Juli 7, 2016 – 1 Tammuz 5776
Prinzipienlosigkeit zahlt sich aus

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Der deutsche Pass ist weltweit die Nummer 1 unter den Reisedokumenten  

Von Adam Elnakhal

Im Februar dieses Jahres wurde wieder einmal der „Visa Restrictions Index“veröffentlicht. Dieser Index gibt an, in wie viele Staaten Bürger der unterschiedlichen Länder visumfrei einreisen dürfen. Und der Gewinner heißt? Deutschland! Wer den deutschen Reisepass in Händen hält, der genießt das Privileg in 177 Staaten dieses Planeten visumfrei einreisen zu dürfen. Dies vermag weltweit kein anderer Pass, keine andere Staatsangehörigkeit.

Auf Platz Nummer zwei folgt das Königreich Schweden mit 176 Staaten, in welche die Nordlichter einreisen dürfen ohne sich zuvor mit einem Konsulat auseinandergesetzt zu haben. Die anderen westlichen Staaten folgen mit zum Teil deutlich weniger Staaten, in denen die Einreise visumfrei möglich ist.

Nun könnte man natürlich vor Freude im Dreieck hoppeln und den Sekt kaltstellen ob dieser exzellenten Resultate. Deutschland rudert auf der weltweiten Beliebtheitswelle und schwebt auf der internationalen Glückswolke. Spätestens seit dem WM-Sommer 2006 wird Deutschland immer wieder in diversen ausländischen (TV-)Umfragen als beliebtestes Land gewählt. Die (in- und) ausländische Deutschlandliebe begann im Fußballtraumsommer vor zehn Jahren, als die Deutschen nicht mehr als Spießer wahrgenommen wurden, sondern als weltoffenes und allseits tolerantes Volk. Deutschlands Beliebtheit wuchs gefühlt schneller als die Weltbevölkerung und das Germanyfieber verbreitete sich fast in Überschallgeschwindigkeit. Jener Sommer und die Zeit danach war gewiss wohltuender Balsam für die Herzen zwischen Flensburg und Oberstdorf. Warum denn auch nicht? Gibt es ein schöneres Gefühl als geliebt zu werden? Zumindest hat Homo sapiens in 200.000 Jahren seiner Existenz noch kein besseres Gefühl entdecken können.

Aber hat die ganze Sache nicht irgendwo einen Haken der Klassenfavorit zu sein? Gewiss hat es diesen: In einer Welt aus 193 souveränen Staaten mit verschiedenen Freund- wie Feindschaften, Seilschaften, Gruppen, Cliquen, politischen wie religiösen Zweck-, Zwangs- wie Willensehen hat Neutralität und Beliebtheit aller Orten einen hohen Preis. Wenn der Feind meines Freundes mein Partner wird, dann opfere ich die Freundschaft unter dem Euphemismus einer „Neutralität“. Allseitige Beliebtheit kostet die eigene Meinung, die eigene Überzeugung und mitunter auch die eigenen Prinzipien (so man denn solche hat). Gute Beziehungen, die eine Grundlage für die Gewährung von Visafreiheit sind, gibt es nicht zum Nulltarif. Insbesondere für unfreie Staaten gilt, dass zu viel Kritik an der Ideologie und am Handeln nach jener den bilateralen Beziehungen schadet. Wer es sich beispielsweise mit der Republik Türkei nicht verscherzen möchte, der sollte es tunlichst vermeiden den Genozid an den Armeniern auf die Tagesordnung zu setzten oder ihn gar als solchen zu bezeichnen. Um die Gunst von Sultan Recep Tayyip I. zu gewinnen, sind ein warmes Lächeln, viele leere Freundlichkeitsfloskeln und der Verzicht auf die Präsenz der eigenen Flagge bei Staatsbesuchen viel besser geeignet als Kritik.

Dass Herr Erdogan nach dem Grubenunglück von Soma im Jahre 2014 einen Mann als „israelische Brut“ bezeichnete und damit ihn und das israelische Volk abwerten und beleidigen wollte, das darf man eben nicht so eng sehen, wenn man keine Probleme haben möchte. Wie heißt es in Deutschland doch: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Dies ist eine Kunst, welche die deutsche Bundeskanzlerin Merkel nahezu perfekt beherrscht. Es muss reichen alle paar Jahre in Jerusalem auf die Heuldrüse zu drücken und große Töne zu produzieren (Stichwort „Staatsräson“). (…)

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