September 5, 2015 – 21 Elul 5775
Reisetagbuch „Madiba Days“

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Juden in Südafrika und die Überwindung der Apartheid  

Von Martin Jehle

Marko Martin, 44 Jahre alt und in einer christlichen Familie in Sachsen aufgewachsen, machte sich im 1989 auf, die Enge der DDR zu verlassen. Die Ausreise nach West-Berlin war für ihn, nach Wehrdienstverweigerung und Studienplatzversagung, Befreiung und Beginn intensiver schriftstellerischer Reisetätigkeit. Ein Land hat es ihm dabei besonders angetan: Israel. Doch auch wenn Martin anderswo in der Welt unterwegs ist, hat er immer ein Auge für alles Jüdische und Israelische. So auch in seinem jüngstem Buch „Madiba Days. Eine Südafrikanische Reise“ (Wehrhahn Verlag, 2015).
Darin reist er auf den Spuren von Nelson Mandela (Spitzname „Madiba“) durch das heutige Südafrika. Gut 20 Jahre nach der Überwindung der Apartheid forscht Martin dem Seelenzustand der „Regenbogennation am Kap“ nach. Dass Martin die Rolle von jüdischen Aktivisten in der Anti-Apartheidsbewegung besonders bemerkenswert findet, überrascht angesichts seines privaten wie auch schriftstellerischen Interesses an Israel („Kosmos Tel Aviv. Streifzüge durch die israelische Literatur und Lebenswelt“, 2012) nicht.
Ursprünglich als Recherche für einen Zeitungsartikel zur Verfilmung der Mandela-Autobiographie „Der lange Weg zur Freiheit“ geplant, ist ein literarisches Reisetagbuch entstanden, das jedem der neun Tage, in die auch der Tod Mandelas am 5. Dezember 2013 fällt, einen längere Eintrag widmet.

Zwei Begleiter durchziehen Martins Reise: Hendrik, sein Fahrer, und Nadine Gordimer, genau genommen ihr Roman „Keine Zeit wie diese“, in dem sie die Geschichte ehemaliger ANC-Kämpfer, schwarzer wie weißer, erzählt. Den Roman veröffentlichte die letztes Jahr verstorbene südafrikanische Literaturnobelpreisträgerin und Anti-Apartheidsaktivistin 2012.

Wenn Martin auf den Spuren Mandelas wandelt, dann ist die Beschäftigung mit der Überwindung der Apartheid natürlich zentral. Dabei fördert er interessante Details zutage, die wohl sonst nur Kennern südafrikanischer Geschichte bekannt sein dürften. Er erzählt etwa vom Bauernhof des Malers Arthur Goldreich, auf dem in den 1960er Jahren weiße Anti-Apartheids-Aktivisten (viele davon Juden) und die untergetauchte ANC-Führung zusammenlebten, bis das Versteck aufflog.

Neben Goldreich, der auch im israelischen Unabhängigkeitskrieg kämpfte, erinnert Martin noch an weitere jüdische Südafrikaner: Joe Slovo und seine Frau Ruth First, „Tochter jüdisch-lettischer Emigranten, die als Journalistin zusammen mit anderen, ebenfalls vor allem jüdischen Südafrikanerinnen immer wieder auf die Unterdrückung der Schwarzen aufmerksam machte, bis sie außer Landes fliehen musste – und 1982 von einer Briefbombe zerrissen wurde, abgeschickt vom Geheimdienst des Regimes in Pretoria.“ Dazu noch: Harold Wolpe, Rusty Bernstein, Denis Goldberg, Melville Edelstein, Helen Suzman. Beispiele derer, die als Weiße Widerstand gegen die Apartheid-Politik geleistet haben und zum Teil dafür Gefängnisstrafen erhielten oder dabei zu Tode kamen. „Und haben, stellvertretend für so viele südafrikanische Juden, nun tatsächlich eine Ehre gerettet und ein Erbe, eine Ethik“, schreibt Martin.

Das Jüdische Museum in Kapstadt ist ein Ort, der diesem Aspekt südafrikanischer Geschichte naturgemäß Beachtung schenkt. Wie selbstkritisch dies geschieht, zeigt ein Zitat aus der Ausstellung, das Martin hervorhebt: „Die jüdische Gemeinschaft hätte ungleich mehr tun müssen als sich unter der Apartheid neutral zu verhalten; die Aktivisten befanden sich in der Minderheit.“ Solche offene Worte überraschen und beeindrucken – eine nachträglich auferlegte Messlatte, die die Juden Südafrikas nicht in der Lage waren zu überwinden, immerhin selbst Minderheit innerhalb der weißen Bevölkerung Südafrikas. Mit den Tagebuch-Worten Martins: „Und dachtest Wow!, denn welche andere Minderheit in welchem Staat würde so etwas wohl in ihrem eigenen Museum schreiben, gut sichtbar und ohne Floskeln.“

Nicht unerwähnt lässt Martin am Rande, wie Israel mit Südafrika, etwa im Rüstungsbereich, zusammenarbeitete, als sich die meisten westlichen Länder bereits abgewandt hatten. Einer der Architekten der Beziehung beider Länder: Schimon Peres, früherer Präsident und von der israelischen Linken verehrt, worauf Martin mit spitzer Feder hinweist.

Er äußert freimütig seine Bewertungen und Reflektionen, ganz Tagebuch, auch scheinbar Nebensächliches wird beachtet. Martin rekonstruiert sein Denken im jeweiligen Moment und lässt den Leser an der Entwicklung seiner Gedanken teilhaben. Das fängt mit dem ersten Kontakt zu seinem Fahrer und Reisebegleiter „Hendrik van …“ an, dem Nachnamen nach aus der weißen, burischen Bevölkerungsgruppe mit holländischen Wurzeln. Erster Kommentar dazu: „Ausgerechnet ein Burensohn, mit dem Du die Orte abgehst, die im Mandela-Film ‚Long Walk to Freedom‘ eine Rolle spielen.“ Hendrik erscheint zunächst unpolitisch, lässt sich von den Reisezielen – diverse Museen und Gedenkstätten - sowie dem Wissensdurst Martins nicht aus der Reserve locken.
Vorsichtig tastet sich Martin an seinen Fahrer heran, registriert Zwischentöne, Blicke und kleinste Regungen oder Veränderungen in Mimik und Gestik. Später entpuppt sich Hendrik als sachkundiger und urteilsfähiger Gesprächspartner.

Martin besichtigt die Stationen des Lebens von Mandela, so auch ein früheres Gefängnis, in dem er inhaftiert war, bevor er nach Robben Island kam. Mauern, Tore, Innenhöfe, weißgekalkte Wände, vergitterte Fenster. Szenische Beschreibungen von Orten und Begegnungen, gespickt mit Kommentaren zu Kleidung und Habitus seiner Gegenüber, gehören zu Martins Stil. Sein Gedenkstätten-Führer Zeph erzählt ihm: „Hier wurden Menschen gebrochen, nach festgelegtem Programm. Natürlich gab es auch immer wieder die sogenannten ‚nicht aufgeklärten Todesfälle‘. (…) Mitunter ließ man die Schmutzarbeit auch von den Gefangenen selbst machen. Kriminelle Häftlinge, die Zugang zu Stichwaffen hatten und innerhalb des Gefängnisregimes ihre eigene Terror-Ordnung installiert hatten.“

Beeindruckend auch die Geschichte von Albie Sachs, die sich, wie so viele, wie ein Abenteuer liest. Wiederum erzählt mit den Worten von Zeph: „Albie Sachs wird 1935 hier in Joburg [Johannesburg – Anm. d. Red.] als Kind litauischer Juden geboren, beide Eltern sind in der Bürgerrechtsbewegung aktiv. So auch ihr Sohn, der als Rechtsanwalt dann Apartheidsgegner verteidigt und deshalb bald selbst ins Gefängnis kommt, rein und raus, Isolationsfolter und Bannung (…) Aber Albie überlebt und geht ins Exil (…).“
1988 verliert er bei einem Bombenattentat des südafrikanischen Geheimdienstes den rechten Arm und ein Auge. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil wurde Sachs in das Vorbereitungskomitee für die neue südafrikanische Verfassung aufgenommen. Er sorgte in dieser Rolle dafür, dass im neuen Südafrika das Verbot der Homosexualität aufgehoben wird.

Seine Eindrücke, Begegnungen und Gespräche hält Martin reflektierend, wie eine Art Selbstgespräch, fest und ergänzt sie um interessante Hintergrundinformationen. Sein breites politisches und historisches Wissen hilft ihm dabei, Dinge einzuordnen, aber auch so machen Exkurs, etwa in seine Erinnerungen an die DDR, vorzunehmen. Dem Leser wird durchaus ein gewisses Vorwissen abverlangt, bei der Fülle von erwähnten Persönlichkeiten aus Politik und Kultur mag hin und wieder Wikipedia bei der Lektüre etwas helfen. Nicht zuletzt gehören Alltagsbeobachtungen, private Einsprengsel und ganz persönliche Anmerkungen zu „Madiba Days“. Dieses Buch ist ein wahrhaft öffentliches Tagebuch, das einen viel über Südafrika lehrt und gleichzeitig tiefe Einblicke in das Denken und Leben des Autors gewährt.

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