Juli 7, 2016 – 1 Tammuz 5776
Queen Victorias Premier

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Benjamin Disraeli im Porträt  

Von Zeev Sukeri

Queen, Fußball und Pints. Aus Deutschland blickt so manch einer immer etwas reumütig auf die Insel. In Deutschland brach man mit dem Ancient Regime, aber dort drüben steht dem Staat noch immer das Königshaus vor. So stolz man auf demokratische Errungenschaften sein mag, werden noch immer viele von nostalgischen Gefühlen für Adel und Monarchie erfüllt. Politischer Glanz und Gloria des Adels gehört in Deutschland der Vergangenheit an. Und während das höchste politische Amt, das ein Jude in Deutschland je bekleidete, das des Außenministers war (Walter Rathenau), wurde ein britischer Jude sogar Premierminister.

Es ist auch gerade mal knapp ein Jahr vergangen, seit Ed Miliband gegen David Cameron als Spitzenkandidat um das Amt des Premierministers angetreten ist. Labour erlebte eine krachende Niederlage, Miliband trat als Vorsitzender zurück. Im Vorhinein hatte man mit einem knappen Rennen gerechnet. Hätte Labour die Wahl gewonnen, wäre Ed nicht der erste Jude in der britischen Geschichte gewesen, der dieses Amt bekleidete.

Was sagt es über das politische System, über das Selbstverständnis eines Landes aus, wenn selbst Angehörige von Minderheiten bis in das höchste politische Amt vordringen können? Wenn der Grad an Antisemitismus ein Lackmustest der Demokratie ist, wie ist es dann um ein Land bestellt, in dem die realistische Chance besteht, dass ein Jude demokratisch gewählter Regierungschef wird? Und das bei damals gerade einmal 15.000 jüdischen Bürgern?

134 Jahre vor der Wahl im letzten Jahr verstarb der Romanschriftsteller, konservative Staatsmann und 1. Earl of Beaconsfield Benjamin Disraeli. Deutsche verbinden diesen Namen mit dem britischen Imperialismus. Sein Lebenswandel liest sich ein bisschen wie das „House of Cards“ des Empires: Das Amt des Premierministers vor Augen, taktierte er geschickt und schmiedet energisch Bündnisse. Schließlich schaffte er es gleich zwei Mal (1868 und 1874-1880) das Amt des Premiers zu bekleiden. Teilweise liest sich Disraelis Biographie allerdings wie die einer klassisch jüdisch-europäischen Assimilation.

Eigentlich stammte der Earl aus einer sephardisch-italienischen Familie – der Großvater wanderte aus Venedig ein –, wurde dann aber mit 13 Jahren qua Taufe anglikanisch. In der deutsch-jüdischen Geschichte findet man ähnlich gebrochene Biographien, z.B. Heinrich Heine oder Theodor Lessing. Kafka verglich die deutschen Juden, die durch Konversion versuchten ihren „jüdischen Makel“ loszuwerden mit Lämmern. Sie sprangen ab, erreichten mit den Vorderhufen nie neuen Boden und blieben mit den Hinterhufen immer am Boden kleben. Sie wurden nie wirklich zu ebenbürtigen Bürgern, egal wie sehr sie versuchten ihre jüdische Herkunft zu verdecken.

Wie verhielt es sich mit Disraeli? Erging es ihm ähnlich? Vorerst folgte er seinem Vater Isaac auf den Spuren als Autor. Der Großvater hatte es zu Wohlstand gebracht, so konnte Isaac sich als mäßig produktiver Schriftsteller verdingen. Er schrieb „The Genius of Judaism“, in welchem er verlangte, dass Juden in Europa die christliche Kultur annehmen, dabei aber ihr Judentum nicht ablegen sollten. Es ist eine spezifische Idee der Assimilation, welche Benjamin weiterentwickelte: Die Wiedervereinigung der Kulturen, die im Judentum wurzeln. Isaac D’Israeli (sein Sohn würde das Apostroph später streichen) eröffnete seinem Sohn durch die Taufe eine politische Karriere, denn die wäre einem Juden – wie in anderen europäischen Staaten ebenfalls – verwehrt gewesen.

Benjamin begann ein Studium der Rechtswissenschaft und veröffentlichte 1826 sein erstes Buch mit dem Titel „Vivian Grey“. Es war so erfolgreich, dass er weitere Bücher in den Jahren 1832 („Contarini Fleming“), 1833 („Alroy“) und 1837 („Henrietta Temple“) nachlegte. Benjamin nutzte die Schriftstellerei, um seine politischen Ideen zu verarbeiten. Beim Lesen seiner Werke erscheint Disraeli als jemand, der klassische konservative Positionen vertrat, ohne dabei dem Bild eines typisch Konservativen zu entsprechen. Allerdings widersprechen insbesondere seine Heldenfiguren, die er zweifelsohne nach seinen eigenen Allmachtsvorstellungen gestaltete, seinem eigenen öffentlichen politischen Wirken. Während er im echten Leben als Pragmatiker auftrat, sind seine Titelhelden fiktional ausagierter Größenwahn. Da gibt es den Titelhelden „Tancred“, der das Heilige Land und den Vorderen Orient bereist, und am Berg Sinai von einer Vision ereilt wird (zufällige Ortswahl?): er wäre es, der Asien und Europa unter einer theokratischen Ordnung vereinen solle. Allerdings ist die chauvinistische Überhöhung kein Ausdruck einer Idee jüdischer Weltherrschaft, sondern der Appell an die christliche Kultur, dass man sich an seine jüdischen Ursprünge erinnern sollte.

Ähnlich Positionen vertritt er auch gegenüber dem Islam, wenn z.B. der Held aus „Tancred“ Araber als „Juden zu Pferde“ bezeichnet. Die Bücher des jungen Rechtswissenschaftlers waren so erfolgreich, dass er von dem Geld eine Reise durch Spanien, die Türkei und den Balkan unternehmen konnte. In den Jahren 1832 und 1835 unternahm Benjamin den Versuch ins britische Unterhaus einzuziehen. Zeitgleich zur Thronbesteigung von Queen Victoria im Jahr 1837 wurde aus dem Versuch der Erfolg und Disraeli wurde Mitglied des Unterhauses. Hier stand er sich dann vorerst selbst im Wege, da seine Art, die als extravagant und arrogant beschrieben wurde, für Unverständnis und Ablehnung sorgte. Umso erstaunlicher ist es, dass er es dann dennoch schaffte, den anderen Abgeordneten Respekt abzuringen.

Als die Konservativen die Wahlen gewannen, hoffte Disraeli zwar auf einen Kabinettsplatz unter dem neuen Premier Peel, wurde allerdings übergangen und blieb vorerst charismatischer Hinterbänkler. Er nutzte aber die Chance, und wurde zu einem der schärfsten Regierungskritiker aus den eigenen Reihen. Peel, der dem sich in der Entwicklung befindenden Bürgertum zugetan war, stand einem Bündnis aus Aristokratie und Arbeiterschaft gegenüber. Disraelis Grundüberzeugung, dass der Adel eine historische Verpflichtung gegenüber der Arbeiterschaft hätte, führte zur Unterstützung dieser eigentümlichen Symbiose. Die nächsten Wahlen 1846 verloren die Konservativen, die sich inzwischen in Gegner (Protektionisten/Disraeli-Fraktion) und Befürworter (Peel-Fraktion) des Freihandels gespalten hatten. Nach 1847 entsandte die Grafschaft Buckinghamshire Benjamin in das House of Commons. Von dort aus unterstützte er den liberalen Premierminister Lord John Russel, welcher die Restriktionen gegen Juden im britischen Parlament aufhob. Das „Jewish Disabilities Bill“ sollte jüdische Bürger im Jahr 1848 schließlich wählbar machen.

Es dauerte noch einige Jahre, in denen Disraeli als Schatzkanzler diente und mehrmals mit der Regierungsarbeit am Parlament scheiterte, ehe er gemeinsam mit Lord Derby eine Regierung bildete und diesem 1868 als Premierminister folgte. Ein Jahr später wurde William Ewart Gladstone zum Premier gewählt und Benjamin ging folgerichtig in die Opposition. Doch nach fünfjähriger Abstinenz sollte es ausgerechnet die höchste Person im Empire sein, die Benjamin zurück an die Spitze führte. Als die Konservativen die Wahlen 1874 gewannen, insistierte die deutschstämmige Queen Victoria, dass Disraeli zum Premier gewählt wird. Die Queen zeigte mit dieser Entscheidung auch politische Weitsicht, denn Disraeli trug ihr den Titel Kaiserin von Indien an und hatte damit einen nicht unerheblichen Anteil an der Begründung des Britischen Weltreiches.

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