Als sich russische Bauern vom Christentum ab- und dem Judentum zuwandten  

Von Edgar Seibel

Noch heute lebt in Osteuropa eine Minderheit, die umstrittener nicht sein kann: Die religiöse Gruppe der Subbotniki. Im Russischen Reich und während des Zweiten Weltkrieges als jüdische Bewegung verfolgt, entstammen sie russischen Bauern, die einst mit ihrem christlichen Glauben brachen.

Die Subbotniki tauchen als solche Ende des 18. Jahrhunderts unter Zarin Katharina der Großen auf. Da sie am Samstag (Russisch: Subbota) die Arbeit ruhen ließen, entstand daraus ihre Selbstbezeichnung. Von der russisch-orthodoxen Kirche abgewandt, wandte sich die Gruppe von leibeigenen Bauern dem Judentum zu. Die Subbotniki breiteten sich vor allem in den zentralrussischen Gebieten Tula, Tambow, Woronesch und Saratow aus.

Doch daneben hört man auch von der Theorie, die sie mit den sogenannten Judaisanten (Russisch: Schidowstwujustschie) in Verbindung bringt. Diese Bewegung entwickelte sich viel früher, bereits im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts, als zu einer Zeit religiöser Umwälzungen ein gebildeter Jude namens Zacharias, sie gründete und mit seiner ersten Gefolgschaft aus Kiew nach Nowgorod auswanderte. Seine Nachfolger Denis und Alexius begaben sich 1480 nach Moskau, um dort die Doktrien der Sabbatäer zu predigen.

Die ersten Pogrome zogen übers russische Großreich. Erzbischof Gennadi von Nowgorod (1484-1504) stempelte die Subbotniki als eine „judaisierende Bedrohung“ ab; und Zar Iwan III. unterstützte die Anordnung eines Kirchenediktes von 1504, die dazu aufrief die „Judaisanten“ auf den Scheiterhaufen zu verbrennen und ihre Sympathisanten in Kerker zu sperren.

Hiernach hielten sich die Subbotniki, was ihre Glaubensangehörigkeit betraf, eher bedeckt. Sicher ist allenfalls, dass sie im frühen 19. Jahrhundert in die entlegenen Gegenden des russischen Kaiserreichs abwanderten. Sie ließen sich in Sibirien (Irkutsk, Tobolsk, Jenisseisk), der Ukraine und sogar im Kaukasus nieder, wo sie 1842 Jelenowka gründeten.

Die Subbotniki erkannten die Thora an, lehnten aber den Talmud und die Auslegung der Schrift durch Rabbiner ab. Sie aßen kein Schweinefleisch, ließen ihre Jungen beschneiden und erkannten Jesus nicht als den Sohn Gottes, sondern lediglich als einen Propheten an. Diese Auslegungen hat sich die kleine Gruppe bis heute bewahrt. Die Toten werden nach jüdischem Brauch auf weißes Tuch gebettet, doch verhüllt werden sie nicht mehr.

Kontakte zu anderen Juden gab es nachweislich zu Beginn des 19. Jahrhunderts; sowohl mit den aschkenasischen Juden, wie auch den Krim-Karäern, die sich heute als Nachkommen konvertierter Kiptschaken und Chasaren verstehen. Ende des 19. Jahrhunderts gab es in nahezu jeder Subbotniki-Gemeinde auch Aschkenasim. Doch kam ein vollständiges Aufgehen in der jüdischen Bevölkerung nicht zustande. Zu groß war der Wille der Subbotniki, an den Eigenarten festhalten zu wollen. Dies spiegelte sich besonders in der Bezeichnung „Gerim“ wieder, die von den Subbotniki als Unterscheidung von den “klassischen“ Juden gebraucht wurde, sowie in dem Verständnis die wahren Befolger der Gesetze Mose zu sein.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden aber auch sie – obwohl nicht-semitischen Ursprungs – von den Nazis als Juden betrachtet und verfolgt. Ganz nach Ansicht der NS-Rassentheoriker wie etwa Hans Günthers, die lautete: ,,Auch läßt sich vermuten, daß zum mosaischen Glauben übertretende Menschen teils ihrer seelischen Veranlagung nach, teils ihrer rassischen Zusammensetzung nach der jüdischen Art nahestehen.”

Wem es gelang, zog spätestens nach dem Zerfall der Sowjetunion ins Ausland. Entsprechend des jüdischen Rückkehrrechts können die Subbotniki die israelische Staatsbürgerschaft erlangen, sofern sie nicht mit einem nicht-jüdischen Partner bzw. einem Nicht-Subbotnik verheiratet sind.

Weil die jüdische Abstammung bei der Mehrheit der Subbotniki nicht gegeben ist, wurde ihre Ausreise nach Israel um das Jahr 2006 erschwert. Grund dafür mögen nicht zuletzt die sowjetischen Personalausweise gewesen sein; die keine Erwähnung der Religionszugehörigkeit zuließen, wohl aber Einträge zur ethnischen Volkszugehörigkeit, die bei den Subbotniki jedoch mehrheitlich als “russisch“, und nicht wie bei der Mehrheit der sowjetischen Aschkenasim als “jewrej“ („Hebräer“ bzw. „Jude“) angegeben worden war.

Trotz der Schwierigkeiten sprachen sich auch Rabbiner positiv für die Subbotniki aus. In der Universal Jewish Encyclopedia schreibt Rabbi B. Drachman, dass die Gruppe dem Judentum sowohl in den Glaubenssätzen als auch in der Religionsausübung so nahe sei, dass man den Subbotniki den Status von Proselyten geben könne. Und Rabbi Burshtein sagte: ,,Wie sie über Jahrhunderte hinweg an ihrem Judentum festhielten, besonders während der 70-jährigen Sowjetherrschaft – das ist wirklich bemerkenswert.”

Im Jahr 2005 gelangten 20 Subbotniki-Familien mithilfe einer von Michael Freund (Gründer und Vorsitzender von Shavei Israel) ins Leben gerufenen Petition nach Israel. Nach Erhalt der Unterlagen gestattete das Büro des Premierministers die Alija. Die Familien des Dorfs Wyssokij hätten enorm unter dem Antisemitismus der Bevölkerung gelitten. Das nächste Ziel war die Rückkehr von weiteren Hundert Subbotniki.

Der israelische Völkerkundler Velvl Chernin berichtete von mehreren Tausend, die die Kaukasus-Republik Aserbaidschan in den letzten Jahren nahezu vollständig verlassen hätten. Chernin, der sich ausgiebig mit den Subbotniki befasst hat, schätzte 2007 ihre Zahl im gesamten Gebiet der ehemaligen UdSSR auf rund 10.000. Genauere Angaben sind heute schwer auszumachen.

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