Dezember 4, 2015 – 22 Kislev 5776
Rassist als Retter vor Rassismus

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Der Diktator der Dominkanischen Republik hatte seinen ganz eigenen Gründe Juden vor Hitler zu retten  

Von Ulrike Stockmann

Bekanntlich war seit Hitlers Machtergreifung 1933 jüdisches Leben in Deutschland in Gefahr. Davon berichtete auch die erste jüdische Ausreisewelle, die vornehmlich europäische Nachbarstaaten erreichte. Begeistert waren diese Länder über den semitischen Zuwachs jedoch nicht. Daher wurde die Unterdrückung der Juden durch die Nazis in der Politik zunächst nicht besonders thematisiert. Hinzu kam, dass viele der deutschsprachigen Juden ohnehin zunächst nach Österreich flohen, um wirtschaftlich überhaupt eine Perspektive zu haben. Als sich Hitler 1938 Österreich einverleibte, war auch die Alpenrepublik kein sicheres Land mehr und erneut mussten viele Juden die Flucht ergreifen.
Dadurch ergaben sich nun ganz andere Flüchtlingszahlen und global wurde der Holocaust verstärkt als Bedrohung und damit als diskutierwürdig eingestuft. Nach wie vor sahen sich jedoch die europäischen Staaten nicht in der Lage, Juden in verstärktem Maße Asyl zu gewähren. Selbst die USA, das Einwanderungsland schlechthin, hatte erhebliche Bedenken, eine größere Zahl Juden aufzunehmen. Nicht unbedingt, weil Präsident Roosevelt persönlich etwas gegen die Juden gehabt hätte. Vielmehr waren auch im Schmelztiegel der amerikanischen Gesellschaft Vorbehalte gegen Juden präsent. Das Risiko, sich gegen sein Volk zu stellen, wollte der amerikanische Präsident nicht eingehen; vor allem wollte er seine Wiederwahl nicht in Gefahr bringen. Nichtsdestotrotz – der Holocaust geisterte durch die Medien; man musste etwas tun, also setzte Roosevelt zumindest ein Zeichen. 1938 berief er die „Konferenz von Évian“ in Frankreich ein.
Es versammelten sich Vertreter aus insgesamt 33 Ländern. Darunter europäische Staaten, die USA, Kanada, Australien, Neuseeland und fast ganz Mittel- und Südamerika. Desweiteren waren Dutzende internationale Hilfsorganisationen anwesend. Die faschistischen Staaten Europas lud man wohlweislich gar nicht erst ein. Ebenso verzichtete man auf die Osteuropäer, von denen es hieß, sie würden es im Geheimen begrüßen, ihre Juden loszuwerden. Die deutsche Regierung war ausdrücklich nicht erwünscht. Man ließ jedoch Helmut Wohlthat, einen NS-Staatsbeamten unter Göring, als Vertreter Nazi-Deutschlands der Versammlung beisitzen.
Die voraussichtliche Zahl jüdischer Flüchtlinge wuchs sich in die Millionen aus. Die ernannten Zielländer zeigten sich wenig beglückt von dem, was da auf sie zukommen sollte. Sie bekundeten also artig ihr Mitleid mit den verfolgten Juden, um jedoch letztlich zu betonen, dass sie nach wir vor nicht in der Lage seien, verstärkt jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Entweder waren sie zu voll, hatten kein Geld oder fürchteten wie Roosevelt, dass ihre Bevölkerung von semitischem Zuwachs nicht gerade begeistert sein könnte.
Die Amerikaner gestatten zwar weiterhin jährlich 27.370 Deutschen und Österreichern, in die Vereinigten Staaten einzuwandern. Gemessen an den Millionen Juden, deren Leben akut von den Nazis bedroht wurde, war dies jedoch keine umfassende Lösung.
Lediglich ein Land war bereit, die Juden mit offenen Armen zu empfangen. Ausgerechnet der Präsident der Dominkanischen Republik, Rafael Trujillo, wollte 100.000 Juden aufnehmen – als Diktator und bekennender Rassist.
Noch unglaublicher klang sein Angebot, als man von den Gründen erfuhr. Trujillo wünschte, die in erster Linie afro-stämmige Bevölkerung seines Karibikstaates ein wenig „aufzuhellen“. Er hoffte, die eingeladenen europäischen Juden würden sich mit den Dominikanern vermischen und somit für etwas weißere Inselbewohner sorgen.
Die Konferenzteilnehmer trauten wohl zunächst ihren Ohren nicht. Auch nach gründlicherer Debatte waren sie von Trujillos Vorschlag nicht überzeugt. Kämen die geflüchteten Juden, wenn sie das Angebot annahmen, unter seiner Herrschaft nicht vom Regen in die Traufe? Schließlich war der dominikanische Präsident ein erklärter Bewunderer Hitlers. Nicht zuletzt waren es natürlich auch Trujillos rassistische Beweggründe, die die Angelegenheit bedenklich erscheinen ließen. (…)

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