Februar 8, 2016 – 29 Shevat 5776
Nikolaus war kein Türke und Jesus kein Palästinenser

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Zur Zeit von Nikolaus lebte noch kein Türke auf dem Staatsgebiet der heutigen Türkei  

Von Nikoline Hansen

Die Verbreitung von Unwahrheiten und Geschichtsklitterung hat in totalitären Systemen Tradition. So ist es nicht verwunderlich, dass zunehmend gerade muslimisch geprägte Gesellschaften versuchen, Geschichte zu ihren Gunsten auszulegen – wohl wissend: Wer die Geschichte schreibt, hat die Macht.

In komplexen Situationen ist es bequem, einfache Legenden zu schaffen und so die eine oder andere Identifikationsfigur zu vereinnahmen: Heilige hatten schon immer eine Anziehungskraft und ihr Charisma konnte nach ihrem Tod durchaus noch wachsen, wozu die Legendenbildung in hohem Maße beitrug.

Faktenwissen gerät immer stärker ins Hintertreffen vor diesen Versuchen, Geschichte und insbesondere charismatische Führungsfiguren umzudeuten und für eigene Zwecke zu vereinnahmen. Eine in dieser Hinsicht interessante historische Figur ist der Heilige Nikolaus. Sein Name ist griechisch und bedeutet übersetzt in etwa so viel wie „Sieger des Volkes“. Er wurde um 280 in Patara geboren und war in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts Bischof von Myra – einer antiken Stadt in Lykien, zu seiner Zeit Teil des Römischen Reiches, später des Byzantinischen, heute die Stadt Demre in der Provinz Antalya in der Türkei. 310 wurde er im Zuge der Christenverfolgung gefangengenommen und gefoltert. Sein genaues Todesdatum ist nicht bekannt, es wird zwischen 345 und 351 datiert. Myra wurde im 5. Jahrhundert unter dem oströmischen Kaiser Theodosius II. Verwaltungssitz, ab 809 durch arabische Truppen geplündert verlor es an Bedeutung. Um 1080 wurde es zeitweise von türkischen Stämmen erobert.

Der Heilige Nikolaus gilt vielen als Schutzpatron: Den Kindern, den Seefahrern, den Händlern sowie weiteren Volks- und Berufsgruppen: Er wurde somit nach seinem Tod zu einer überaus charismatischen Persönlichkeit, um die sich ein regelrechter Kult entwickelte, der sich unter anderem nach Italien ausbreitete und dazu führte, dass süditalienische Kaufleute während der Unruhen Ende des 11. Jahrhunderts die Gebeine raubten und nach Bari brachten, wo sie 1087 ankamen und noch heute in der eigens errichteten Basilica San Nicola ruhen. Die Ankunft der Reliquien wird noch heute jährlich im Mai mit einem großen Fest gefeiert.

Nun weiß man zwar nicht viel über die historische Person Nikolaus, aber eins ist sicher: Er ist kein Türke! Denn erstens gab es damals noch gar keine Türkei und zweitens lebten die frühen Türken noch in ihrer Urheimat Mittelasien. Die Türken sind nicht die Ureinwohner des heutigen Staatsgebietes der Türkei, sondern Neu-Einwanderer aus anderen Weltgegenden. Trotzdem wird dies heute gerne und immer wieder behauptet.

So findet sich auf einer für Unterrichtszwecke zur Verfügung gestellten Webseite in Fettdruck verkürzt die Behauptung: „Nikolaus wurde um 280/286 in Patara in Lykien in der Türkei geboren und starb zwischen 345 und 351 in Myra, dem heutigen Kocademre bei Kale in der Türkei.“ Nur ein kleiner Schritt ist es dann zu der Behauptung der türkischen Kulturgemeinde Österreich: „Der Nikolaus kommt aus der Türkei“. Und so wird durch die Umdeutung der Herkunft einer Heiligenfigur ein junges Land ganz unverhofft zu einem alten Kulturland, obwohl die türkische Besiedlung der Heimat des Nikolaus erst ein paar Jahrhunderte nach seinen Lebzeiten mit dem Eintreffen der Seldschuken im 11. Jahrhundert begann, was wiederum die Entführung seiner Gebeine nach Italien begünstigte.
Dies ist kein Einzelfall. Die falsche ethnische Zuordnung einer historischen Person mit Charisma zu Propagandazwecken hat Tradition: Das Vorurteil „Die Juden haben Jesus umgebracht“ ist fast so alt wie das Christentum selbst und erst in jüngster Zeit hat sich die historisch korrekte Erkenntnis durchgesetzt, dass Jesus a) selbst Jude war und b) von römischen Soldaten gekreuzigt wurde.

Indes, Legenden sind hartnäckig und wenn sie erst einmal etabliert sind, nur schwer wieder aus der Welt zu räumen. Allgemein hat sich wohl die Sichtweise durchgesetzt, dass Jesus von Nazareth ein jüdischer Wanderprediger war. Zum Messias und Sohn Gottes wurde er nach seinem Tod von seinen Anhängern gemacht. Man sollte meinen, die historische Faktenlage sei klar. Sie wird aber genauso verworren präsentiert, wie sich die Situation in Nahost darstellt. Am 25. Dezember 2013 titelte die Welt „Abbas erntet Spott für ‚palästinensischen Jesus‘“. Tatsächlich? Die Rede ist in dem Artikel von „Gewalt an den Weihnachtstagen“. Der Widerspruch und Spott der israelischen Regierung dürfte leider nicht bei allen Zuhörern auf offene Ohren gestoßen sein.

Vorurteile sterben schwer, erst Recht wenn sie sich in der Nähe der Wahrheit bewegen und in diesem Fall stimmt zumindest die geographische Tatsache, dass das Land, in dem Jesus lebte, nur wenige Jahre nach seinem Tod tatsächlich Palästina hieß. Zu dem Zeitpunkt als Jesus lebte, hieß die Gegend allerdings Judäa – auch nach der römischen Besetzung. Erst 135 nach dem Bar-Kochbar-Aufstand erhielt sie den Namen „SyriaPalaestina“. In dem bekannten deutschen Schulbuchatlas von Diercke findet sich unter der unkorrekten Überschrift „Palästina zur Zeit Jesu“ eine durchaus korrekte Karte, in der das entsprechende Gebiet mit den Namen Galiläa, Samaria und Judäa sowie Idumäa bezeichnet ist. Mit anderen Worten: Der Gebrauch des Namens ist so geläufig, dass seine Verwendung noch nicht einmal in Frage gestellt wird. Das impliziert: Jesus war ein Palästinenser – was sonst, wo er zu seiner Zeit in Palästina lebte? Eigentlich kann man unter diesen Umständen schon froh sein, wenn eine Klasse als Arbeitsergebnis im Unterricht zu dem Ergebnis kommt: „Jesus war Jude und lebte in Palästina.“

Zu allem Überfluss ging es zu damaligen Zeiten um ein anderes Palästina. Denn umgedeutet wurde der Begriff „palästinensisch“, der sich erst seit den sechziger Jahren für die christliche und moslemische arabische Bevölkerung der ehemaligen palästinensischen Gebiete einbürgerte, also wie er heute in der Regel verstanden wird, nach der Gründung der PLO (Palestine Liberation Organization, gegründet 1964 mit dem Ziel der Vernichtung Israels). Vor der Gründung des Staates Israel bezeichneten sich auch die Juden, die dort lebten als „palästinensisch“, denn Anfang des 20.Jahrhunderts gehörte Palästina, wie das Gebiet offiziell hieß, zum Osmanischen Reich. Erst am 25. April 1920 erhielt Großbritannien das Mandat für die palästinensischen Gebiete.

Jesus ein Palästinenser? Für die heutigen arabischen „Palästinenser“ ist diese Zuordnung ein Geschenk in ihrem Propagandakrieg gegen Israel. Denn diese Zuordnung ermöglicht ihnen vor allem eines: Den Staat Israel zu delegitimieren und für seine „rassistische Apartheidspolitik“ zu verurteilen. Einen besonderen Auftrieb erhielt diese Politik durch einen Aufruf palästinensischer Christen, dem sogenannten Kairos-Dokument (namentlich angelehnt an das Kairos-Papier von 1985 über die Apartheid in Südafrika), das am 11. Dezember 2009 veröffentlicht wurde und besonders in den USA auf positive Resonanz stieß. Aber auch in Deutschland gibt es viele Christen, die sich den Forderungen, die auf einen Boykott Israels hinzielen, anschlossen. Am 30. April 2015 forderte der Erzbischof Emeritus Desmond Tutu den Evangelischen Kirchentag auf, sich für die Freiheit von Palästina einzusetzen, „damit auch Israel frei sein kann“. Kairos hat in Europa Fuß gefasst. Seit Juli 2012 gibt es das deutsche KAIROS-Palästina-Solidaritätsnetzwerk, das die jüdischen Siedler als die wahren Feinde Israels stigmatisiert. Und natürlich geht es um das Leiden der Palästinenser und Palästinenserinnen – implizit erinnernd an das Leiden Jesu am Kreuze.

Und so gehört es wohl mittlerweile auch zu einer guten Weihnachtstradition, Jesus als Palästinenser zu präsentieren. Die Organisation Palestinian Media Watch hat unter der Überschrift „Rewritinghistory“ eine ausführliche Liste der Veröffentlichungen zusammengestellt, in der Jesus derart reinterpretiert wird: sogar als „palästinensischer Muslim“ in einem dreisten Versuch, Israel von der Landkarte zu tilgen. Das Leiden Jesus wird mit dem Leiden des „palästinensischen“ Volkes verglichen und Jesus zum ersten „palästinensischen Märtyrer“ erklärt (im Fernsehsender der Palästinensischen Autonomiebehörde am 26. Januar 2015).

Pünktlich zum Weihnachtsfest 2015 erschien am 23. Dezember ein Kommentar von Evelyn Hecht-Galinski mit der Überschrift „Was hätte Jesus zur Besatzung Palästinas gesagt?“ Ich zitiere: „Wenn am 24. Dezember von Christen weltweit die Geburt Jesu gefeiert wird, dann gibt es im Dunkel der Besatzung eine frohe Botschaft zu verkünden, Jesus war auch ein Palästinenser. Er wurde in Palästina geboren, als Flüchtling und Opponent versuchte er den geistigen Kampf gegen die jüdische Obrigkeit. Das kam ihm teuer zu stehen, er wurde gekreuzigt und war der erste Märtyrer in Palästina. Das vereint heute Christen und Muslime, wenn sie gemeinsam unter der jüdischen Besatzung zu leiden haben.“ Ja, das ist mal eine frohe Botschaft. Und weiter? „Jesus hätte sich gegen diese Besatzung und für seine besetzten Brüder eingesetzt, daran sollten alle Menschen denken, die Weihnachten feiern.“

Dass jemand einmal mehr unwidersprochen verkündet, Jesus sei „Palästinenser“, passt ganz offensichtlich in den Trend der Zeit. Das ist nicht harmlos, sondern eine heimtückische anti-israelische Propaganda, die auf eine beliebte geistige Identifikationsfigur zurückgreift, mit anderen Worten: Gehirnwäsche pur.

Fazit: Der Legendenbildung um falsche Heilige ist entschieden entgegenzutreten. Sie wird zum Zwecke des Machtgewinns und einer ideologischen Kriegführung missbraucht. Wir leben in einem aufgeklärten Land, in dem Fakten als solche benannt werden sollten und in dem gute Bildung einen hohen Stellenwert genießt. Und das muss auch so bleiben. Denn, wie sagte schon Kurt Tucholsky: „Unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind.“

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