Die Erinnerung an die ermordeten Juden dient vor allem der deutschen Gewissensberuhigung – und nutzt den lebenden Juden wenig.  

  • November 9, 2018 – 1 Kislev 5779
  • Deutschland
  • 30 mal gelesen

Von Thomas Eppinger (www.schlaglichter.at)

„Vor fast 80 Jahren, in der Pogromnacht des 9. November, schlugen den jüdischen Menschen in Deutschland Hass und Gewalt in ungeahntem Ausmaß entgegen. Was aber dann folgte, waren die beispiellosen Verbrechen des Zivilisationsbruchs der Schoah. Daraus erwächst die immerwährende Verantwortung Deutschlands, an dieses Verbrechen zu erinnern und Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Hass und Gewalt entgegenzutreten.“

Diese Sätze schrieb Angela Merkel kürzlich in das Gästebuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Ein Eintrag, der nachdenklich macht. Um Fremdenfeindlichkeit, Hass und Gewalt und entgegenzutreten, bräuchte es nämlich weder die Schoah noch die Erinnerung daran. Bringt man diese Begriffe in Zusammenhang mit dem eliminatorischen Antisemitismus des Nationalsozialismus, verschleiern sie mehr als sie offenbaren. Zurecht fragt der Journalist Stefan Frank im selben Zusammenhang: 

„Was ist mit den Nationen, die keine Juden ermordet haben, ist bei denen die Verantwortung, ‚sich für Freiheit, für Menschenrechte und für demokratische und rechtsstaatliche Werte immer einzusetzen‘ weniger groß?“

Überhaupt: Weshalb sollten die Überlebenden der Schoah nicht die Mörder ihrer Familien und Freunde hassen, die Räuber ihrer Vermögen und ihrer Lebensentwürfe? Und war es etwa nicht der exzessive Einsatz von Gewalt, der das Schlachten der Nazis erst beendet hat? Und „Fremdenfeindlichkeit“? Die Menschen, auf die sich in der Nacht zum 9. November Hass und Gewalt entluden, waren keine Fremden. Es waren die Nachbarn, Kollegen und Kommilitonen, der Kaufmann von nebenan, der Arzt im oberen Stockwerk. Sie waren alles andere als fremd, diese „jüdischen Menschen“, die man offenbar nicht mehr „Juden“ nennen mag, sondern Deutsche unter Deutschen.

Der 9. November 1938 war keine Naturkatastrophe
Ist es zu viel verlangt von einer deutschen Kanzlerin, Ross und Reiter zu benennen, wenn sie vom 9. November spricht? Es war schließlich keine Naturkatastrophe, die in dieser Nacht den „jüdischen Menschen“ in Deutschland entgegenschlug, es waren Deutsche (und Österreicher), die in einer Orgie der Gewalt ihrem Hass auf Juden freien Lauf gelassen haben. In Merkels passiver Formulierung kommen die Täter nicht einmal mehr vor. Doch was ist eine Erinnerung wert, in der die Täter ausklammert werden?

Von den Allgemeinplätzen entkleidet, bleibt von Merkels Gästebucheintrag in Yad Vashem nur die Verpflichtung Deutschlands zur Erinnerung an die Shoah. Doch die eigentliche Verantwortung Deutschlands ist nicht die Erinnerung an die Verbrechen der Schoah, sondern die Verhinderung deren Wiederholung und die Rückgabe des den Juden geraubten Vermögens.

Bis heute gibt es in Deutschland kein Restitutionsgesetz, das diesen Namen verdienen würde. Der Autor und Dokumentarfilmer Maurice Philip Remy schätzt, dass noch immer 60 Prozent der deutschen Kunstmuseen Raubkunst in ihren Beständen haben könnten. 2015 hätten gerade einmal 10 Prozent davon damit begonnen, überhaupt nachzusehen, sagt er in einem Interview über sein Buch „Der Fall Gurlitt“, und kommt zu dem Schluss: „Wir sind Weltmeister im Lippenbekenntnis!“

Es geht nicht nur um Kunst. Die Mörder, Räuber, Hehler und ihre Komplizen fuhren in den Autos ihrer Opfer, schliefen in ihren Betten, aßen von ihrem Geschirr und kleideten sich in ihre Mäntel. Und damit nicht genug: letzten Endes stahlen sie ja nicht nur das Vermögen der Vertriebenen und Ermordeten, sondern nahmen auch deren Plätze in der Gesellschaft ein, machten „geraubte“ Karrieren an den Universitäten, in der Verwaltung und in Unternehmen, und vererbten das dabei angehäufte Vermögen an ihre Nachkommen. Vor dreizehn Jahren erschien Götz Alys Buch „Hitlers Volksstaat“, doch vom Holocaust als größten Massenraubmord der Geschichte will man in Deutschland bis heute nicht viel hören. Schließlich will man es mit der Erinnerung nicht übertreiben.

Gedenken an tote Juden und Geschäfte mit dem Iran passen nicht zusammen

Dieselbe Heuchelei setzt sich im Umgang mit Israel und dessen Feinden fort. Denn was sonst sollte eine immerwährende Verpflichtung Deutschlands sein, als jenen Juden beizustehen, die seit 70 Jahren unmittelbar von Vernichtung bedroht sind? Stattdessen unternimmt man alles, um mit dem Iran weiter Geschäfte zu machen und finanziert mit deutschem Steuergeld, dass die „Palästinenser“ den Mord an Juden weiterhin mit lebenslangen Apanagen entlohnen können. Ein deutscher Politiker, der behauptet, dass die israelische Armee „Dutzende Palästinenser einfach hinrichtet“ (Anm.d.R.: Bremens SPD-Innensenator Mäurer), ist auch am Tag danach noch Politiker, und dieselben Amtsträger, die den Antisemitismus der „Rechten“ löblicherweise bekämpfen, finden nichts Verwerfliches daran, deklarierte Feinde des jüdischen Staates zu hofieren und sehen über den Antisemitismus in ihren eigenen Reihen hinweg.

Gerhard Schröders Wunsch hat sich erfüllt. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist ein Ort geworden, „an den man gerne geht“. Der verdiente deutsche Historiker Eberhard Jäckel sagte bei dessen fünfjährigem Jubiläum: „In anderen Ländern beneiden manche die Deutschen um dieses Denkmal. Wir können wieder aufrecht gehen, weil wir aufrichtig waren. Das ist der Sinn des Denkmals, und das feiern wir.“

Auch wenn es nicht beabsichtigt war: Klarer kann man nicht ausdrücken, dass Erinnern vor allem für die Erinnernden da ist, nicht für die Erinnerten und die Vergessenen. Es scheint, als würde sich Deutschland mit seiner ausgeprägten Erinnerungskultur seiner konkreten Verantwortung entledigen wollen. Doch kommende Generationen werden das demokratische Deutschland einmal nicht daran messen, wie es sich an die toten Juden erinnert hat, sondern wie es mit den lebenden umgegangen ist.

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben