August 7, 2014 – 11 Av 5774
Osten ist Osten und Westen ist Westen

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Unterschiedliche jüdische Kulturen und eine spezielle «östliche» Form des heutigen Antisemitismus 

Viele Hundert Jahre lang waren die beiden Hälften der europäischjüdischen aschkenasischen Zivilisation getrennt. Es gab den Westen mit seinem Zentrum in Deutschland und Ablegern in Holland und dem Elsass im Westen, der Schweiz und Italien im Süden sowie Ungarn im Osten. Diese westlichen aschkenasischen Juden sprachen das westliche Jiddisch, in dem zum Beispiel die Wörter für Großvater und Großmutter harle beziehungsweise fraale waren. Im östlichen Jiddisch, den slawisch dominierten Ländern Osteuropas, heißen sie bobe und zeyde (sehde). Letztere sind in der Tat moderne jiddische Wörter, da das heutige Jiddisch das östliche Jiddisch ist.
Das kommt daher, dass das westliche Jiddisch bereits im 18. Jahrhundert weitgehend ausgestorben ist. Damals war die westliche aschkenasische Zivilisation im demographischen Verfall begriffen, die tra- ditionelle jüdische Kultur verschwand immer mehr, die Assimilation und die Angleichung ihrer Sprache an das Deutsche taten ein Übriges. Die deutsch-jüdische Aufklärung, angeführt von Moses Mendelssohn, versuchte die Juden in «Deutsche mosaischen Glaubens» zu verwandeln. Die dahinter stehende Idee war, antijüdische Gefühle der Deutschen ein für allemal zum Verschwinden zu bringen.

Der Holocaust zerstörte die traditionelle jiddische und aschkenasische Kultur vollkommen. Fast die gesamte jüdische Bevölkerung wurde vernichtet. Heute besteht die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ironischerweise hauptsächlich aus «Russen» – Juden aus osteuropäischen Ländern, die lange Zeit Teil der sowjetischen Sphäre waren.

Im Fall von Osteuropa haben wir es mit einer Art Mosaik zu tun. In Polen besteht die Gemeinde aus jüdischen Polen mit unterschiedlich starkem jüdischen Familienanteil. In Lettland und Estland kommt ein erheblicher Teil der jüdischen Bevölkerung aus einer «internen» sowjetischen Migration und sie ist somit Teil der Russisch sprechenden Minderheit, die in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg dorthin ging. Hier in Litauen besteht die jüdische Gemeinde hauptsächlich aus Nachfahren litauischer Juden aus der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, als es die Republik Litauen gab. Ungarische Juden sind eine wiederum eigenständige Gruppe wie auch ukrainische Juden.

Die Zahlen der Juden in Osteuropa werden ganz unterschiedlich angegeben, wie zum Beispiel auf der Seite des World Jewish Congress. Weissrussland: über 45.000, Estland: 2.500, Ungarn: zwischen 35.000 und 120.000, Lettland: über 11.000, Polen: zwischen 5.000 und 20.000, Russland: über 330.000, Ukraine: über 250.000. Für Litauen werden gar keine Zahlen angegeben, aber es leben ca. noch 3.000 Juden dort. Nicht nur die Juden Osteuropas haben jeweils ganz eigene kulturelle Profile. Das trifft auch auf die Antisemiten zu. Ganz besonders deutlich wird das im «antisow- jetischen» oder «antirussischen» Teil der Region, also vor allem in jenen Ländern Osteuropas, die bereits EU-Mitglied und NATO-Mitglied sind oder es werden wollen wie die (westliche) Ukraine. Die Konturen des osteuropäischen Antisemitismus in diesen Gegenden in den letzten 25 Jah- ren seit dem Ende der Sowjetunion sind für Juden und Nichtjuden im Westen durchaus überraschend.

Von Dovid KATZ


Dovid Katz ist ein in New York-Brooklyn geborener unabhängiger Jiddisch-Forscher und Holocausthistoriker. Er gibt die Internet-Seite http://defendinghistory.com/ heraus. Von 1999 bis 2010 war er Professor für jiddische Sprache, Literatur und Kultur an der Universität von Vilnius, Litauen. Seine persönliche Webseite ist www.dovidkatz.net.

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