März 9, 2018 – 22 Adar 5778
Ruhe nach Putins Anruf in Jerusalem?

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Erstmals kommt es zu Direkt-Konfrontationen zwischen Iran und Israel  

Von Marcel Serr

Nach dem 10. Februar 2018 sah es so aus, als stünde der Nahe Osten am Rande einer neuen Eskalationsstufe des Krieges. Auch wenn das Schlimmste bislang ausblieb – lehrreich waren diese Tage für alle, die mit der nahöstlichen Sicherheitslage befasst sind, in jedem Fall. Sie sagen viel aus über die veränderten Kräfteverhältnisse im Nahen Osten des Jahres 2018. Gäbe es eine erkennbare deutsche Außenpolitik, müsste man den dafür Verantwortlichen das Studium dieses Lehrstücks dringend empfehlen.

In den frühen Morgenstunden des 10. Februar 2018 trat eine Drohne in den israelischen Luftraum ein. Die Israelis hatten das Flugobjekt schon eine Weile verfolgt. Es war vom Tiyas-Luftwaffenstützpunkt (auch bekannt als T-4) westlich von Palmyra in Syrien gestartet, wo auch Einheiten der Quds-Brigaden, einer Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden, stationiert sind. Von Jordanien aus flog die Drohne bei Beit Shean auf israelisches Territorium. Neunzig Sekunden später schoss sie ein Apache-Kampfhubschrauber der israelischen Luftwaffe (IAF) ab. Es handelte sich offenbar um eine iranische Drohne, die der amerikanischen RQ-170 nachempfunden ist, die dem Iran 2011 in die Hände gefallen ist.

Wenig später verübten acht F-16 der IAF einen Vergeltungsschlag gegen die T-4-Basis. Die syrische Luftverteidigung feuerte mehr als zwanzig Boden-Luft-Raketen ab. Eine F-16, die in großer Höhe im israelischen Luftraum flog, wurde dabei offenbar durch Fragmente einer explodierenden Boden-Luft-Rakete getroffen. Die Besatzung konnte rechtzeitig aussteigen und landete auf israelischem Territorium; der Pilot war schwer verwundet.

In der Folge weitete Israel die Luftschläge aus und zerstörte zwölf Ziele in Syrien einschließlich der Luftverteidigung nahe Damaskus und Derra sowie iranische Militäreinrichtungen, darunter eine Militärbasis der Quds-Einheit in Mezzeh, die T-4 Basis, ein Waffendepot in Jabal Mana und einen iranischen Stützpunkt in Tal Abu al-Thaalab.

Erster Abschuss eines israelischen Kampfflugzeuges seit 1982
Beim Abschuss der F-16 handelte es sich um den ersten Verlust eines israelischen Flugzeugs im Kampfeinsatz seit 1982. Außerdem drang zum ersten Mal eine direkt vom Iran gesteuerte Drohne auf israelisches Gebiet vor. Bislang waren solche Operationen von iranischen Stellvertretern wie der Hisbollah ausgeführt worden. Dies könnte einen Wendepunkt im Konflikt zwischen Israel und dem Iran darstellen.

(…)

Anruf aus Moskau
Seit 2015 kommt Russland eine zunehmend wichtigere Position im syrischen Bürgerkrieg zu. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu begriff das schnell. Moskau und Jerusalem richteten einen direkten Draht zwischen Netanjahu und Putin ein und vermutlich auch abhörsichere Kommunikationsleitungen zwischen israelischen und russischen Geheimdienst- und Militäreinrichtungen, um einen ungewollten militärischen Zusammenstoß auf dem Schlachtfeld in Syrien zu vermeiden. Doch diese Koordination bedeutet keineswegs, dass der Kreml sich auch die Sicherheitsinteressen Jerusalems zu eigen macht. Netanjahu hat vergeblich versucht, Putin davon zu überzeugen, den Iran daran zu hindern, in Syrien Wurzeln zu schlagen – insbesondere nicht in der Grenzregion zu Israel. Mittelfristig ist auch Russland freilich nicht an einer ständigen Präsenz des Irans in Syrien interessiert. Nichtsdestotrotz kooperieren beide Staaten gegenwärtig in ihrer Unterstützung des Assad-Regimes. Russland hat zumindest gegenwärtig ein Interesse daran, dass sich der Iran am Wiederaufbau Syriens beteiligt.

Die Ereignisse des 10. Februar 2018 passen in dieses Bild. Israel plante wahrscheinlich eine umfangreichere Gegenoffensive nach dem Abschuss der F-16. Die israelische Luftwaffe war auf dem Kriegspfad, und die Pläne für eine groß angelegte Militäroperation gegen Syrien liegen sicherlich schon seit längerem in einer Schublade im Hauptquartier der IDF. Doch es zeigte sich, wer mittlerweile im Nahen Osten den Ton angibt: Ein Anruf des russischen Präsidenten am Samstagmorgen genügte, um Jerusalem an einer weiteren Eskalation zu hindern. Nach israelischen Medienangaben „bat“ Putin den israelischen Premier, von Handlungen abzusehen, die zu „gefährlichen Konsequenzen für die Region“ führen könnten. Auch öffentlich verurteilte Moskau Israels Verletzung syrischer Souveränität, verschwieg aber geflissentlich deren Ursache – die iranische Drohne im israelischen Luftraum.

Israelische Beobachter zeigten sich enttäuscht von Putins Verhalten. Angesichts der positiven Treffen und Gesprächen zwischen Putin und Netanjahu hatte man gehofft, dass sich Russland zumindest neutral verhalten werde. Diese Hoffnungen sind nun enttäuscht worden. Andererseits verhinderte Putin eine weitere Eskalation des Konflikts, der rasch auch in einen Krieg hätte müden können – zumindest für den Moment.

„Testen Sie uns nicht!“
Der Nahe Osten stand Mitte Februar kurz vor einem Krieg. Und die nächste iranische Waffenlieferung oder Provokation ist nur eine Frage der Zeit. Es bleibt abzuwarten, ob Israel dann Zurückhaltung walten lässt und weiterhin auf Abschreckung setzen wird. In Netanjahus Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 18. Februar machte der israelische Premierminister deutlich, dass Israel nicht gedenkt, seine legitimen Sicherheitsinteressen zu vernachlässigen. Mit einem Trümmerteil der zerstörten iranischen Drohne in der rechten Hand sprach er den iranischen Außenminister Mohammed Javad Zarif, der im Publikum saß, direkt an: „Herr Zarif, Erkennen Sie das? Sie sollten es, denn es gehört Ihnen. Sie können es zurücknehmen mit einer Nachricht an die Tyrannen von Teheran: Testen Sie nicht Israels Entschlossenheit!“

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