Die ZDF und die Wahrheit, wenn es um Gaza geht  

Von Attila Teri

Es war mal wieder so weit. Ich bekam Schnappatmung als ich mir den neusten Beitrag aus Gaza beim „ZDF Auslandsjournal“ am 11. Januar dieses Jahres zu Gemüte führte. Auch wenn ich „nur“ ein säkularer, ungarischer Jude bin und kein Israeli, der seit 39 Jahren in Deutschland lebt und über 32 Jahre als „deutscher“ Journalist seine Brötchen verdient, verfolge ich stets die Berichterstattung aus der Region.

Zugegeben, ich bin sicher nicht ganz in der Lage alles objektiv zu sehen, wenn es um die Belange des jüdischen Staates geht. Dennoch erwarte ich, nein, ich erhoffe mir zumindest halbwegs ausgewogene Reportagen von meinen Kollegen. Diese Hoffnung wird leider nur in Ausnahmefällen erfüllt. So auch bei der sehr persönlichen Reportage über das zweifellos harte und sicher nicht gerade fröhliche Leben der Fischer von Gaza. Sie haben in der Tat nicht viel zu lachen. Das müssen sogar die Anhänger der „rechten“ Parteien Israels sehen, wenn sie Augen im Kopf haben. Es ist auch durchaus legitim auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen. Mehrheitlich sind sie ganz normale Menschen, die nichts verbrochen haben und dennoch unter der Seeblockade leiden müssen. Es fragt sich nur, aus welchen Gründen sie darunter leiden müssen. Und schon bin ich mitten im Thema, was mich dazu führt, auf diesem Wege einen offenen Brief an den Chefredakteur des ZDF zu richten.

Sehr geehrter Herr Frey,

in Zeiten von „postfaktischen“ Fake News und halben Wahrheiten, gegen die Sie und Ihr Sender zu Recht vehement kämpfen, verwundert es nicht nur mich, warum die Grundsätze, die sonst gelten, regelmäßig mit Leichtigkeit beiseite geschoben werden, wenn es um Israel geht. Das jüngste Beispiel: In der Rubrik „Außendienst“ vom „Auslandjournal“ begleitet der junge Kollege Benjamin Daniel die Crew eines kleinen Fischkutters aus Gaza.

In der Anmoderation heißt es: „Enttäuscht wurden sie ihr Leben lang. Die Fischer von Gaza. Von den Israelis, die ihr Arbeitsgebiet einengen, aber auch von der Hamas, die sie in Misskredit bringt. Und so müssen sie nicht nur Wind und Wetter trotzen, wenn sie aufs Meer fahren, sondern können auch zwischen die Fronten geraten.“

Beim Intro des Films läuft es im selben Duktus weiter: „Es ist eine der gefährlichsten Küsten der Welt. Wer aus diesem Hafen zu weit ausläuft, begibt sich in Lebensgefahr. Trotzdem fahren täglich Tausende Fischer auf das Meer vor Gaza.“

Dann erzählt der Hauptprotagonist: „Die größte Bedrohung für uns sind die israelischen Kriegsschiffe. Fahren wir zu weit raus, schießen sie auf uns.“ Rums! Das sitzt und schon wissen alle Bescheid. Da ich überwiegend für Privatsender als Fernsehautor arbeite, ist mir klar, dass es immer auf die Einleitung ankommt. Sie entscheidet, ob die Zuschauer dranbleiben oder wegzappen. Je reißerischer, desto besser. Es ist eine andere Frage, warum sich öffentlich-rechtliche Sender dieser Mittel bedienen, da die Quote nicht über ihr Überleben entscheidet. Dank Zwangsgebühren. Aber sei‘s drum.

Unterwegs auf See geht es dann ans Eingemachte: Das Publikum erfährt, dass die Fischer unter der Politik Israels leiden. Aber auch unter der Hamas. Immerhin. Das erste Mal taucht der Name der radikal-islamischen Terrororganisation auf, dessen selbsterklärtes, oberstes Ziel die Vernichtung Israels ist. Dies aber wird mit keinem Wort erwähnt! Darüber hinaus sei die Küste vor Gaza extrem verschmutzt und total überfischt. Aber weiter als 6 Seemeilen trauen sich nur Wagemutige oder Lebensmüde.

Nun wird der Beitrag plötzlich zur „Sendung mit der Maus“. Allerdings liefert das Original den wissbegierigen Kindern tatsächlich seriöse Information. Zu einer schicken Grafik folgt die vermeintliche Erklärung der misslichen Lage von Gaza.

„Vor über 20 Jahren unterzeichneten Israel und die Palästinenser das ‚Oslo-Abkommen‘. Darin ging es auch um das Meer vor Gaza. Die Fischer dürften eigentlich 20 Seemeilen weit herausfahren. Doch im Laufe der Jahre hat Israel diese Grenze immer enger gezogen. Heute sind es nur noch 3-6 Seemeilen. Der Grund: Sicherheitsbedenken. Israel fürchtet, dass die Hamas, die den Gaza-Streifen kontrolliert, auf Fischerbooten Waffen schmuggelt. Aus Sicht der Vereinten Nationen verstößt die Seeblockade nicht gegen das internationale Völkerrecht.“

Dazu fällt mir zwangsläufig der beliebte Begriff „Lückenpresse“ ein, mit der die „Rechten“ im Lande nur allzu gern die Medien bezeichnen. Es tut mir als Journalist sehr weh, wenn solche Vorwürfe zutreffen. Die zunehmende Einschränkung der Gebiete geschah nur wegen des ständigen Terrors gegen Israel und nicht, um die Fischer zu drangsalieren oder sie ihrer Lebensgrundlage zu berauben. Und jetzt komme ich zu den Zahlen. Die Behauptung, die Fischer dürften nur 3 bis 6 Seemeilen hinausfahren, ist ganz einfach falsch. Gaza ist in drei Zonen eingeteilt: Norden, Mitte, Süden. Die Fischerzonen waren zuletzt jeweils sechs Meilen groß. Zu Beginn der Fischsaison im April 2016, wurden die in der Mitte und im Süden von sechs auf neun Meilen ausgeweitet. Lediglich die Nord-Zone, die unmittelbar an Israel grenzt, wurde nicht ausgeweitet – und das aus gutem Grund!

Denn nahezu täglich versuchen Boote die Zone um Gaza mit dem Ziel zu verlassen, Waffen zu schmuggeln oder Terrorkommandos nach Israel zu bringen. In der Tat macht die israelische Marine keinen Unterschied zwischen friedlichen Fischern und Terroristen. Zumal niemand im Vorfeld weiß, wer auf einem Boot sitzt, das sich der Grenze nähert. Geschweige denn, mit welchen Absichten. Dazu kommt noch, dass es zu einer beliebten „Freizeitbeschäftigung“ von „palästinensischen“ Selbstmordattentätern gehört, als Fischer getarnt nah genug an israelische Schnellboote zu kommen, um sich dann in die Luft zu jagen und die Besatzung mit in den Tod zu reißen. Ich weiß wovon ich rede, denn ich habe die israelische Marine schon bei Einsätzen in der Sicherheitszone vor Gaza begleitet und kenne die Lage vor Ort – ganz im Gegensatz zur überwiegenden Mehrheit der deutschen Fernsehzuschauer.

Die bekommen nach der Karte ein „authentisches“ Video über den „jüngsten Vorfall vor wenigen Wochen“. Zu sehen ist wie angeblich Warnschüsse neben einem Fischerboot abgefeuert werden. Zwei vermeintliche Fischer springen ins Wasser, schwimmen ans Land und das Boot wird zerstört. Dazu behauptet der Autor, dass die Israelis vermuteten, dass Waffen der Hamas an Bord seien und aus diesem Grund das Boot versenkten. Zur Abrundung ergänzt er noch: „Alis Kollegen berichten von Freunden, die auch unter Beschuss geraten sind. Manche haben es nicht überlebt.“ Wie die Faust aufs Auge passt dann noch die Aussage des Fischers: „Heute sagen schon kleine Kinder: ‚Wenn mein Vater zum Fischen rausfährt, weiß nur Gott, ob er wieder nach Hause kommt‘.“

Ein weiteres Kapitel „palästinensische“ Propaganda in Vollendung. Denn die Besatzung von Booten, die der Grenze zu nahekommen, werden über Lautsprecher mehrmals zur Umkehr aufgefordert. Wenn sie es nicht tun, gibt es tatsächlich Warnschüsse, die niemanden gefährden. Wenn auch das nicht zum Erfolg führt, begleitet die israelische Marine die Boote in gebührendem Abstand zurück oder zu Befragung in den nächstgelegenen israelischen Hafen, Aschdot. Niemand zwingt Tatverdächtige dazu ins Wasser zu springen und versenkt ohne ausreichenden Hinweis auf einen möglichen Terroranschlag Fischerboote, geschweige denn, dass er einfach unschuldige Fischer tötet. Immerhin erwähnt der Autor, dass über die Hamas niemand richtig sprechen will, obwohl die Männer darunter leiden, dass die „radikal-islamische Organisation“ offenbar immer wieder versucht, Waffen über den Seeweg zu bekommen.

Israel besteht nicht aus Jux und Dollerei auf eine Pufferzone
Zu guter Letzt kehren die Fischer mit einem bescheidenen Fang zurück. Doch vorher kommt noch ein weiteres Lehrstück mit einer Grafik und anderen Halbwahrheiten. Denn es sei nicht der einzige Wirtschaftszweig, mit dem es bergab ginge. „In einer aktuellen Studie macht die UNO auf die desolate Lage der Wirtschaft in Gaza aufmerksam. Fast die Hälfte der Menschen sei arbeitslos. Bei jungen Leuten liege die Quote bei über 60 Prozent. Verantwortlich dafür ist, so die UNO, vor allem Israel. Durch die eingerichteten Pufferzonen entlang des Zauns, sei die Hälfte des Agrarlandes nicht zugänglich. Außerdem wären die Fischer aufgrund der Seeblockade von 85 Prozent ihrer Ressourcen abgeschnitten.“ Wer das hört und keine Ahnung hat, muss zwangsläufig schlussfolgern, Israel erschwert nur aus Jux und Dollerei die Lebensbedingungen im Gazastreifen. Der tatsächliche Grund für die Pufferzonen findet erneut keine Erwähnung. Etwas verwunderlich angesichts der Tatsache, dass die israelische Armee allein während des letzten Gaza-Konfliktes 2014, 32 Terrortunnel entdeckt und zerstört hat.

So viel zu den Fischern in Gaza. Wäre diese Art der Berichterstattung eine Ausnahme, könnte man es als eine unglückliche Verfehlung eines Kollegen abtun. Auch wir Journalisten sind Menschen und Menschen machen Fehler. Ich habe aus Spaß einfach mal gegoogelt, was ich zum Thema ZDF im Bezug zu Gaza finde. Dabei beschränkte ich mich lediglich auf das vergangene Jahr. Was dabei zum Vorschein kam, haute sogar mich vom Stuhl, trotz meiner eh schon schlimmen Erwartungen.

Ein weiteres Beispiel bietet ein Beitrag vom 27. September ebenfalls vom „Heute Journal“ mit dem Titel: „Freiheit auf dem Wasser“. Nicola Albrecht erzählt die Geschichte eines kleinen Mädchens aus Gaza. „Myriam Kabriti lebt im Gazastreifen und hat schon drei Kriege erlebt. Die Angst vor neuen Angriffen ist immer präsent. Doch durch das Segeln hat die Teenagerin gelernt, wie sich Freiheit anfühlt.“ Dazu Myriam: „Unser Leben ist hier anders, wir haben immer Angst vor dem Krieg. Und wenn Krieg ist, dann bleibe ich zwar Zuhause, aber ich fürchte mich trotzdem, unser Haus könnte bombardiert werden.“ Eine Erläuterung, warum es überhaupt immer wieder zum Krieg kommt, bleibt die Autorin dem Zuschauer genauso schuldig wie zu sagen, womit der Vater von Myriam sein Geld verdient. Er sei ein erfolgreicher Geschäftsmann, der so in der Lage war, ihr eine kleine Jolle zu kaufen. Punkt. „Durch das Segeln habe ich gelernt, wie sich Freiheit anfühlt. Das geht sonst nirgendwo in Gaza.“ – erzählt mit leichtem Wehmut das Mädchen, was überaus nachvollziehbar ist.

Frau Albrecht fügt nur hinzu: Im Land ginge kaum etwas voran. Erst kürzlich mahnte die Weltbank, dass von den zugesagten Hilfsgeldern der internationalen Staatengemeinschaft zum Wiederaufbau nach dem Krieg in 2014, nicht einmal die Hälfte angekommen sei und Israels Blockadepolitik die Situation zudem verschärfe. (…) Und die radikal-islamische Hamas veruntreue offenbar Gelder, investiere in sogenannte Terrortunnel. Ich dachte an dieser Stelle, es ist ein Wunder geschehen, sie klärt den Zuschauer nun tatsächlich über die Schuldigen an der Katastrophe in Gaza auf. Mein Fehler. Das war es schon. Es ging wieder nur noch darum, dass die bösen Israelis völlig grundlos Jagd auf unschuldige „Palästinenser“ machen. Myriam sagte noch dazu: „Ich versuch nicht weit rauszufahren. Ich höre ja immer wieder, wie die israelische Marine auf die Fischer schießt, die weit rausfahren.“ Na, dann ist ja alles klar!

Ebenfalls von Nicola Albrecht stammt ein Beitrag vom „Heute Journal“, der am 19. Januar 2016 lief und sich erneut mit den Kindern von Gaza beschäftigt.

In dem Bericht erfahren die Zuschauer, dass 65.000 Kinder im Alter von 7 bis 14 Jahren arbeiten müssen, um ihre Familien mitzuernähren und dadurch nicht zur Schule gehen können. Die Ursachen laut Frau Albrecht: „Mit Gazas Wirtschaft geht es weiter bergab. Seit dem letzten Krieg läuft der Wiederaufbau schleppend. Israel hält an der strikten Blockadepolitik fest, und zusätzlich hat Ägypten die Grenze so gut wie dichtgemacht. Auch die berühmten Schmuggel-Tunnel wurden zerstört. Denn die Regierung Ägyptens hat die radikal-islamische Hamas, die den Gaza-Streifen beherrscht, zum Feind erklärt. Und die Hamas gibt sich machtlos, wenn es darum geht die eigene Bevölkerung zu unterstützen.“

Und plötzlich wiederfinden wir uns im Reich der „Lückenpresse“. Denn die wahren Hintergründe für das Elend mag Frau Albrecht nicht erläutern.

Mit der Wirtschaft geht es hauptsächlich aus dem Grund weiter bergab, weil die Hamas die internationalen Hilfsgelder überwiegend für neue Terrortunnel und die Beschaffung von Waffen verwendet, statt sie für den Wiederaufbau zu nutzen. Israel hält an der Blockadepolitik fest, da die Hamas weiterhin Israel vernichten will, Waffen schmuggelt, Israel mit Raketen beschießt und Terroranschläge verübt. Ägypten machte die Grenzen dicht, nachdem immer mehr Terroristen aus dem Gazastreifen nach Sinai einsickerten. Ein erheblicher Teil von ihnen gehört zum Islamischen Staat, der seine Operationen in dem Gebiet zunehmend ausdehnt. Auch die „berühmten Schmuggel-Tunnel“ wurden von Ägypten nur dichtgemacht, um zu verhindern, dass weitere Waffen illegal in den Gazastreifen und dadurch in die Hände von Terroristen gelangen.

Zur ganzen Misere erklärt zum Schluss noch Anwar al-Barawi, führende Hamas-Mitglied und stellvertretender Minister für Erziehung in Gaza: „Wir wissen, dass den Kindern ein Menschenrecht vorenthalten wird, das Recht auf Bildung. Aber was sollen wir tun? Wir versuchen es mit Bildungsprojekten für arme Kinder. Aber wir erreichen die Eltern nicht. Sie wissen nicht, dass es gefährlich für eine Gesellschaft ist, wenn Kinder nicht zu Schule gehen.“

Statt zumindest den Minister mit der Wahrheit zu konfrontieren und nachzufragen, geschweige denn die Fakten beim Namen zu nennen, kommentiert die ZDF-Korrespondentin den Beitrag wie folgt ab: „Sie wissen es vielleicht schon. Aber sie können es sich nicht leisten in die Zukunft ihre Kinder und in die Zukunft zu investieren.“ Das soll also seriöser Journalismus sein?

Es sind hier nur drei kleine Beispiele von vielen. Und so frage ich Sie Herr Frey, wie Sie es mir plausibel erklären können, dass die wahre Geschichte hinter der Geschichte immer wieder auf der Strecke bleibt, wenn es um Israel geht?

Abschließend noch eine kleine Bemerkung: Ich habe keine einzige Reportage über traumatisierte israelische Kinder, die widerkehrenden Raketenangriffe aus Gaza, den Bau von neuen Terrortunneln oder das Leben der „palästinensischen“ Bevölkerung unter dem Terror der Hamas gefunden.

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