer Volkstanz immer populärer  

Von Matti Goldschmidt

Tanzcamps in Europa? Mag es heute bereits etwa ein Dutzend solcher mehrtätigen Veranstaltungen pro Jahr geben wie etwa das Machol Finnland, Machol Baltica oder Machol Italia, so begann hier alles im Sommer 1978, als Maurice Stone über die vom ihm gegründete Israeli Folk Dance Association IFDA (später das Israeli Folk Dance Institute IFDI, danach mit drittem Anlauf das Israeli Dance Institute IDI) ein erstes Mal den Choreographen und ehemaligen Berufstänzer Moshiko Halevy zu einem fünftägigen Seminar, später bekannt als Machol Europa, einlud – im August 2018 nun in seinem 41. Jahr.

Natürlich war diese Idee nicht ganz neu: In den USA gab es bereits ein paar Jahrzehnte zuvor derartige Veranstaltungen, wenngleich sie thematisch meist in den internationalen Volkstanzbereich fielen; sieht man von der Arbeit des in Wien gebürtigen Fred Berk ab (vormals Friedrich Berger, 1910-1980), der bereits im Jahre 1961 sein erstes Camp Blue Star in North Carolina veranstaltete. Auf rein israelisch bezogen können wir im Falle Stones jedoch durchaus von einer Geburtsstunde für Europa sprechen.

Fünf Jahre später begann Benny Assouline in Frankreich über die Organisation Horaor mit seinem Mechol Hashalom, das mittlerweile zum 34. Male veranstaltet wurde. Vincent Parodi folgte 1984 mit seinem Fünftagescamp in Sylvanès (South France), wechselte jedoch 1998 nach Yenne (Savoie) in ein altes Kloster. 1993, weitere neun Jahre später, folgte Rik Knaepen aus Belgien mit seinem Rokdim Choref (= den Winter tanzen), bis heute durchgehend mit Moshiko Halevy, das 2001 terminlich von der Woche vor Weihnachten auf das Wochenende des (christlichen) Pfingsten (immer kurz vor dem Wochenfest = Shavu‘oth) verlagert und namentlich zu Machol Aviv wurde. 1995 kam zum ersten Male das Machaneh Aviv zum Zuge (= Frühlingscamp), später mutiert zum Machol Germania und besser bekannt unter dem nach der Ortschaft benannten Pappenheim, welches seinerzeit mit Yankele Levi z“l und bis dato 24 mal vom Israelischen Tanzhaus in München veranstaltet wurde (Das vom Tanzhaus veranstaltete Camp namens Hora Sheleg fand erst ab 2007 statt). 1999 schließlich folgten das von Gyorgy Ubul Forgacs initiierte Machol Hungaria mit Moshe Telem (Moshav Rishpon) wie auch das von Ondrej Novak organisierte Machol Czechia mit Boaz Cohen (Jerusalem); beide Camps feierten 2018 ihr jeweils 20. Jubiläum. Es würde den Platz sprengen, weiter nachfolgende Tanzcamps aufzuführen.

Will man in Bezug auf das Machol Czechia jedoch genau rechnen, fing alles eigentlich schon vier Jahre früher an. Bereits im Herbst 1996 begannen in Prag Helen Rothová (ab 1999 Divecká) und Linda Ledererová (ab 2010 Kisová) mit dem Unterrichten israelischer Volkstänze – nicht ohne zuvor ihre neue Gruppe „Besamim“ (Dufthändler = scent merchands) genannt zu haben. Nur ein Jahr zuvor waren die Beiden Teilnehmer des 18. Machol Europa in Bedford (England) gewesen, eingeteilt in die Gruppe für Anfänger, auf der sie während ihres zweiwöchigen Aufenthaltes gleich 32 für sie neue Tänze erlernten. Der aus den USA stammende Rechtsanwalt Evan Z. Lazar finanzierte damals die Reise sowie die Kursgebühren, während anfangs das „Drama Department of the Theatre Faculty within the Academy of Performing Arts in Prague“ (DAMU), später die jüdische Gemeinde von Prag sowie Bejt Praha (= das Haus von Prag) die Räume für die wöchentlichen Donnerstagskurse zur Verfügung stellten. Bejt Praha wurde im Herbst 1994 auf Initiative Lazars gegründet, wurde ein Jahr später ein eingetragener (gemeinnütziger) Verein und noch im selben Jahr Mitglied des Landesverbandes jüdischer Gemeinden in Tschechien.

Helen Rothová erklärte seinerzeit in einem Interview zu ihrem Engagement: „Wir dachten, es sei eine gute Idee, dass Leute, die bislang keine oder nur spärliche Kontakte zur jüdischen Gemeinde haben, letztendlich über das Tanzen eine jüdische Identität finden könnten“. Nach nur kurzer Zeit erschienen regelmäßig allwöchentlich bis zu 30 Teilnehmer. Auf diesen anfangs eher unerwarteten Erfolg aufbauend, begannen Rothová und Ledererová, an ein mehrtägiges Wochenendseminar zu denken. Sie nannten es in Anlehnung an Machol Europa „Machol Czechia“ und fanden in Lomnice (Lomnitz), ungefähr 35 Kilometer nördlich von Brno (Brünn), der zweitgrößten Stadt Tschechiens, die notwendigen Räumlichkeiten wie einen Tanzsaal sowie ausreichend Unterkünfte. Anfang Februar 1997, unter tänzerischer Leitung des Schreibenden, erlernte eine Gruppe von rund 30 ausschließlich tschechischen Tänzern 26 für praktisch alle Anwesenden neue Tänze, neben drei Paartänzen wie „Ge’ulim“ (Yankele Levi) etwa auch Anspruchsvolleres wie „Be’er be-Sadeh“ (Rivka Sturman) oder „Wa-Yineqehu“ (Rayah Spivak). Die Begeisterung war so groß, dass man noch während des Camps selber spontan ein zweites Machol Czechia plante, welches Ende Juni 1997 wiederum in Lomnice abermals unter meiner Leitung stattfand, wobei der Unterricht mit nurmehr 13 Tänzen schon wesentlich anspruchsvoller wurde, darunter mit den außerhalb Israels äußerst populären „Raqdu Yekhefim“ (Choroegraphie: Shmulik Gov-Ari) oder „Halewai Alai“ (Moshiko Halevy).

Zwischenzeitlich kehrte Ondrej Novak von seinem einjährigen Studienaufenthalt in Israel zurück, wo er das erste Mal vor allem in Jerusalem mit israelischen Folkloretänzen in Kontakt kam, unter anderem auf den wöchentlichen Kursen von Boaz Cohen oder Yoram Sasson. Konsequenterweise nahm er 1998, dieses Mal begleitet von fünf weiteren Tschechen (einschließlich Rothová wie auch Ledererová) und subventioniert von der „American Joint Distribution“ ein erstes Mal am Machol Europa teil. Parallel dazu organisierten Rothová und Ledererová „Machol Czechia III“, für das nun Moshe Telem in das mährische Städtchen Velké Opatovice (Groß Opatowitz), etwa 60 Kilometer nördlich von Brno, eingeladen wurde. Unter der nun bereits auf rund 70 Personen gewachsenen Veranstaltung befanden sich auch Teilnehmer aus der Slowakei und Serbien (angeführt von Dina Dajč). Infolge des Ausscheidens Rothová aus familiären Gründen aus dem Prager Organisatoren-Team erklärte sich Novak bereit, mit einem kaum schlagbaren Sendungsbewusstsein einen kompletten Neuanfang zu wagen: Nachdem Boaz Cohen im Mai 1999 Gastreferent in Pappenheim war (Machol Germania), nutzte dieser die Gelegenheit, im selben Monat seinen Auslandsaufenthalt nach Tschechien auszudehnen, um dort mit Nowak, ein letztes Mal unterstützt von Rothová, eine weitere Runde des Machol Czechia zu planen und eigentlich sofort umzusetzen: Die Geburtsstunde einer neuen Zählung war geboren, auch wenn das nun erste Machol Czechia, nota bene mit gleich drei Vorläufern, wiederum in Velké Opatovice stattfinden sollte – jetzt eben mit Cohen und in Begleitung von Gidi Eiko. (…)

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