Eine Würdigung der 2014 verstorbenen Literaturwissenschaftlerin ist jetzt in Buchform erschienen 





Von Daniel Hoffmann
Zum Handapparat eines jeden Geisteswissenschaftlers gehören unverzichtbar Lexika, Wörterbücher, Nachschlagewerke, Bibliografien und Handbücher, auch Literaturgeschichten, in Epochen eingeteilt. Dass diese im Laufe der Jahrzehnte von opulenten Werken, die ausführlich eine Literaturepoche darstellen, zu ganz schmalen, reich bebilderten, mit Kästchen, in denen schlagwortartige Zusammenfassungen untergebracht sind, versehenen Büchern geworden sind, ist unser heutigen Vorstellung von leicht verdaulicher Bildung geschuldet. 

Mit einer solchen Häppchenkultur hätte sich Renate Heuer, die 2014 verstorbene Germanistin, Initiatorin und Herausgeberin verschiedener Projekte zur deutsch-jüdischen Literaturgeschichte, niemals zufrieden gegeben. Jetzt hat Ludger Joseph Heid, Historiker und selbst Literaturwissenschaftler, der den Lesern dieser Zeitung als Publizist und Rezensent wohlbekannt ist, im Berliner Hentrich & Hentrich-Verlag Aufsätze, Vorträge und Rezensionen aus dem Nachlass von Renate Heuer herausgegeben, um zugleich zusammenfassend ihr jahrzehntelanges unermüdliches Wirken für die deutsch-jüdische Literaturgeschichte zu dokumentieren und zu würdigen.

Das Lexikon deutsch-jüdischer Autoren
Renate Heuers Haupt- und Lebenswerk ist das in dem von ihr 1983 gegründeten Archiv „Bibliographia Judaica“ herausgegebene 20-bändige Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, das von 1992 bis 2013 erschienen ist. Jüngere Forscher nehmen es als Selbstverständlichkeit hin, dass dieses Lexikon vollständig vorliegt, ältere Forscher jedoch haben das Erscheinen der einzelnen Bände herbeigesehnt, in den die von ihnen erforschten Autoren wie z.B. Franz Werfel, Arnold Zweig, Stefan Zweig, aber auch weniger bekannte wie Hugo Sonnenschein, in systematischer Weise dargestellt werden.

Die vergessenen Mühen
Hinter diesen Bedürfnissen des Forschers, mit Grundlagenwissen versorgt zu werden, verschwindet die Mühe, die es bereitet hat, dieses Grundlagenwissen erst einmal aufzubereiten. Ludger Joseph Heid hat sie in seiner Einleitung „Ein Leben für die deutsch-jüdische Literatur-Geschichte“ ausführlich geschildert. Heid erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Pionierleistung in der jungen Bundesrepublik. Das in den 60er Jahren von dem Lyriker und Rabbiner Elazar Benyoëtz initiierte Projekt des „Lexikons deutsch-jüdischer Autoren“ führte Renate Heuer schon bald quasi im Alleingang weiter. Welche Entbehrungen es sie kostete, welche beständige Mühsal der Finanzierung es erforderte, welche Ausdauer es verlangte, allein schon angemessene Räume für das Archiv zu finden, liest man in diesem Kapitel mit Bewunderung und Hochachtung, aber auch mit einem Kopfschütteln, da man beinahe täglich in der Presse nachlesen kann, wie leicht doch im Gegensatz dazu abgehalfterte Politiker auf gutbezahlte Aufsichtsratsposten gesetzt werden.

Späte Würdigung
Renate Heuer ging es darum, den jüdischen Beitrag zur deutschen Geistesgeschichte zu dokumentieren. Das ist der leitende Gedanke ihrer Jahrzehnte währenden Arbeit. Die Wertschätzung, die sie dafür erfahren hat, hat sich im Laufe der Jahre stark gewandelt. Stand sie in den 60er Jahren noch fast auf verlorenem Posten, weil es keine sichtbaren Zeugnisse dieser deutsch-jüdischen Kultur der Vorkriegsjahrzehnte mehr gab, weil aber auch das Interesse nach einer Dokumentation dieser Kulturleistung nicht vorhanden war, hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten die Bedeutung dieser Arbeit als wichtiger Beitrag für das Selbstverständnis, für die neu gefundene Identität der Bundesrepublik herausgestellt.

Deshalb ist Renate Heuer im Jahr 2007 vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet worden. Das Foto von der Verleihung schließt den Bildteil im vorliegenden Band ab.

Der Aufbau des Lexikons
Das Lexikon deutsch-jüdischer Autoren geht andere Wege als herkömmliche Lexika. Ein Lexikon kann gewöhnlich auf Lexika älteren Datums zurückgreifen, dessen Lemmata es aktualisiert. Renate Heuer hat eine andere Systematisierung gefunden, die ihrer Leitidee der Dokumentation deutsch-jüdischer Kultur gerecht wird. Die einzelnen Artikel ihres Lexikons sind nach folgendem Schema aufgebaut: nach der familiengeschichtlichen Darlegung folgen kurze Einträge über Ausbildung und berufliche Stationen. Aber auch der Freundeskreis gehört mit zur Darstellung. Das gesellschaftliche Engagement und die Stellung zum Judentum geben schon genaueren Einblick in die Persönlichkeit. Daran schließt sich eine bibliografische Erfassung der Veröffentlichungen sowie der Hinweis auf den Nachlass an. Auch Literatur zum Autor wird gesammelt. Diese Informationen beruhen zum größten Teil auf eigenen, aufwendigen Recherchen, die das Archiv hat vornehmen müssen. Wie das Archiv gearbeitet hat, um seinen selbstgestellten Auftrag, den Beitrag der Juden seit ca. 1750 zur deutschen Geistesgeschichte zu dokumentieren, zu erfüllen, zeigt der erste Beitrag dieses Bandes von Renate Heuer am Fallbeispiel des Kritikers Julius Bab (1880-1955).

Vom Salon bis zum „Hassgesang gegen England“
Schon an diesem Aufsatz lässt sich feststellen, dass Renate Heuer eine Germanistin der alten Schule gewesen ist. Die aktuellen Geisteswissenschaften kennen das Primat der Methodenwahl. Nach erfolgter Wahl wird der Untersuchungsgegenstand – komme, was wolle – den Intentionen der Methode unterworfen. Renate Heuer kannte nur die dienende Rolle des Wissenschaftlers, die Texte sprechen zu lassen bzw. – wie es im Untertitel eines hier abgedruckten Vortrages heißt, einen Nachlass zum Sprechen zu bringen. Das ist Renate Heuers große Kunst. Sie will nicht Erkenntnisse vermitteln, sondern Interesse für den Autor und seine Texte wecken. Sie will ihre Leser nicht belehren, sondern sie will ihnen Lektüreeindrücke geben, damit sie selbst zum Lesen der Quellen finden. Das wird in allen Texten, die dieser verdienstvolle Band enthält, deutlich, ob sie sich Ludwig Börnes Schilderungen des Frankfurter Ghettos, Jüdischen Salons in Berlin, dem Autor Sammy Gronemann, der Erinnerung des einstmals durch ein Hassgedicht auf den Kriegsgegner England im Ersten Weltkrieg berühmt gewordenen Ernst Lissauer oder die groß angelegte Rezension über Jüdinnen zwischen Tradition und Emanzipation handelt.

Im Rückblick auf Renate Heuers Lebenswerk wird deutlich, dass es nicht die Interpreten der Quellen sind, deren Deutungen von Kultur in Erinnerung bleiben wird, sondern die selbstlosen Archivare, die – das kann an Renate Heuers Wirken exemplarisch abgelesen werden – treue und aufrichtige Begleiter einer wertvollen vergangenen Kultur über die unterschiedlichen Zeitströmungen hinweg sind. Der Sammelband ihr zu Ehren bildet somit ein würdiges Seitenstück zu ihrer archivalischen Leistung.

Renate Heuer: Deutsch-jüdische Literatur-Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Aufsätze, Vorträge, Rezensionen, hg. von L. Joseph Heid, Hentrich & Hentrich-Verlag, Berlin 2017, 385 Seiten, EUR 29,90.

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