Juli 7, 2016 – 1 Tammuz 5776
Sexualität und Judentum

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Seit Jahrhunderten beschäftigt das Thema Kabbalisten und Rabbiner  

Von Gerhard Haase-Hindenberg

Die Amerikaner (und nicht nur diese) lieben „Dr. Ruth“, wie sie die kleine agile Frau nennen, die mit vollem Namen Ruth Westheimer heißt. Aufgewachsen war sie als Karola Ruth Siegel in einer orthodox-jüdischen Familie in Frankfurt am Main. Jahrzehnte später wandte sie sich mit ihren „Sexually Speaking“ an die Radiohörer der USA und bald war sie als Beraterin in erotischen Dingen auch im Fernsehen präsent. Sie schrieb mehr als 30 Sachbücher, fast jeder Titel fand sich auf der Bestsellerliste wieder und hatte nahezu immer mit dem Thema Sex zu tun.

Dabei war Dr. Ruth, wie sie in einem Aufsatz bekannte, keineswegs mit „Wörtern wie Penis, Vagina, Orgasmus oder Klitoris“ aufgewachsen. Wenn sie als Kind aber doch mal ein solches Wort aufgeschnappt habe, sei sie rot geworden. Dabei hätte es dafür in einem jüdischen Umfeld gar keinen Grund gegeben: „Warum muss ich, wenn ich über Sex spreche, dazusagen, dass wir mehr in der europäischen als in der jüdischen Kultur verwurzelt waren? Einfach deshalb, weil wir, wäre unsere Haltung stärker jüdisch als europäisch beeinflusst gewesen, dem Sex gegenüber offener und neugieriger gewesen wären, als es die meisten für möglich halten würden – und dazu gehören auch viele Juden, die mit ihrer eigenen Tradition nicht vertraut sind.“

So mag es bei den Siegels in Frankfurt gewesen sein – es gab aber auch viele bei denen es anders war. Bei jüdischen Ärzten und Wissenschaftlern zum Beispiel, die auf dem Gebiet der Sexualforschung Epochales geleistet haben. Dazu zählen bekannte Namen von Sigmund Freud bis Magnus Hirschfeld – aber auch die weniger prominenten von Friedrich Salomon Krauss und Max Marcuse, Arthur Kronfeld und Felix Aaron Theilhaber. Oder Bernhard Schapiro, der nach Tätigkeiten in Zürich und New York 1951 nach Jerusalem übersiedelte, wo er seine Sprechstunden am Shaarey Zedek Hospital abhielt. Seine Grabinschrift weist ihn als „Talmud-Gelehrten und Mann der Wissenschaft“ aus, was kein Widerspruch sein muss. In der Sexualwissenschaft schon gar nicht!

„Seid fruchtbar und mehret euch!“
Bereits in der Genesis, dem ersten Buch Moses, wird der Sex zur Mitzwa erhoben, denn nichts anderes ist mit „Seid fruchtbar“ gemeint. Und es wird auch umgehend der Zweck des Unternehmens benannt, nämlich die Erhaltung der Art. Diesem Zweck dient auch jene Anweisung, die bei Leviticus 15,28 nachzulesen ist. Im Umgang mit der Nidda, wie die Menstruationsphase der Frauen genannt wird, heißt es da: „Wird sie aber rein von ihrem Ausfluss, so soll sie sieben Tage zählen, danach soll sie rein sein.“ Nun, was passiert, wenn ein Mann am siebten Tag nach der Monatsblutung mit seiner Frau verkehrt? Die Antwort ist in der hohen Geburtenrate jener jüdischen Ehepaare zu finden, die streng nach den Mitzwot leben.

Nach Ruth Westheimers Ansicht findet sich in der Thora aber auch „die älteste und noch immer die klügste Anleitung zum Sex, die je geschrieben wurde“. Es lässt sich darüber streiten, ob es sich tatsächlich um „Anleitungen“ handelt – der Geschlechtsakt aber spielt thematisch in der Tat vielfach eine zentrale Rolle. In der Genesis etwa steht die Geschichte von Juda und Tamar. Der Leser erfährt hier nicht nur, woher der Begriff „Onanie“ kommt, sondern auch von der Existenz der Prostitution in der damaligen jüdischen Gesellschaft. Nur so kann sich Tamar als Hure verkleiden und sich von ihrem Schwiegervater schwängern lassen, nachdem keiner seiner Söhne dieser Pflicht nachgekommen war. Onan etwa entzieht sich dieser durch Selbstbefriedigung. In strenger Auslegung dieses Textes, gilt dies seither als Sünde gegen G’tt. Allerdings nur bei Männern, denn da Frauen keinen „Samen vergeuden“ können, bleibt die weibliche Masturbation schlicht unerwähnt. Wie aber ist Judas Gang zur Hure moralisch zu bewerten? Rabbi Illai der Ältere rät im Talmud (Chagiga): „Wenn einer spürt, dass ihn die Leidenschaft zu übermannen droht, dann soll er an einen Ort gehen, wo man ihn nicht kennt, schwarze Kleider anziehen und tun, wie ihm beliebt, aber nicht den Namen des Himmels entweihen.“

In der Thora finden sich ferner zahlreiche Beispiele zum Thema außerehelichen Geschlechtsverkehrs. Bekanntlich hat Abraham, der Urvater des Judentums, die Magd seiner Gattin geschwängert, die er vorsorglich zur Nebenfrau erkor. König Davids Beziehung zur verheirateten Basteba (deren Mann er zuvor in den Krieg geschickt hatte) hat den Gelehrten über Jahrhunderte Stoff zum Meinungsstreit geliefert. Deren gemeinsamer Sohn Salomon übte eine geradezu außergewöhnliche Anziehungskraft auf die Damenwelt aus. Dies war möglicherweise seinem poetischen Talent geschuldet, dem die Welt das „Hohelied“ verdankt. Der Text ist zwar eine Allegorie auf die Beziehung von G’tt zu Israel, die aber nur innerhalb der fließenden Mann-Frau-Beziehung verstanden werden kann, in der mal der eine, mal der andere Partner verführt und ausweicht. Bis heute flüstern in vielen chassidischen Gemeinden die Männer aus jenem erotischen Werk den Frauen beim Zünden der Kerzen Sätze zu wie: „Es küsse mich mit seines Mundes Küssen, weil köstlich ist dein Kosen mehr als Wein…“

Kabbalisten und Rabbiner kannten keine Tabus
Vom jüdischen Publizisten Henryk Broder stammt das Bonmot: „Das Jüdische am Sex ist, dass man darüber spricht.“ Auch wenn das in Ruth Westheimers Elternhaus anders war, so geschieht dies in der Tat in jüdischen Zirkeln und den Shiurim der Synagogen seit vielen Jahrhunderten. Und dabei bezieht man sich auf zahlreiche rabbinische Zeugnisse. Im Talmud-Traktat Berachot (57b) etwa werden drei Dinge genannt, die bereits im diesseitigen Leben ein Vorgeschmack seien auf Olam Haba, die kommende Welt: der Schabbat, das Sonnenlicht und Tashmisch – die sexuelle Vereinigung. Allerdings hielt man die Gesamtheit des Volkes Israel nicht immer der Teilhabe am Diskurs über Tashmish für würdig. So haben jene Kabbalisten, denen wir die mystischen Schriften des Sohar zu verdanken haben, im zweiten Jahrhundert n.d.Z. beschlossen, diese unveröffentlicht zu lassen. Allen voran Rabbi Shimon bar Jochai, einem der geistigen Führer der kabbalistischen Bewegung. Erst 900 Jahre später hielten jüdische Gelehrte die Zeit für eine Publizierung des Sohar für gekommen. Im tiefsten europäischen Mittelalter – die katholische Kirche schickte sich gerade an, Zölibat und Ohrenbeichte zu etablieren – war jenes Dokument, mit dem die jüdische Geistlichkeit um die Ecke kam, geradezu eine Sensation. War doch im Sohar niedergeschrieben, die Vereinigung von Mann und Frau sei eine Verbindung zwischen Weisheit (Chochma) und Verstand (Bina) – eine Einheit gar, die Erkenntnis (Da’at) schaffe. Durch die Verbindung g’ttlicher Kräfte und Eigenschaften, habe die Frau Anteil am g’ttlichen Schöpfungsakt und am Erhalt der Welt. (…)

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