März 3, 2017 – 5 Adar 5777
Silicon Wadi – Gründerparadies Israel

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Wie die Start-Up Nation ihr einzigartiges Potenzial auf dem Weltmarkt nutzt  

Von Melissa Kaiser

Wenn Menschen an Israel denken, werden zurecht sofort Assoziationen mit der unglaublich vielfältigen und lebhaften Kultur des Landes wach. Seltener allerdings rückt das israelische Hightechparadies „Silicon Wadi“ ins Blickfeld. Dieses nimmt jedoch im internationalen Vergleich der Hightechregionen einen erstaunlichen zweiten Platz ein.

Das Wort „Wadi“ stammt aus dem Arabischen, wird jedoch auch im umgangssprachlichen Hebräisch verwendet und bedeutet Tal. Der Name ist also nicht nur auf den ersten Blick an das kalifornische „Silicon Valley“ angelehnt. Die „Erfolgsformel“ des „Silicon Wadi“ unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht nicht allzu sehr von seinem „Vorbild“, erstaunt aber gerade deshalb ob seines doch konfliktreicheren geographischen Kontexts.

Dass der Name „Silicon Wadi“ mehr als berechtigt ist, beweist der unermessliche Erfindergeist der Region. Die stärkste Konzentration der Hightechindustrie findet sich beispielsweise in Tel Aviv, Herzliya oder Petah Tikva. Alleine in Tel Aviv finden sich 6.000 Start-ups. Große Firmen wie Microsoft oder Siemens beschäftigen im Silicon Wadi zahlreiche Mitarbeiter und entwickeln und tüfteln mit den schlauen Köpfen der Region die Ideen von morgen aus. Die Telekom entschied sich vor über einem Jahrzehnt eine Kooperation mit einer der wichtigsten Geburtsstätten für Unternehmensgründungen des „Silicon Wadi“ einzurichten: Der Ben-Gurion-Universität. Nicht ohne Grund werden dort alle sechs Monate Jobbörsen angeboten.

Neben klassischen Faktoren wie Bildung dürfte für den Erfolg der Region der Umgang mit Fehlern und auch dem Scheitern bedeutend sein. Es zählt nicht, Fehler konsequent zu vermeiden, sondern das Wichtigste aus ihnen zu lernen. Eine entspannte Fehlerkultur ist damit wesentlicher Bestandteil des Erfolges. Das Scheitern gehört dazu. Zudem bildet die Einwanderungskultur Israels einen idealen Nährboden für globalisiertes, flexibles Denken, welches gerade in der heutigen Welt des Hightechs nicht unterschätzt werden darf.

Gemeinsames Erschaffen von neuen technischen Innovationen ist zudem in der Lage, Gräben zwischen Arabern und Israelis zu überbrücken. Die Website nocamels.com für israelische Start-ups zählt einen erstaunlichen Anteil arabischer Nutzer und wurde während der Verschärfung des Nahostkonfliktes im Jahre 2014 erstaunlicherweise von Hassmails verschont. Leiterin Anouk Lorie fügte hierzu an, Innovationen gälten gemeinhin als neutrales Gebiet. Gerade deshalb dürfte in diesem ein gewisses Potenzial zur Versöhnung liegen, welches dem „Silicon Wadi“ deshalb zugutekommt, weil man schon lange kulturell bereit ist, dieses Potenzial auszuschöpfen. Nicht die Herkunft zählt, sondern das Können. Das beflügelt die Motivation und öffnet Räume für die ungezwungene Entfaltung neuer Ideen.

Auch wirtschaftlich sorgt Israel für seinen Erfolg vor. Der Anteil privater und staatlicher Forschungsaufgaben beträgt 4,2% des Bruttoinlandproduktes – der höchste weltweit.
Durch die bereits genannte komplexe und konfliktgeladene geographische Situation stellt die Bedeutung der Datensicherheit und die Verteidigung des Landes ein wichtiges Thema dar. Militärische Fertigkeiten sollen deshalb auch in der Zivilwirtschaft genutzt werden können. Ein Problem, mit welchem andere Länder nicht in israelischem Ausmaße konfrontiert sind und weshalb Israel zum Beispiel auf dem Gebiet der Cyber-Sicherheit und Big Data führend sein dürfte. Die Armee des Landes prägt den Umgang mit der Technik somit entscheidend. Durch die Wehrpflicht sowohl für Männer als auch Frauen wird effizientes und analytisches Denken ebenso wie die Risikobereitschaft systematisch gefördert. Nicht selten beginnen Jungunternehmer ihre Karriere beim Militär. Dieses gilt deshalb zurecht im Land als Start- und Standortvorteil, als Tech-Inkubator. Besonders angesehen ist die Eliteeinheit 8200 der Israel Defense Forces, welche nur den größten Talenten Zugang gewährt.

Doch die vielfältigen Startvorteile sind damit noch keineswegs abgesteckt. Sie erstrecken sich auf noch weit mehr Bereiche. Jungunternehmer können sich über kostenlos zur Verfügung gestellte Büroräume in Tel Aviv freuen. Zudem sind hier Austauschprogramme eingerichtet, die es ermöglichen, zeitweise in anderen Städten wie Berlin oder Paris Erfahrungen zu sammeln. Auch flache Hierarchien in der Arbeitswelt tragen zu einer Atmosphäre bei, in der man sich ausprobieren kann und gerne experimentiert.

Vielleicht ist trotz der unüberschaubaren Anzahl an einflussreichen positiven Faktoren für den Erfolg des „Silicon Wadi“ eine ganz bestimmte Erkenntnis in der Region noch zentraler: Erfolg ist nicht plan- und nicht erzwingbar. Es mag zunächst paradox klingen, aber es scheint genau diese Ungezwungenheit des Erfolgs zu sein, die am Ende das Entscheidende zum Erfolg beiträgt. Auch wenn ein Ganzes sicherlich weitaus mehr als die Summe seiner Teile ist, wie Aristoteles einst richtig feststellte. Es ist nicht nur die Effizienz und das große Geld, welche den Erfolg ausmachen. Es ist die Leidenschaft an der Technik, am Gründen und der Entwicklung an interessanten Innovationen. Es ist eben auch die Freude an seiner Arbeit.

Zeit, sich eine Scheibe abzuschneiden.

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