August 5, 2016 – 1 Av 5776
Ohne Opfer keine Sicherheit!

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In München hat man von Israel gelernt  

Von Attila Teri

Paris, Brüssel, Nizza. Orte, die sich bis vor kurzem höchstens auf der Liste der Städte wiederfanden, die wir im Laufe unseres Lebens unbedingt besuchen wollten. Einmal den Blick über die Stadt der Liebe vom Eiffelturm aus genießen, über die neue Verkleidung des Manneken Pis in Brüssel schmunzeln oder müßiggängerisch einfach auf der Promenade des Anglais in Nizza schlendern. Wer hat noch nicht davon geträumt?

Paris, Brüssel, Nizza. Denken wir heute an diese wunderschönen Metropolen, fällt uns zwangsläufig nur noch ein Begriff ein, der sie vereint: Terror! Und die Angst davor. Auch in Deutschland. Wann knallt es bei uns so richtig? So begann ursprünglich mein Artikel, den ich über die Gefahren unserer Gegenwart schreiben wollte. Dann kam der 22. Juli.

Es war ein leicht bewölkter, schöner und warmer Sommertag in München. Spät am Nachmittag fuhr ich noch mit dem Fahrrad gemütlich durch den Englischen Garten zum Feringasee, schwamm dort eine Runde und radelte wieder heim in die Maxvorstadt. Als ich an unserem Haus ankam, fiel mir zwar der ungewöhnlich lange Stau in unserer Straße auf, dachte mir aber noch nichts Böses dabei. Immerhin war es Freitag um halb 7. Es müssen wohl die letzten Zuckungen des Feierabendverkehrs sein. Gemütlich stieg ich vom Rad und wollte gerade die Eingangstür aufschließen. Da rannte plötzlich der Wirt von unserer türkischen Hauskneipe völlig aufgeregt auf mich zu und fragte mit zittriger Stimme. „Hast du es schon mitgekriegt?“ Nee, was denn? „Komm mit rein!“ Im Laden lief der Fernseher auf voller Lautstärke. Ich starrte nur noch darauf und brauchte einige Minuten um zu begreifen, was ich gerade sehe. Der Irrsinn am Olympia-Einkaufszentrum war voll im Gange. Noch wusste niemand, was eigentlich los ist.

Ich zog mein Handy aus der Tasche und fand schon eine Nachricht auf der Mailbox. Der Chefredakteur von „Akte“ wollte wissen, ob ich sofort für ihn losziehen könnte. Natürlich, lautete meine Antwort. Ich hatte das Glück – wenn man im Zusammenhang mit diesem Ereignis überhaupt dieses Wort benutzen darf – dass schon zwei andere Kollegen um das OEZ herum unterwegs waren. Ich sollte mich in der Stadt herumtummeln und alles einfangen, was ich kriegen kann.

Von der Chronologie der Geschehnisse brauche ich hier nicht mehr zu berichten. Dies wurde in den letzten Tagen im Überfluss getan. Mir geht es eher um die Zwischentöne auf allen Ebenen. Um mich herum und in mir. Während ganz München, wenn nicht gar ganz Deutschland in Angst versetzt wurde, erfasste mich eine Ruhe, die mich selbst überrascht hat. Auch dann noch, als sich in regelmäßigen Abständen neue Horrormeldungen in Windeseile verbreiteten. „Schießerei am Stachus! Am Isartor vor einem Restaurant, in der Fußgängerzone.“ Und was weiß ich noch wo. Normalerweise müsste ich, wie fast alle meiner Mitbürger, in Panik ausbrechen. Aber weit gefehlt. Nun gut, es liegt vielleicht auch daran, dass ich nach 30 Jahren in meinem Beruf meine Gefühle fast immer völlig ausschalten kann, wenn ich arbeite und mich nur auf die „Story“ konzentriere. Je tiefer ich in mich hineinhorchte, umso mehr begriff ich allerdings, das das nicht der einzige Grund für mein Verhalten ist. Genauso wenig, dass ich ein Held bin. Das bin ich mit Sicherheit nicht.

Ziemlich schnell wurde es mir klar: der„Geist“ von Israel begleite mich auf Schritt und Tritt. Und das, obwohl ich nie im Land meines Volkes gelebt habe. Ich war lediglich oft zu Besuch im Heiligen Land. Ob privat oder beruflich. Durch die Jahre erhielt ich auch so eine Art Crashkurs in Sachen „Leben mit dem Terror“. Paradoxerweise war das auch der Titel meiner letzten Reportage, die ich im Dezember vergangenen Jahres für „Focus TV“ in Israel gedreht habe. Die Idee dazu kam mir Anfang November 2015 – noch vor der Anschlagsserie in Paris.

Ich war mit dem Redaktionsleiter von „Focus TV“, einem langjährigen guten Freund von mir in Schwabing essen. Anschließend spazierten wir am späten Abend durch die Leopoldstraße. Plötzlich schoss es mir durch den Kopf. Würden wir auch in Tel Aviv oder Jerusalem so sorglos herumlaufen, ohne jeden entgegenkommenden Passanten genau unter die Lupe zu nehmen oder unsere Umgebung ständig danach abzuscannen, ob irgendwo ein potentieller Attentäter auf uns lauert? Sicher nicht. Wobei ich hierbei für all jene erwähnen muss, die noch nicht im Land waren, dass man in Israel trotz der allgegenwärtigen Terrorgefahr sein Leben in vollen Zügen genießt und sich die Freude daran von nichts und niemandem nehmen lässt. Aber eben mit dem Bewusstsein, dass sich in jeder Sekunde alles ändern kann. Ich offenbarte ihm meine Gedanken. Die Folge war dann ein paar Wochen später und nach Paris, dass SAT 1 die Geschichte haben wollte.

In München durfte ich hautnah miterleben, wie wenig die hiesige Bevölkerung auf solche Herausforderungen vorbereitet ist, die leider in Israel seit Jahrzehnten zum Alltag gehören. Das Gefühl von Panik, Ohnmacht und Angst trieb in den Stunden der Ungewissheit seltsame Blüten. Der Pressesprecher der Münchener Polizei, Herr da Gloria Martins, der wegen seines vorbildlichen Verhaltens während des Ausnahmezustands, zu Recht von allen Seiten mit Lob überschüttet wurde, erzählte mir von über 4.300 Anzeigen innerhalb von 6 Stunden, mit denen besorgte Bürger die Ordnungskräfte überschüttet haben. Eine Anzahl, die sich normalerweise in vier Tagen zusammenkommt. Quer über die ganze Stadt verteilt kam es dadurch zu Einsätzen wegen angeblicher Schüsse. Es gab weitere zwei Meldungen über vermeintliche Geiselnahmen. In einem Kino und einem Fitnessstudio. Er vertritt die These, dass bei den Menschen eine ehrliche Angst die Hauptrolle gespielt hat, die eine verzerrte Wahrnehmung zu Folge hatte. Wie sich herausstellte handelte es sich in allen Fällen um Falschmeldungen. Doch bei der so entstandenen Massenpanik gab es etliche Verletzte.

Die Münchner Krankenhäusern waren auf alles vorbereitet, nachdem der Katastrophenfall ausgerufen wurde. Davon habe ich mich im Klinikum rechts der Isar persönlich überzeugen können. Zehn OP-Teams und acht Schockraumteams waren in Bereitschaft, um die Opfer der Schießerei zu versorgen. Schockraumteams sind Teil des Alarmierungsplans. Sie bestehen aus Anästhesisten, Unfallchirurgen und Radiologen. Als ich mich kurz vor 23 Uhr bei dem Leiter des Klinikums, Prof. Dr. Peter Biberthaler, nach dem aktuellen Stand erkundigt habe, tauchte unerwartet wieder der „Geist“ von Israel auf. Während unseres Gesprächs erzählte ich ihm von meinen Erfahrungen mit dem Terror im Heiligen Land. Er sah mich an und plötzlich überflog ein müdes Lächeln sein Gesicht. „Wir verfahren genau nach dem Notfallplan des berühmten Hadassah-Krankenhauses in Jerusalem. Ich war dort und sah mir ganz genau an, wie in solchen Fällen die Kollegen arbeiten und übernahm ihre Methoden.“ Mit Erfolg, wie wir es alle sehen konnten.

Auch bei den Sicherheitsbehörden funktionierte der ausgerufene Notfallplan. Sie hatten alles im Griff, bis dann spät in der Nacht der Spuk endlich vorbei war. Es bleiben jedoch eine Menge Fragen übrig. Wie geht Deutschland künftig mit der Bedrohung durch den Terror um? Was machen wir, wenn ein Irrer im Zug auf uns losgeht, in der U-Bahn eine Waffe zieht, mit einer Maschinenpistole in ein Restaurant stürmt oder sich anschickt einen Flughafen in die Luft zu jagen? Und erneut grüßt der „Geist“ aus Israel. Plötzlich berichten gar öffentlich-rechtliche Sender darüber, wie dort mit dieser Gefahr umgegangen wird, ohne das Land an den Pranger zu stellen, wie sie es sonst so gerne tun. Übermenschen sind die Israelis sicher nicht. Sie haben genauso Angst wie wir alle. Aber sie haben es durch ihre leidvolle Geschichte lernen müssen, sich zu wehren und nicht einfach davonzulaufen. Bei Terroranschlägen verfallen dort nur wenig Menschen in Panik. Es gibt fast immer irgendjemanden, der versucht die Attentäter aufzuhalten statt wie ein aufgeschrecktes Huhn ziel- und hirnlos herumzurennen.

Das hat allerdings gute Gründe. Während in Deutschland die Wehrpflicht abgeschafft wurde, dienen dort Männer drei, Frauen zwei Jahre in der Armee. Die Grundausbildung ist Teil des Erwachsenwerdens. Die dort erworbene Fähigkeit, auf unerwartete Attacken richtig zu reagieren, hat schon Tausenden das Leben gerettet. Genauso gehören strenge Sicherheitskontrollen, Videoüberwachung, Metalldetektoren an den Eingängen von öffentlichen Gebäuden oder Einkaufszentren genauso zu Standardausrüstung wie Sicherheitspersonal. In Krisenzeiten werden sogar die Taschen vor dem Betreten der Strände in Tel Aviv genau durchsucht.

Wenn wir nun in Deutschland Israel als positives Beispiel in der Terrorbekämpfung ansehen, dann müssen wir uns die Frage stellen, ob wir zu solchen Maßnahmen bereit sind? Und zu ihnen würde auch die Wiedereinführung der Wehpflicht zählen! Unsere neue Realität verlangt es – ob es uns gefällt oder nicht. Aber ist Deutschland dazu bereit? Denn Paris, Brüssel, Nizza sind überall! In München, Würzburg, Ansbach!

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