Interview mit S.E. Dr. Elguja Khokrishvili, Botschafter der Republik Georgien in der Bundesrepublik Deutschland  

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Exzellenz, es freut uns sehr, dass Sie uns kurz nach Ihrem Amtsantritt am 6. März mit einem Interview beehren. Zuvor dienten Sie als Botschaftsrat für wirtschaftliche Zusammenarbeit an der Botschaft in Deutschland, haben in Potsdam studiert und promoviert. Woher kommt Ihr kontinuierliches Interesse für Deutschland?

S.E. Dr. Elguja Khokrishvili: Ja, es stimmt – nicht nur auf der politischen und diplomatischen Ebene, sondern auch persönlich gibt es eine lange und intensive Verbindung zwischen mir und Deutschland. Erstmals kam ich 1996 als Student nach Deutschland. Ich habe zum ersten Mal in einer Umgebung gelebt, in der Freiheit, Sicherheit und Menschenrechte gewährleistet werden. Ich glaube, es hilft einem Botschafter sehr, wenn er das Land, in dem er sein eigenes Land und dessen Geschichte, Kultur, Gesellschaft und politische Ziele erfolgreich vermitteln will, selbst von innen heraus kennengelernt hat.

„Zukunft erben“ ist das Motto des Deutsch-Georgischen Jahres 2017/2018, mit dem wir gleich mehrere Jahrestage feiern, von denen jeder einzelne ein Beleg für die engen bilateralen Beziehungen ist: Vor 200 Jahren wanderten deutsche Siedler nach Georgien aus. Vor 100 Jahren gehörte Deutschland zu den ersten Staaten, die die Unabhängigkeit von Georgien anerkannt und diplomatische Beziehungen mit der Demokratischen Republik Georgien aufgenommen haben. Vor 25 Jahren wurden diese diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen, nachdem sich Georgien 1990/1991 von der Umklammerung der Sowjetunion lösen konnte und sich erneut als unabhängiger Staat konstituiert hatte.

Ein Höhepunkt des Deutsch-Georgischen Jahres wird zweifelsohne die Teilnahme von Georgien als Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse im Oktober diesen Jahres sein.
Die Beziehungen zwischen Deutschland und Georgien waren also seit Langem sehr eng, der Austausch traditionell sehr intensiv. Mit der Unterzeichnung des EU-Assoziierungs- und Freihandelsabkommens und der Möglichkeit visafreien Reisens in die EU für georgische Staatsbürger hat diese enge Beziehung aber nochmals ein neues Niveau erreicht. Ohne die Unterstützung von Deutschland wären beide Errungenschaften undenkbar gewesen. Deutschland ist, neben den Vereinigten Staaten, der zweifelsohne wichtigste Partner für Georgien.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Welche Aspekte der bilateralen Beziehungen möchten Sie als neuer Botschafter stärker akzentuieren?

S.E. EK: Georgien hat einen klar abgesteckten und unbeirrbaren Kurs in Richtung Europa und der euro-atlantischen Integration eingeschlagen. Unsere Ziele decken sich mit den Zielen der euroatlantischen Gemeinschaft. Sie heißen: Sicherheit und Stabilität in allen Bereichen, auf allen Ebenen. Und was Georgien von seinen westlichen Partnern in den Phasen des demokratischen Aufbaus an Unterstützung gegeben wurde, werden wir als verlässlicher politischer und wirtschaftlicher Partner zurückgeben. Dafür arbeiten wir intensiv an weiteren institutionellen und rechtlichen Reformen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Lassen Sie uns nun über die Beziehungen zwischen Georgien und Israel sprechen, die im vergangenen Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feierten. Der georgische Außenminister Mikheil Janelidze würdigte das freundschaftliche Verhältnis bei einer Festveranstaltung in Tiflis. Was sind die zentralen Bereiche der Zusammenarbeit? Wo soll diese zukünftig stärker ausgebaut werden?

S.E. EK: Die Beziehungen zwischen Georgien und Israel sind etwas sehr Besonderes. Nicht zuletzt, weil tausende georgische Juden bereits zur Zeit der Sowjetunion und dann wieder in den 1990er Jahren nach Israel ausgewandert sind. Sie wurden in Israel heimisch, aber sie haben ihre kulturellen Wurzeln nicht vergessen. Sie verkörpern ein Stück lebendiges Georgien in Israel, wenn ich das so sagen darf.
Diese Nähe spiegelt sich in den diplomatischen Beziehungen wieder, die unmittelbar nach der Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit von Georgien aufgenommen wurden und sich seitdem zu einem regen, intensiven und stets sehr freundschaftlichen Austausch entwickelt haben.

Auf Einladung des israelischen Botschafters in Georgien nahm der georgische Außenminister, Mikheil Janelidze, zusammen mit anderen Mitgliedern der georgischen Regierung und des georgischen Parlaments, an der Festveranstaltung anlässlich des 70. Jahrestags der Gründung des Staats Israels am 10. Mai diesen Jahres in Tiflis teil.
In seiner Rede betonte der Minister die vorbildliche, enge Freundschaft zwischen Georgiern und Juden, die zuletzt ihren Ausdruck in der Anerkennung des Judentums in Georgien als „immaterielles kulturelles Erbe von Georgien“ fand – ein Beschluss des georgischen Parlaments, der als Antrag auch bei der UNESCO eingereicht wurde.

Georgien legt großen Wert auf die weitere Entwicklung der wechselseitigen Beziehungen mit Israel – politisch, wirtschaftlich und kulturell. Themen und Projekte gibt es zuhauf, ob hinsichtlich innerer und äußerer Sicherheit, Landesverteidigung, Landwirtschaft oder im Gesundheitswesen. Israel ist außerdem ein wichtiger Handelspartner für die georgische Wirtschaft, mit einem Wachstum von zuletzt 31 % im Vergleich zum Vorjahr. Die 2014 gegründete Georgisch-Israelische Wirtschaftskommission wird ihrerseits helfen, die vorhandenen Potenziale auszuschöpfen.
Bei alldem bleibt aber die Begegnung und der direkte, zwischenmenschliche Austausch das Wichtigste. Es freut uns deshalb sehr, wie viele israelische Bürger nach Georgien kommen, um unser Land kennenzulernen. Im vergangenen Jahr waren es 36 % mehr als im Vorjahr. Israelische Touristen nehmen damit Rang sieben auf der Liste der Länder ein, aus denen Besucher nach Georgien kommen. Darauf sind wir auch deshalb stolz, weil es ja offensichtlich bedeutet, dass man sich als Jude in Georgien wohl und sicher fühlt.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Das Judentum hat eine lange Tradition in der gesamten Region Südkaukasien – in Georgien seit über 2.500 Jahren…

S.E. EK: In der Tat blicken wir auf eine fast mehr als hundertmal längere Geschichte des Judentums in Georgien und auf ein friedliches Zusammenleben von jüdischen und nicht-jüdischen Georgiern zurück, als die 25 Jahre diplomatischer Beziehungen zwischen unseren beiden jungen Staaten.
Die ersten jüdischen Gemeinschaften auf dem Gebiet des heutigen Georgien werden bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. vermutet. Sichere Belege gibt es ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. – vermutlich handelt es sich um Juden, die vor den Babyloniern geflohen waren, die im Jahr 586 v. Chr. unter König Nebukadnezar II. Jerusalem eroberten. Wie weit sich das Judentum gesellschaftlich integriert hat, lässt sich auch an historischen Chroniken ablesen, die, zum Beispiel zur Zeit von Alexander dem Großen von Makedonien, unter den sechs Sprachen, die in Ostgeorgien verbreitet waren, auch die „Sprache der Juden“ verzeichnen, also vermutlich das damals gesprochene Alt-Hebräisch. Über mehrere Jahrhunderte hinweg, immer wieder neu geprägt von Einwanderungswellen der Juden, haben sich beide Kulturen wechselseitig beeinflusst und bereichert. Es war über Jahrtausende hinweg ein friedliches und tolerantes Zusammenleben, ohne jede Form der Ausgrenzung oder gar des ideologisierten und politisch instrumentalisierten Antisemitismus, wie man ihn von anderen Gesellschaften und nicht-jüdisch geprägten Kulturen kennt. Wer einen Spaziergang durch Tiflis unternimmt, findet in einem Radius von weniger als einem Kilometer Synagogen, orthodoxe Kirchen und Moscheen in unmittelbarer Nachbarschaft. Kann es ein deutlicheres und eindrucksvolleres Zeichen von religiöser Toleranz und des friedlichen, kulturellen sowie gesellschaftlichen Miteinanders geben? (…)

Das Interview führte Urs Unkauf.

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