März 4, 2016 – 24 Adar I 5776
Pragmatismus und Religiosität

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Naftali Bennet oder warum in Israel das Links-Rechts-Schema versagt  

Von Monty Aviel Ott

Er entspricht nicht dem Bild eines europäischen Politikers. Schon gar nicht dem eines Berufspolitikers. Generell sind er und seine Partei schwer an europäischen Maßstäben zu messen. Man sollte den Vergleich tunlichst unterlassen, denn israelische Politik hat einen anderen Rhythmus als europäische. Pragmatismus erhält oft den Vorzug vor Ideologie.

Es gibt genug Europäer, die kluge und vermeintlich kluge Positionen zum israelisch-„palästinensischen“ Konflikt und der israelischen Politik haben. Die meisten dieser Positionen enden darin, dass man mit erhobenem Zeigefinger nach Israel zeigt und besserwisserisch Ratschläge erteilt. „Hier in Europa hat man den Krieg hinter sich gelassen. Hier in Europa ist das Höchstmaß an Kultur und Zivilisation und, hach, könnt nicht jedes Land sich ein bisschen mehr an Europa orientieren?“ Den meisten Israelis sind diese „gutgemeinten“ Ratschläge gleichgültig und das ist manchmal auch ganz gut so.

Vor eben diesem Hintergrund soll dies kein Artikel sein, der Ratschläge gibt, sondern einer, der das Geflecht der israelischen Politik etwas entwirrt. Die Person, um die es dabei geht, wird von vielen dieser europäischen Journalisten als dermaßen anstößig erachtet, dass man sich ihr nur ungern nähert und es durch eine verkürzte Kategorisierung unterlässt, das Bild differenzierter zu betrachten. Es ist obsolet zu erklären, dass die Einteilung in „links“ und „rechts“, deren Nutzen schon in Europa zweifelhaft ist, in der israelischen Politik erst recht zu kurz greift. Der Grund dafür liegt in der Art, wie die israelische Politik funktioniert. Pragmatismus steht oft vor ideologischen Grenzen, was man nicht zuletzt daran gesehen hat, dass es niemand geringeres als der „Bulldozer“ Ariel Scharon gewesen ist, der 2005 den Gaza-Streifen räumen ließ.

Die Dynamik des Nahen Ostens erlaubt es nicht, dass man sich ideologische Erzfeinde erbaut, sondern dass der einzige Weg zur Optimierung der Lebensqualität und der Freiheit darin liegt, über ideologische Grenzen hinweg zu kooperieren. So kommen israelische Politiker zu Entscheidungen, die ihnen zuweil gar nicht zugetraut werden. Getreu dem Bundeskanzler Adenauer zugeschriebenen Motto „Was interessiert mich mein Geschwätz von Gestern“, ist man in der israelischen Politik dazu bereit, grundlegende Prinzipien der eigenen Politik aktuellen Gefahren und Chancen anzupassen.

Entsprechend dieser Einstellung handelte der Bildungsminister und Vorsitzende von HaBajit haJehudi (zu deutsch: „Das jüdische Heim“), als er nach der Messerattacke des Ultraorthodoxen Yishai Schlissel auf die „Gay Pride Parade“ in Jerusalem sich dafür aussprach Homosexuellen-Organisationen zukünftig ein größeres Maß finanzieller Mittel zur Verfügung zu stellen. Dabei machte er deutlich, dass er insbesondere die staatliche Unterstützung für die an Schulen über Homosexuelle aufklärenden IGY (Israel Gay Youth) „dramatisch“ erhöhen will. Das Attentat Schlissels hatte landesweit Entsetzen und Trauer sowie eine drastische Verurteilung über die Parteigrenzen hinweg ausgelöst. Es scheint zuerst wenig verwunderlich, dass der Bildungsminister als Reaktion auf das Attentat die finanzielle Unterstützung von Homosexuellen-Gruppen erhöht, doch blendet man dabei die Kontroverse aus, in dessen Zentrum sich das „jüdische Heim“ bereits öfters befunden hat.

Ihr Vorsitzender wurde vom Soldaten zum Start-Up-Geschäftsführer und ging dann in die Politik. Benett wuchs im liebenswerten Haifa in einer Familie auf, deren Alija in San Francisco begonnen hatte. Seine politische Karriere wurzelte wahrscheinlich schon in Bne Akiwa, wo er in seiner Jugend als Madrich tätig war. Nach der Schulausbildung an der Jawne Jeschiwa High School absolvierte er von 1990 bis 1996 seinen Militärdienst bei den Sejarot Matkal und Maglan. Mit dem Rang des Majors der Reserve verließ er die Armee und begann an der Hebräischen Universität in Jerusalem sein Jurastudium. Nach dem Jurastudium wurde er Geschäftsführer von Cyota – einer Herstellerfirma von Sicherheitssoftware für Finanzdienstleister –, das er 1999 mitbegründet hatte. Bis zum Jahr 2005 konnte sich das Unternehmen derartig entwickeln, dass Bennett durch den Verkauf (145 Millionen US-Dollar) zum Multimillionär wurde. Aus der eigenen Situation hatte er viel über die Schwierigkeiten in der Start-Up-Branche gelernt, und blieb anschließend als „Business Angel“ in der IT-Start-Up-Szene des Silicon Wadi von Tel Aviv aktiv. Nachdem er 2006 am Libanonkrieg teilgenommen hatte, wurde Bennett dann Stabschef von Bibi Netanjahu. Dieser war 2006 mit dem Likud noch in der Opposition. (…)

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