Der wissenschaftlich-technologische Vorsprung Israels bringt immer mehr politische Früchte  

Von Michael Guttmann

Mit seiner jährlichen Ansprache vor der UNO-Vollversammlung gegen Ende 2016 überraschte Israels Ministerpräsident die Zuhörer des Forums. Für die deutsche Presse (ausgenommen die JR) war das nicht einmal erwähnenswert.

Waren das realistische Worte oder die eines hemmungslosen Optimisten? Netanjahu haderte nicht mit der UNO wegen ihrer obsessiven Voreingenommenheit und den zahlreichen feindlichen Antiisrael-Resolutionen der vergangenen Jahre, nein er schockierte die Vollversammlung mit Optimismus: „Israel hat eine glänzende Zukunft in den Vereinten Nationen.“ Wie das? „Immer mehr Nationen erkennen Israel als starken Partner im Kampf gegen den Terrorismus von heute und im Entwickeln von Technologien für morgen.“

Als Beispiel nannte er Israels führende Rolle in der Welt bei der Aufbereitung von Abwasser zu Nutz- und Trinkwasser, bei der Gewährleistung der Internetsicherheit im Cyberkrieg und eine lange Liste von Innovationen im Bereich der Informatik und Hightech, die für immer mehr Regierungen im Nahen Osten, Asien, Afrika und Lateinamerika interessant werden. „Die Zeiten, da UNO-Botschafter reflexartig Israel verurteilten, gehen langsam aber sicher zu ende. Sobald die ‚Palästinenser‘ ja sagen zu einem jüdischen Staat, werden sich auch Lösungen für den ‚palästinensisch‘-israelischen Konflikts durch direkte Verhandlungen finden.“

Es ist gerade ein halbes Jahr vergangen, da scheint Netanjahus Optimismus immer mehr Berechtigung zu erfahren: In jüngster Zeit befassen sich mehrere arabische Zeitungen mit dem wissenschaftlich-technischen Rückstand der arabischen Welt, wobei sie immer wieder den Vergleich zu den imposanten Resultaten, der beeindruckenden Initiativen und des Erfindergeistes in Israel herstellen. Woran liegt das, fragen die Reporter, dass wir technologisch im Weltmaßstab soweit zurückgeblieben sind? Ihre Kritik der Ursachen sind grundsätzlich: „ Der Beitrag der Araber zur Moderne ist schon vor 1.000 Jahren zum Erliegen gekommen. Seitdem sind wir eigentlich eine Last für den Fortschritt. Die Forscher der westlichen Welt sind unermüdlich bei der Sache, während wir wie gelähmt dasitzen und alles Neue bestaunen.“ (el Yom)

Faulheit und Trägheit sind es wohl nicht. Die gibt es auch anderswo. Seine Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen beginnt ein ägyptischer Reporter mit folgender provokativen Frage: „Angenommen, wir wären technisch auf der Höhe der Zeit. Was würden wir tun, wenn das Mobiltelefon, der Computer, das Fernsehen u.ä. Produkte unserer Erfindungen wären? Höchstwahrscheinlich würden wir alles geheimhalten statt für ihre breite Nutzung zu werben, statt sie zu exportieren. Erfahrungsaustausch oder gar ein Deal mit Fremden zum Zweck der gemeinsamen Weiterentwicklung neuer Erzeugnisse und Technologien käme uns gar nicht in den Sinn. Wir sind ausgezeichnete Geschäftsleute, die unsere Naturressourcen im Austausch gegen Fertigprodukte vermarkten können. Erfindergeist und Teamarbeit speziell im Brainwork sind uns fremd.“

Das alles, so die Meinung mehrerer Reporter, resultiert aus der geschlossenen Gesellschaft, aus der Furcht, von den Ungläubigen unterwandert zu werden. Demzufolge ist es Sünde, sich mit ihnen anzufreunden. Der Westen heißt im Volksmund „Kreuzrittergesellschaft“, zum Zeichen, dass es Feinde sind, mit denen man in Konfrontation und nicht in Gemeinschaft lebt. In der Tat wirkt sich das negativ auf die Teamarbeit zwischen heimischen und westlichen Firmen aus. Es ist verboten, zumindest unerwünscht, selbst wenn es dem Land Nutzen in Form von Kapital und Arbeitsplätzen bringt. Staat und Religion erlassen allerlei Gesetze dagegen. Geldtransfers gelten als Gotteslästerung, Gewinne brächten keinen Segen. Private Geschäftsbeziehungen mit Fremden erzürnten Allah und den Propheten.

Aus der geschlossenen Gesellschaft der DDR ist mir diese Ideologie durchaus nicht neu. Dort saßen die „Götter“ im Politbüro. Sie hatten panische Ängste vor „Westkontakten“ ihres Volkes. Die volkseigenen Betriebe waren abgeschottet und schmorten im eigenen Saft. Am Ende entwickelte sich ein Joint-Venture-System mit dem Westen, das wie ein Tropf für Kranke wirkte. Den Zugang zu internationalen Märkten unter Konkurrenzbedingungen konnte es nicht ersetzen.

Breiten Raum in der arabischen Presse nehmen Einschätzungen zur Effektivität des westlichen Wirtschaftssystems ein. Es heißt: „Wenn wir genau schauen, müssen wir feststellen, dass es der Westen ist, der all die nützlichen Neuerungen entwickelt, die er großzügig verbreitet, ohne sich einzuigeln.“ Andere machen darauf aufmerksam, dass „[…] der Westen nichts verschenkt. Nicht Humanismus, sondern Utilitarismus sind die Motive.“ Das Ziel ist der Profit und daher ist durchaus nicht alles nützlich, was da auf den Markt kommt. Nichts aber ist schädlicher für den Westen als Barrieren im Handel und im Austausch von Wissen.

Scharf und berechtigt fällt die Kritik der ägyptischen Presse an ihrer Regierung aus, die den Erfindungen kaum Aufmerksamkeit widmet: „Für Länder, in denen die Wissenschaften geschätzt werden, zählen Erfindungen zu den Säulen der Wirtschaftspolitik und bilden den Schwerpunkt für Investitionen. In Ägypten ist das Interesse der Regierungen und der Öffentlichkeit äußerst mager. Es ist eine Blamage für das Land, wenn Israel an führender Stelle der Welt im Patentwesen liegt. Während dort enorme Forschungskapazitäten aufgebaut werden, dümpeln wir vor uns hin in der Mentalität ökonomischer Retrogression einer geschlossenen Gesellschaft. Leider hat unser einst hochmodernes Volk den Anschluss verloren. Während Israel sich in der Welt der Wissenschaften gut etabliert hat, haben wir diese ignoriert, und zwar in einem Maße, dass die Absolventen unserer Universitäten auf Billigjob-Suche sind, weil ihre Abschlüsse dem Lebenslauf zwar Ehre zufügen, aber für ihre akademische Laufbahn ohne praktische Bedeutung sind.“

Ähnlich äußerte sich sogar die staatliche el-Ahram: „Im wissenschaftlichen Wettrennen besiegte Israel die arabische Welt dadurch, dass es ihm gelang, amerikanische und europäische Akademiker ins Land zu locken, zu einer Zeit als arabische Absolventen und Gelehrte an westlichen Universitäten reihenweise ihrer Heimat den Rücken kehrten.“

Als bekannt wurde, dass Israel auf dem Gebiet der Forschung nach den USA an zweiter Stelle steht und nach den USA, Japan und Finnland auf technologischem Gebiet den vierten Platz einnimmt, warnte schließlich die Arabische Liga ihre Mitgliedsländer vor den Gefahren, die diese Entwicklung für ihre Wirtschaft und Sicherheit bringen würde.

Dr. B. Karney, ein Spezialist für internationale Beziehungen und Leiter der Amerikanischen Universität in Kairo sagt: „Israel versteht es, seine Potenziale zu nutzen, was man von Ägypten nicht behaupten kann. Vertreter der verschiedensten Lehrmeinungen sind sich in einem einig: Rückständigkeit resultiert nicht aus Mangel an Naturreichtümern, sondern an deren schlechten Verwaltung.“

El- Vatan schreibt: „Anstelle des Baus neuer Mammutmoscheen, den Präsident Sisi ankündigt, brauchen wir Lehr- und Forschungsstellen wie das Technion und das Weizmann-Institut in Israel. Wir werden die Welt nicht durch höhere Minarette beeindrucken. Ernst werden wir nur durch eigene Erfindungen und durch Teilnahme an internationalen Forschungsprojekten genommen. Die Tätigkeit unserer Experten müssen auf die Rationalisierung der Getreideproduktion (erst kürzlich löste die Pro-Kopf-Rationierung für Brot Massenproteste aus), der Verbesserung des Gesundheitswesens u.ä. orientiert werden. Herr Präsident, haben sie je gehört, dass Israel sich der Größe seiner Synagogen rühmt? Sein Stolz beruht auf den Instituten, die Weltruf genießen. Wir brauchen ein ägyptisches Technion.“

Neue Töne aus Sudan
Am 6. Februar 2017 wurde in Khartum eine Konferenz zum Thema „Betrachtungen zur religiösen Erneuerung und zu Dialogen“ unter der Leitung von Jusuf el-Kuda abgehalten. Der Mann, einst Mitglied des sudanesischen „Rates der Weisen des Islams“, ist heute Vorsitzender einer oppositionellen Partei. In seinem Grundsatzreferat „Die Beziehungen zu Israel aus der Sicht der Religion“ ruft er dazu auf, mit Israel diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Aus der Sicht der Religionsgesetze spreche nichts dagegen, wobei er sich auf das Hudaibiya-Abkommen zwischen Mohamed und den Kufaren stützt, obwohl Letztere die Kaaba von Mekka besetzten. Die Quellen lehren, dass Mohamed nicht nur Kriege geführt, sondern Kriege auch durchaus durch Aussöhnung und Verträge verhindert hat. 

Der Mann argumentiert nicht nur mit der Religion, was in islamischen Staaten, die keine Trennung von Staat und Religion kennen, schwer zu umgehen ist. Er führt auch pragmatische Gründe an: „Selbst die ‚Palästinenser‘ pflegen mit Israel Kontakte zwecks Abstimmung von Sicherheitsfragen.“ Er spricht von einem Boykott, der Israel nicht schadet, der dem Sudan u.a. arabische Staaten hingegen ethische und materielle Nachteile durch langjährig erzwungene Feindschaft bringe. Er lobt Katar, Jordanien und Ägypten für ihre diplomatischen Beziehungen zu Israel. „Die Tatsache, dass Jerusalem in der Hand der Juden ist, sollte kein Hinderungsgrund für Beziehungen im Interesse der Einwohner der Stadt sein. Das bedeutet nicht, dass die illegalen Siedlungen gutgeheißen werden sollten“, sagte el-Kuda.

Wer sich noch an die Khartum-Resolution von 1967 erinnert, die bis heute als Doktrin für die arabischen Staaten gilt, mit den bekannten drei „Neins“ – kein Frieden mit Israel, keine Anerkennung Israels und keine Verhandlungen mit Israel – für den sind in der Tat die Töne aus Sudans Hauptstadt etwas Neues. Aber es kommt noch schärfer! (…)