Juni 8, 2015 – 21 Sivan 5775
Preußens jüdische Salons

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Kultur im Namen der Aufklärung  

Von Ulrike Stockmann

(…) Die jüdischen Salons verdanken ihre Existenz also neben den engagierten Protagonistinnen dem Bedürfnis des damaligen Zeitgeistes, sich intellektuell auszutauschen. Ein aufklärerischer Gedanke war nicht zuletzt die grundsätzliche Ebenbürtigkeit aller Menschen. Daher bestand in den literarischen Salons die Maßgabe, dass alle Anwesenden ungeachtet ihres Standes auf Augenhöhe miteinander kommunizieren sollten. Egal, ob es sich dabei um Hochadlige, Beamte oder Schauspieler handelte. So erscheint es beinah folgerichtig, dass die beliebtesten Salons ausgerechnet in jüdischen
Händen lagen – sozusagen den Stigmatisierten vom Dienst, die nun ihrerseits einen vorurteilsfreien Austausch förderten.
Wie dem auch sei, als Beispiel für einen jüdisch geführten Salon soll uns an dieser Stelle jener der Rahel Varnhagen von Ense, geborene Levin (1771 – 1833) dienen.

Diese betrieb zwischen 1790 und 1806 einen Salon, in dem die Crème de la Crème der damaligen Berliner Gesellschaft zusammen kam. Sie war berühmt und geschätzt für ihre anregende und geistreiche Konversation, wurde verehrt von Dichtern und von Fürsten. Doch bis auf ein paar unglückliche Affären schien sie lange Zeit in Liebesdingen kein Glück zu haben. Niemand der feinen Herren, die sie unaufhörlich anschmachteten, hätte es sich selber oder der Gesellschaft gegenüber gewagt, eine Jüdin zu heiraten.
In ihren ausgiebig erhaltenen und sehr kultiviert geführten Briefwechseln wird die Varnhagen nicht müde, ihre stigmatisierte Rolle zu beklagen. Schließlich schnappte sie sich den 14 Jahre jüngeren Diplomaten, Historiker und Publizisten Karl August Varnhagen. Dieser wurde später prompt in den Adelsstand erhoben, wodurch die ambitionierte Varnhagen doch noch zur „Frau von“ wurde.

Für die Heirat war sie – wie damals üblich – zum Christentum konvertiert. Ob sie nun endgültig „zum Club“ gehörte, bleibt dahingestellt. In jedem Fall hat sie wohl in ihrem Gatten einen ebenbürtigen
Partner gefunden, der das Talent seiner Frau erkannte und posthum ihre Briefe veröffentlichte. Ob einer ihrer früheren hochwohlgeborenen Verehrer ihr ebenfalls diesen Dienst erwiesen hätte,
muss wohl eher angezweifelt werden. Daher kann man der Varnhagen gewiss nachträglich zu ihrer Wahl gratulieren. Wir sehen, dass auch die Aufklärung die jüdische Gesellschaft bei weitem nicht vollständig in die christliche Welt integrieren konnte. Aber sie hatte immerhin den Effekt, die Menschen zum Hinterfragen und zum Austesten neuer Möglichkeiten zu bringen. Und dazu gehörte,
das jüdische Bildungsbürgertum für voll zu nehmen, es für seine Leistungen zu bewundern und nicht länger nur auf Vorurteile zu reduzieren.
Auf jeden Fall hat die jüdische Salonkultur die Berliner Gesellschaft des ausgehenden 18. Jahrhunderts erheblich geistig bereichert und ist sicher eine Institution, die es lohnen würde wiederbelebt zu werden.

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