Das Münchener Leitmedium bleibt sich treu  

Von Dr. Nikoline Hansen

„Stammland“ steht in großen Buchstaben auf dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ vom 24. März 2017 und darunter: „Mit Spenden aus Deutschland werden in der israelischen Wüste Wälder gepflanzt – im Gedenken an den Holocaust. Doch der israelische Staat nutzt die Aufforstung auch, um arabische Beduinen zu vertreiben.“ Somit weiß auch jeder, der das Magazin zufälligerweise sieht, gleich ganz genau, wo der Schuh drückt: die Deutschen versuchen sich in Wiedergutmachung und der israelische Staat ist böse – er tut genau das, was der deutsche Staat seinerzeit tat, nämlich Menschen zu vertreiben. Wie dann die Überschrift suggeriert: von ihrem angestammten Gebiet.

Das ist perfide, aus vielerlei Hinsicht. Zum einen, weil die dahinter stehende Absicht bereits in dem Untertitel so deutlich zum Ausdruck kommt: Immer wieder versuchen die Deutschen zu sühnen und immer wieder wird dieser Versuch schamlos ausgenutzt – und zum anderen, weil die Geschichte alles andere als neu ist. Offensichtlich ist der Mann namens Awad Abu-Freih, den das Magazin an erster Stelle zitiert, schon ziemlich lange in dieser Mission unterwegs: im Internet findet sich ein Youtube-Video, das die NGO „Negev Coexistence Forum For Civil Equality“ bereits am 25. Dezemeber 2014 hochgeladen hat – wohl als eine direkte Reaktion auf einen Spendenaufruf der SPD zur Pflanzung von Bäumen im „Wald deutscher Länder“.

Unter dem Mantel der Reportage breiten die Autoren Michael Obert und Moises Saman (Fotos) ihre Geschichte aus – oder besser die Geschichte, die ihnen ein Beduinenstamm erzählt. Die Reportage kann online nur gegen Bezahlung gelesen werden, schmackhaft gemacht wird sie da mit diesem Aufreißer: „Und dann muss Awad Abu-Freih schnell weg. Ein befreundeter Nachbar hat ihn gerade auf dem Handy angerufen: Die Leute vom Jüdischen Nationalfonds seien im Anmarsch. Abu-Freih fürchtet, dass sie ihn ins Gefängnis stecken, sollten sie ihn hier erwischen. Dabei steht er gerade auf seinem eigenen Grundstück, aber darum geht es ja.“

Fehlende Grundbücher
Hintergrund des Artikels ist ein seit Jahren schwelender Streit zwischen Beduinenstämmen und der israelischen Regierung, und er reiht sich ein in Landstreitigkeiten, die aufgrund fehlender Grundbücher und insbesondere der im 19. Jahrhundert angewandten Regelung zur Aneignung von brachliegendem Land nach osmanischem Recht und dessen Verkauf zu Spottpreisen entstanden und regelmäßig immer wieder Anlass zu Auseinandersetzungen im Nahen Osten geben. Denn viele Juden, allen voran Baron Edmond de Rothschild ergriffen die Möglichkeit Land zu kaufen, und Anfang des 20. Jahrhunderts begann der jüdische Nationalfonds systematisch mit dem Ankauf. Dass von diesen Aufkäufen möglicherweise besonders auch Beduinen betroffen waren, liegt in der Natur ihres Wanderlebens, denn sie sahen nie die Veranlassung, Ansprüche an Landbesitz anzumelden, wozu sie zweimal die Gelegenheit gehabt hätten.

Regelmäßig bemüht sich die israelische Regierung deshalb verstärkt in den letzten Jahren, den Beduinen Perspektiven anzubieten, und es gibt viele Initiativen, um die Lebensbedingungen der Beduinen in Israel zu verbessern. Etwa 160.000 leben im Negev, und noch viele leben in den Zelten aus „zerfetzten Plastikplanen“, wie die „letzten Bewohner von Al-Arakib“ wie das SZ Magazin schreibt. Ausführlich werden dort die dramatisch wirkenden Ausführungen des erlittenen Unrechts von Abu-Freih über mehrere Seiten geschildert, um dann in Aussagen wie dieser zu münden: „Mit dem israelischen Landerwerbsgesetz von 1953 erklärte Israel alles Land, das nicht registriert war, zu Staatsbesitz. Allein im nördlichen Negev verloren die Beduinen geschätzte 100.000 Hektar Land, fast die doppelte Fläche des Bodensees.“ Vielleicht lohnt es sich zu erwähnen, dass es sich bei diesem Land fast ausschließlich um Wüste handelte, und dass es bei diesem Gesetz darum ging, den Status quo festzuschreiben, also für die zu britischer Zeit festgeschriebenen Besitzverhältnisse Rechtssicherheit in Israel zu garantieren.

Die Regierung bietet den Beduinen immer wieder Hilfe an – erfolglos
Die israelischen Stimmen, die in dem Artikel weiter über das Unrecht lamentieren, das den Beduinen dadurch geschah, lesen sich wie ein „Who is Who“ der bekannten israelischen Kritiker an der Politik des Staates Israel, auch wenn sie eigentlich nicht viel Neues zu sagen haben: „Der israelische Schriftsteller Amos Oz, Träger des Israel-Preises für Literatur und des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, machte sich im Negev selbst ein Bild von der Situation der Beduinen und beschrieb diese als ‚tickende Zeitbombe‘.“ Damit ist er nicht alleine – und gerade deshalb ist der israelischen Regierung auch daran gelegen, das Leben der Beduinen mit entsprechenden Infrastrukturmaßnahmen zu verbessern.

So liest sich das dann auf der Internetseite des Jüdischen Nationalfonds in Deutschland:

„Ziel der Arbeit des JNF-KKL ist es, die Lebensqualität dieser Bevölkerungsgruppe zu verbessern. Es ist uns ein Anliegen, ihnen Chancengleichheit in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Beschäftigung und den Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen und Einrichtungen zu ermöglichen.
Der JNF-KKL unterstützt die Beduinen daher auf vielfältige Weise durch Infrastruktur-, Bildungs- und Umweltprojekte. Wälder, Stadtparks und Kinderspielplätze dienen der Bevölkerung als wichtige Naherholungsgebiete. Im Lahav-Wald beispielsweise können die Bewohner von Be’er Schewa, Lehavim, Lakiya und Rahat entspannen. Der Yatir-Wald ist vor allem für Anwohner der südlichen Judäischen Berge, Huras und Kuseifas, ein beliebtes Ausflugsziel. Zudem haben die Beduinen die Möglichkeit, ihre Ziegen- und Schafherden in den Wäldern des JNF-KKL grasen zu lassen. Das deckt nicht nur einen Großteil des Nahrungsbedarfs der Tiere, sondern minimiert auch die Waldbrandgefahr. Das Abgrasen von Gebüsch und Unterholz minimiert zudem den Ausbruch bzw. die Verbreitung von Waldbränden.

Auch als Arbeitgeber kooperiert der JNF-KKL mit Beduinen. Sie werden vielerorts als Waldbrandbeobachter, Fahrer von Löschwagen und als Fachpersonal eingestellt. Außerdem arbeiten Beduinen als Wegführer und in der Waldverwaltung. Ein aktuelles Projekt ist der Wadi Attir Modern Farming Employment Park. Auf dem Bio-Bauernhof, der mit Hilfe des JNF-KKL derzeit neben der Ortschaft Hura aufgebaut wird, werden die Beduinen ökologische Landwirtschaft betreiben und über ihre traditionellen Anbaumethoden unterrichten.

Der JNF-KKL finanziert außerdem Wasserreservoire und Wasser-Recyclinganlagen. Ar’ara Wastewater Treatment Plant beispielsweise ist eine Kläranlage für die Beduinensiedlungen im Negev. Zum einen soll sie das Abwasserproblem der Gemeinden lösen und ihnen zum anderen Wasser für Bewässerung und Gartenbau liefern. Ein weiteres Beispiel ist das Rahat-Mishmar Hanegev Treated Wastewater Reservoir. Der Klärwasser-Stausee verbessert nicht nur den regionalen Wasserhaushalt, sondern ermöglicht auch die Bewässerung der umliegenden Felder.
Auch im Bereich Bildung gibt es eine intensive Zusammenarbeit zwischen den Beduinen und dem JNF-KKL, die bereits über Jahre gewachsen ist. Viele Beduinengemeinden im südlichen Landesteil Israels nehmen an den Initiativen unserer Abteilung für Jugend und Bildung teil. So beliefern wir im Rahmen unserer alljährlichen Grünen Tage beispielsweise regionale Schulen mit Pflanzenkörben aus der JNF-KKL-Gärtnerei in Gilat. Die pädagogischen Partnerschaften mit Schulen umfassen neben der Bereitstellung von Bäumen zur Verschönerung der Schulen aber auch die Unterstützung durch die Lieferung von Tischen, Bänken und Mülltonnen.

Über diese Aspekte hinaus kommt es immer wieder vor, dass der JNF-KKL den Beduinen Land zur Verfügung stellt, wenn deren Städte und Dörfer wachsen. Zugunsten der Erweiterung vorhandener oder in Planung befindlicher Gemeinden werden mancherorts bestehende oder geplante Forstgebiete verkleinert – so geschehen in Rahat, Segev Schalom, Makhul oder Drijat.“

Im SZ-Magazin steht dagegen: „Tagelang wimmelte uns der Jüdische Nationalfonds Israel ab … Die Büroleiterin, eine Frau mit langem braunem Haar und rotem Halstuch, serviert uns lächelnd Kaffee und hört sich unsere Fragen an: Pflanzt der Jüdische Nationalfonds Wälder auf Land, das Beduinen gehört? Was sagt sie zu den Fotos, die uns vorliegen und die Bulldozer des Jüdischen Nationalfonds zeigen, wie sie Häuser und Zelte niederreißen? Und der Wald der deutschen Ländern?“
Bei diesen Fragen ist es kein Wunder, wenn die Antwort lautet:
„Tut mir leid, darüber darf ich nicht mit Ihnen sprechen.“ Zumindest das Büro von Edmund Stoiber in München gibt Auskunft: „Es habe ‚keinen Hinweis auf rechtliche Probleme im Zusammenhang mit dem Wald der deutschen Länder‘ gegeben“ - woher auch? Die Situation ist geklärt. Das letzte Wort im SZ-Artikel hat dagegen Awad Abu-Freih – analog zum Aufreißer der Online-Version. „ ‚Wir müssen sofort gehen. … Wenn sie mich hier erwischen, werfen sie mich ins Gefängnis.‘ Als Eindringling auf dem Land, das er sein Eigen nennt.“

Das mag bedauerlich sein, allerdings sollten die Autoren, die eine mehrere Jahre alte Geschichte einmal mehr so rührend aufgewärmt haben vielleicht mal folgende Fragen stellen: Warum nennt ihr Protagonist Land sein Eigen, dessen Eigentumsanspruch seit vielen Jahren verwirkt ist? Was würde er mit dem Land tun, wenn er es hätte? Und warum arbeitet er nicht mit dem Jüdischen Nationalfonds zusammen, wie viele Beduinen es bereits tun? Wäre das nicht der zukunftsweisende Weg für Frieden?

Diese Fragen werden von den deutschen Medien wohl kaum gestellt werden, und wenn dann würden sie wahrscheinlich nicht beantwortet werden. Denn das wäre dann keine Geschichte wert. Was bleibt ist der Skandal, dass mit einer guten Sache, wie der Aufforstung und Fruchtbarmachung der Wüste in Israel mit deutscher Unterstützung wieder einmal israelfeindliche Propaganda und Politik gemacht und von deutschen Medien mit Freude verbreitet wird.

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