Niemand nimmt so viel Rücksicht auf seine Feinde wie Israel
Moral und Ethik der IDF – oder was Sie aus unserer Presse nicht über die israelische Armee erfahren 

Von Redaktion Audiatur

Professor Benjamin Ish-Shalom ist Gründer und Präsident von Beit Morasha, dem „Center for Advanced Judaic Studies and Leadership” in Jerusalem. Auf Anfrage des ehemaligen Generalstabchefs Mosche Jaalon evaluierte er 2002 die damalige Wertevermittlung der IDF (Israel Defense Force) und entwarf ein Qualifizierungskonzept samt laufendem Ausbildungsprogramm, das er „Identity and Purpose“ nannte. Neben der gezielten Wertevermittlung fördert das Programm auch die Identitätsstärkung der Soldaten und steigert Respekt und Toleranz innerhalb der Armee.

Audiatur-Online sprach mit Professor Ish-Shalom ausführlich über das Programm und über die speziellen Herausforderungen, denen sich die IDF stellen muss.

Audiatur-Online: Wer ist eigentlich der israelische Soldat?

Professor Benjamin Ish-Shalom: Er oder sie ist in Israel geboren oder vom Ausland eingewandert; hat Vorfahren, die aus aller Herren Länder – von Äthiopien, Marokko, Iran, Irak, Jemen aber auch den USA, Deutschland, Russland und der Schweiz – immigriert oder bereits seit Generationen in Israel ansässig sind; ist religiös oder säkular; Stadtmensch oder Kibbuznik; Kapitalist oder Sozialist. Die Soldaten sind jüdische und arabische Israelis, Drusen, Christen, Atheisten; manche haben das Gymnasium abgeschlossen, andere nicht. Sie interessieren sich für Sport, Musik oder Kunst – und sind mehrheitlich „Tech-affin“. Kurz, es sind 18 oder 19 Jahre junge Frauen und Männer aus den verschiedensten Milieus, die mindestens drei Jahre (bei Frauen mindestens zwei Jahre) ihres Lebens der Verteidigung ihres Heimatlandes widmen.

Was sind die typischen Aufgaben in der IDF?

Allen voran ist die IDF für die Verteidigung des Landes und den Schutz der Zivilbevölkerung verantwortlich. Einzelne Aufgaben werden den jeweiligen Einheiten, sprich Kampf- und Panzereinheiten, Marine, Luftstreitkraft, Kommando, Logistik, Technologie, Nachrichtendienst und Auslandskoordination, zugeteilt.

Was sind die Besonderheiten, die in der IDF bewältigt werden müssen?

Es sind eine Menge besondere Herausforderungen! Allerdings sind vier besonders hervorzuheben:

Erstens: der neue Feind. Früher standen sich zwei Armeen auf dem Kampffeld gegenüber. Der Feind war auf der anderen Seite. Jetzt ist er Teil der Zivilbevölkerung, versteckt sich in ihr. Der Feind besteht nicht aus einer regulären Armee.

Zweitens: das neue Ziel des Feindes. Er will nicht die Armee, sondern vor allem die Zivilbevölkerung in Cafés, Restaurants und öffentlichen Verkehrsmitteln in Tel Aviv, Haifa, Be’er Schewa und Jerusalem treffen. Er schießt Raketen aus Gaza und aus dem Libanon auf israelische Dörfer.

Drittens: die heterogene, „palästinensische“ Zivilbevölkerung. Sie besteht aus Unbeteiligten, Unschuldigen, passiven und aktiven Unterstützern, sowie aus Menschen, die gegen ihren Willen zur Terroristenbeihilfe gezwungen werden.

Und viertens: eine doppelte Asymmetrie, die sowohl strukturell als auch ethisch zum Ausdruck kommt.

Die IDF operiert im Auftrag eines demokratischen Staates und ist an eine strenge Gesetzgebung gebunden. Wenn ein Soldat sich nicht daran hält, kommt er vor das Militärgericht. Der Terrorist dagegen agiert zumeist im Auftrag und mit Hilfe von Terrororganisationen, wie Hamas, Hisbollah, ISIS und Al Kaida. Er wird für Menschenrechtsverletzungen nicht zur Rechenschaft gezogen.

Auch ethisch herrscht ein Ungleichgewicht. Der Feind zielt auf Zivilisten, die IDF auf Terroristen. Auch die IDF trifft manchmal Zivilisten, allerdings nie mit Absicht, es wird immer beklagt und wo immer möglich wird es vermieden. Die israelische Armee zügelt das eigene Kampfpotenzial, um Unschuldige zu schützen; ihr Feind nutzt alle Möglichkeiten, um Unschuldige zu töten.

Wie sieht das Ungleichgewicht in der Praxis aus?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. An der Grenze zwischen der Westbank und Kfar Saba steht ein Checkpoint. Er soll verhindern, dass Terroristen nach Israel gelangen. Jeder Passant wird überprüft, „Palästinenser“ müssen oft lange warten. Zuweilen kommt eine Ambulanz vorbei, die eine Frau mit Wehen in ein israelisches Krankenhaus befördern soll. Früher wäre sie einfach durchgewinkt worden. Seit solche Fahrzeuge aber für Bombenanschläge missbraucht wurden, und die Schwangere mit Babybauch sich als Terrorist mit Explosivgürtel entpuppte, ist das nicht mehr der Fall.

Nun stellen Sie sich einen 18- oder 19-jährigen Soldaten vor, der eine solche Ambulanz untersuchen muss. Er hat Angst, denn die Kontrolle selbst kann bereits lebensgefährlich sein. Der „Palästinenser“ im Fahrzeug hat auch Angst – jedenfalls sofern er kein Terrorist ist! Das ist die Tragik, die es gilt für beide Seiten zu mildern. Die IDF investiert viel, um ihren Soldaten beizubringen, wie sie solchen Situationen ethisch aber auch effektiv begegnen. Heute wechseln „palästinensische“ Patienten am Checkpoint in eine israelische Ambulanz über und werden von dieser weiter transportiert. Zum Schutz für unser Leben lässt man die „palästinensische“ Ambulanz nicht mehr in israelisches Gebiet, und zum Schutz des „palästinensischen“ Patienten sorgen wir für eine israelische Ambulanz. Wir tun alles Mögliche um Leben zu schützen, Leiden von Menschen zu minimieren und unsere SoldatInnen dazu auszubilden, wie man sich in solchen komplexen Situationen ethisch verhält, wobei die Soldaten selber Opfer dieser Situation sind.

Terroristen missbrauchen also die humanitäre Hilfe der Israelis und schaden dabei ihren eigenen Leuten, weil die Kontrollen die Weiterfahrt verzögert?

Genau. Aber es geht noch viel weiter. Die Grenzkontrollen, die ohne Terror ja nicht nötig wären, und die daraus resultierenden Verzögerungen werden von „palästinensischer“ Seite im Propagandakrieg gegen Israel ausgenutzt, um der Welt vorzugaukeln, Israelis seien herzlos und unmenschlich.

Das ethische Ungleichgewicht kostet so manchen Israelis das Leben.

Ja, leider. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: Eine Fallschirmjäger-Spezialeinheit hatte einen Hinweis über den aktuellen Aufenthaltsort einer Gruppe überführter Terroristen erhalten. Die Soldaten umzingelten das besagte Wohnhaus. Allerdings befanden sich dort auch Zivilisten. Anstatt zu schießen, forderten die Soldaten die Terroristen deshalb protokollgemäß per Lautsprecher auf, herauszukommen und sich zu ergeben. Die Terroristen, die sich bewusst bei Zivilisten versteckt hatten, begannen indessen vom Haus aus zu schießen und töteten Dan Talasnikov, ein Mitglied der Spezialeinheit. Die Operation misslang; die Terroristen konnten fliehen.

Im Jahr darauf wurde die besagte Spezialeinheit wieder mit einer ganz ähnlichen Situation konfrontiert. Die Terroristen hatten sich abermals in einem Privathaus verschanzt, und der Kommandant erhielt den Befehl, sie zu fassen. Was tun? Jetzt kannte er seine Feinde und wusste, wozu sie fähig waren. Sollte er sie, ohne Vorwarnung, angreifen und unschädlich machen, oder sollte er, zum Schutz der Zivilisten, abermals zum Megaphon greifen. Er entschloss sich zu Zweiterem. Kurz darauf öffnete sich tatsächlich die Tür, und eine Frau mit einem Baby im Arm und drei weiteren Kindern kam heraus. Plötzlich tauchten aber hinter dem Rücken der Frau auch Terroristen auf und begannen, zu schießen. Glücklicherweise hatte der Kommandant vorgesorgt und Scharfschützen mitgebracht. Sie konnten die Terroristen neutralisieren; Frau und Kinder blieben unversehrt. Auf israelischer Seite gab es Verletzte.

Das muss ein sehr schwieriges Dilemma für den jungen Kommandanten gewesen sein.

Ja, absolut. Auf der einen Seite steht ein 22-jähriger Kommandant, dessen Soldat ein Jahr zuvor von Terroristen ermordet wurde. Trotzdem wägt er seine Handlungen ab, hält sich an hohe ethische Standards, will Unschuldige schützen. Auf der anderen Seite, stehen Terroristen, die bereit sind ihre Frauen und Kinder zu opfern, um sich zu schützen und ihre Gegner hinterhältig zu töten. Das ist die Asymmetrie, von der ich spreche, und es bestimmt nicht nur unseren physischen Existenzkampf, sondern auch den Propaganda-Krieg in den Medien.

Als Mutter eines israelischen Soldaten, wäre ich über diese hohen moralischen Maßstäbe nicht sehr glücklich. Mein Sohn könnte mit seinem Leben bezahlen, weil er Frau und Kinder des Feindes schützt, die jener zynisch als menschliche Schutzschilder missbraucht?

Darüber diskutieren wir viel. Ist es moralisch vertretbar, das Leben des Feindes dem Leben des eigenen Soldaten vorzuziehen? Warum? Ist der Soldat kein Mensch? Hat er als 20-Jähriger keine Träume, Familie, Hoffnung, hat er nicht sein ganzes Leben vor sich? Wir sind der Ansicht: Ja, ein Soldat ist auch ein Mensch.

Geben Sie uns bitte weitere Beispiele von ethischen Dilemmata von israelischen Soldaten.

Vorher habe ich ein Beispiel von Fußsoldaten gegeben, aber ich gebe Ihnen hier ein Beispiel aus dem Dienst eines Piloten, der Information erhält, dass sich ein Mega-Terrorist in einem Haus in Gaza versteckt. Man hatte schon mehrmals versucht, diesen zu fassen, aber ohne Erfolg. Und dieser Terrorist ist der Anführer von Dutzenden von anderen Terroristen, die in Israel Attentate ausüben. Wenn eine Bombe fallen gelassen wird, so wird auch Kollateralschaden angerichtet werden. Andere Menschen werden auch sterben. Soll er es tun oder nicht? Wir wissen, dass dieser Terrorist Dutzende von unschuldigen Israelis ermordet hat, und weitere Anschläge organisieren wird – es tun oder nicht?

In der Realität wurden solche Operationen oft abgebrochen, da man wusste, dass sich am gleichen Ort zwanzig Zivilisten befanden.

Es kam auch vor, dass Zivilisten getroffen wurden. Aber dies ist absolut nie die Absicht, und wird vermieden wann immer möglich.

Eine andere Situation: ein Terrorist fährt im Auto und er soll mit einer Rakete getroffen werden. Plötzlich finden wir heraus, dass mit ihm seine Frau und Kinder im Auto sind. Was tun? Solche Dilemmata haben wir die ganze Zeit! Auch in solchen Fällen werden die Operationen oft abgebrochen, auch wenn ein Archeterrorist hätte außer Gefecht gesetzt werden können.

Manchmal bestimmt die Zahl der Umstehenden, ob die Operation ausgeführt wird oder nicht. Bei 50 nicht, bei 20 nicht, usw. Aber man muss sich bewusst sein, dass wenn dieser Terrorist nicht getötet wird, durch ihn weiterhin viele Zivilisten getötet werden – und zwar, weil wir auf das Leben seiner Familie oder Freunde Rücksicht genommen haben.

Warum also hält die IDF an ihren hohen moralischen Maßstäben fest?

Weil die Aufgabe eines Soldaten nicht nur daraus besteht, Heimat und Kameraden zu verteidigen. Er muss auch Mensch sein und nach dem Ende seines Militärdienstes in den Spiegel schauen können und sich sagen: Ich war in Ordnung. Ich habe mich nicht in einen Unmenschen verwandelt. Das ist uns ein großes Anliegen und für unsere Soldaten sowie für unsere Gesellschaft von existentieller Bedeutung.

Sie haben das Konzept „Identity and Purpose“ entwickelt. Wie kam es dazu?

2002 bat mich der damalige Generalstabchef Mosche „Bogie“ Jaalon die Wertevermittlung in der Armee zu evaluieren, Möglichkeiten zur Verbesserung aufzudecken und ein pädagogisches Programm zu entwickeln. Mein Team und ich entwarfen daraufhin „Identity and Purpose“, ein Konzept, das in der ganzen Armee als Grundlage für die qualifizierte Wertevermittlung dient. Seither entwickeln wir stetig weitere Ausbildungsprogramme, die sich mit den Themen Identität und Kultur, sowie Moral und Ethik beschäftigen.

Warum sind solche Ausbildungsprogramme wichtig?

Israelische Soldaten kommen wie eingangs erwähnt aus ganz unterschiedlichen Ursprungsländern und Kulturen, was ihre ethische und moralische Haltung bestimmt. Diese diversen ethischen Vorstellungen stimmen nicht immer mit denen der Armee überein. Der Soldat muss also lernen, seine als selbstverständlich von zu Hause mitgebrachte moralische Vorstellung der Gemeinschaft zuliebe unterzuordnen und zu ändern – das stellt ihn vor ganz neue Herausforderungen.

Die Soldaten müssen Verantwortung übernehmen, sich engagieren aber auch fähig sein, ihre instinktiven Handlungsimpulse zu zügeln und neue moralische Wertevorstellungen zu verinnerlichen. Und sie müssen bereit sein, ihr Leben für das Land zu riskieren. Eine Armee, die derartige Ansprüche an junge Menschen stellt, muss ihnen dazu auch die erforderlichen Werkzeuge zur Bewältigung geben. So wird der Militärdienst zu einer Art Lebensschule, die die Persönlichkeit des Soldaten langfristig mitprägt.

Im Falle des Soldaten Elor Azaria, der auf einen am Boden liegenden, bewegungslosen Terroristen schoss, scheint das Programm nicht funktioniert zu haben. Wie reagierte die Armee darauf?

Der Zwischenfall und die daraus resultierende öffentliche Kontroverse unterstreichen die akuten moralischen Dilemmata, mit denen IDF-Offiziere und Soldaten jeden Tag zu kämpfen haben. Aber er zeigte auch deutlich die Zentralität der Frage, die am Grunde solcher Dilemmata liegt: das Zusammenspiel von Werten und Identität.

Die Armee war über diesen Fall zutiefst besorgt und wandte sich hilfesuchend an das Beit Morasha. Wir erstellten daraufhin für Kadetten der Unteroffiziersschule ein Programm, das wir „Desert Journey“ nannten. Ein viertägiges Programm, in welchem die angehenden Offiziere durch Selbsterfahrung und Gruppendynamik sich mit ihrem eigenen moralischen Kompass auseinandersetzen müssen, um danach die moralischen Standards der Armee in einem schwierigen Prozess kennenzulernen und zu verinnerlichen.

Die Auseinandersetzungen sind intensiv und die Unterschiede der Sichtweisen scheinen manchmal unüberbrückbar. Aber die eindringliche Selbstreflexion, die Reibung an den anderen, und die Leitung der geschulten Führungspersonen führen dazu, dass niemand gleich aus diesem Programm herauskommt, wie er hineingegangen ist. Wir betonen den Übergang vom Soldaten zum Kommandanten und die damit einher kommenden Pflichten und die Verantwortung als zukünftige IDF-Führungskraft.

Der Erfolg dieses Programms hat sich fast sofort bewiesen, und über 1.200 Offiziere haben diesen Kurs bereits absolviert. Für dieses und nächstes Jahr ist eine solche Ausbildung von insgesamt 10.000 militärischen Führungspersonen geplant. Der Wert dieser Ausbildung kann nicht genug hervorgehoben werden – auch für das spätere Leben als Bürger dieses Staates. Das sind alles Folgen vom Fall Azaria.

Welche Ziele verfolgt die Ausbildung von Identität und Kultur?

Wir möchten, dass der Soldat seine eigene Identität mit positiven Gefühlen besetzt, aber zugleich lernt, die Verschiedenheit und die Vielfalt der anderen Soldaten zu schätzen. Gleichzeitig fördern wir die Soldaten, ein gemeinsames Ethos aufzubauen und zu verfestigen. Dies erreichen wir, indem wir gemeinsame Ziele stecken und das Gefühl der Kameradschaft und Bruderschaft betonen und stärken. Wir möchten, dass ein gegenseitiger Respekt entsteht.

Wie läuft ein solches Programm konkret ab?

Die Soldaten erzählen der Reihe nach über sich. So berichtet etwa ein äthiopischer Soldat über seinen eigenen Fußmarsch nach Israel und sein russischer Kamerad spricht über die Einwanderungserlebnisse seiner Großeltern. Dadurch lernen Soldaten andere Lebensformen und Familienhintergründe kennen. Eine Sammlung von Lehrmaterial zu den Feiertagen aller in Israel gelebten Religionen dient ebenfalls der Identitätsstärkung und als Ausgangspunkt für Gespräche. In diesem Material werden die Feiertage zuerst erklärt, und die universell relevanten Punkte als Grundlage zur individuellen Auseinandersetzung eines jeden Soldaten benutzt. Egal ob Rosch Haschana, Weihnachten oder Ramadan – jeder religiöse Feiertag enthält einen Denkanstoß, oder eine allgemeine Idee, über die man in der Runde diskutieren und im eigenen Leben anwenden kann.

Wichtig sind auch die Hausbesuche des Kommandanten bei allen Soldaten. So erhalten die Vorgesetzten Einblick in die häuslichen Verhältnisse ihrer Kadetten. Registrieren sie Schwachstellen, etwa finanzielle Not, so versuchen sie, gezielt zu helfen.

Welche Werte werden sonst noch übermittelt?

Viele, etwa Zusammengehörigkeit, Freundschaft und Treue. Ein Beispiel: Die Soldaten absolvieren lange Märsche mit Tragbahren. So lernen sie, wie man Verletzte evakuiert. Weil aber diese Märsche sehr anstrengend sind, müssen die Soldaten einander helfen, aufeinander zählen können. Es handelt sich also um eine Militärübung, die nicht nur dem physischen Training, sondern auch der Wertevermittlung dient. Fußmärsche, die zuweilen 90 km oder sogar 120 km umspannen, sollen den Soldaten auch Gelegenheit geben, ihr Land zu erkunden. Viele kennen weder die Geographie noch die Geschichte der einzelnen Orte. Wenn sie auf den Spuren der Vergangenheit wandeln und besser über sie Bescheid wissen, stärken sie ihre Verbindung zum Land und ihre eigene Identität, was wiederum die Motivation des Dienstes erhöht.

Nehmen alle Soldaten an diesen Ausbildungsprogrammen teil?

Ja, aber wir arbeiten direkt nur mit den ranghöchsten Kommandanten. Der unterrichtet wiederum seinen nächsten Untergeordneten. Und so geht es weiter, bis das Wissen zum Soldaten gelangt. Wir begnügen uns aber nicht damit, die Kommandanten auszubilden, wir begleiten sie auch. Wir trainieren sie zum Beispiel in Vorbereitung auf den obengenannten Fußmarsch und gehen dann auch selber mit. Der Kommandant führt das Training durch, kann aber auf unsere Präsenz vor Ort zählen, falls er Unterstützung braucht.

Kommen Ihre Botschaften bei diesem System auch unverfälscht beim Soldaten an?

Natürlich kommen sie nicht ganz genau so an, wie wir sie vermitteln. Dazu gibt es zu viele Zwischenstufen. Das System hat sich aber nicht nur pragmatisch, sondern auch empirisch bewährt. Denn über diese hierarchisch-strukturierte Weitergabe wächst die pädagogische Arbeit von innen heraus und wird Soldaten nicht von außen aufgedrängt. Es ist eine natürliche, organische Vorgehensweise. Wir befähigen den Kommandanten, der sich rund um die Uhr bei seinen Soldaten aufhält und ihr Vorbild ist, sein Wissen weiterzuleiten und ihnen die Werte auch vorzuleben.

Oft wird der alltägliche Umgang zwischen Soldaten und Palästinensern oder Arabern kritisiert, sei es an Checkpoints oder beim Überprüfen der ID.

Man muss zwischen den Regeln und den Anweisungen der Armee unterscheiden – denn die Armee ist diesbezüglich sehr streng – und dem Verstoß gegen diese Regeln von einzelnen Soldaten. Übertritt er die Gesetze, kommt er vors Gericht, wie jetzt z.B. im Fall von Elor Azaria. Wir verstehen die Gefühle von Wut, Angst, Verwirrung von unseren Soldaten, aber sie dürfen nicht nach diesen handeln. Deshalb gibt es Gesetze, welche über unser Verhalten bestimmten.

Es gibt in jeder Gesellschaft Personen, welche sich nicht an die Gesetze und nicht an die üblichen moralischen Standards halten – bei uns ist es nicht anders. Auch bei uns gibt es solche Menschen. Und in den extremen Situationen, ist es nur natürlich, dass solche Fälle noch mehr vorkommen, weil die Spannung und das Aneinanderreiben viel größer ist.

Oft kursieren Schreckensbilder und Videos in den sozialen Medien.

Ja, aber in den Medien oder sozialen Medien, und bei Videos, die dort geteilt werden, wird nur eine Szene aus einem Ablauf von vielen Momenten gezeigt. Wenn Soldaten vom Magav (Grenzschutz) dort sind und vorher Steine auf sie geworfen wurden, oder eine „palästinensische“ Frau gibt einem Soldaten eine Ohrfeige und spuckt ihn an – denn solches geschieht immer wieder – dann darf er darauf kaum reagieren. Denn erstens möchten wir, dass sich unsere Soldaten zurückhalten können und ihre Wut zügeln können, und gleichzeitig effizient und kontrolliert agieren. Zweitens wissen wir, dass nur seine gefilmte Reaktion auf dem Medien-Schlachtfeld geteilt wird, und wir auch dort verlieren.

Wie würde ein 18- oder 19-jähriger Schweizer reagieren, wenn eine Frau ihn ohrfeigt, ihn anspuckt, ihm Steine ins Gesicht wirft? Wie soll unser Soldat reagieren? Der Soldat muss mit seiner Kraft aufpassen, denn er hat zu viel, andererseits muss er seine Autorität etablieren, sonst herrscht Anarchie, er darf aber seine Gefühle nicht walten lassen. Der Soldat könnte das Problem schnell lösen, denn er trägt Waffen, er ist viel stärker, aber das ist auch seine Schwäche! Die Soldaten sind zu stark gegenüber jenen, die scheinbar schwach sind, aber diese werfen Steine, die auch töten.

Man sieht immer wieder, mit welcher Unverschämtheit und Unverfrorenheit „Palästinenser“ israelischen Soldaten gegenübertreten. Etwas scheint nicht in Ordnung zu sein, wenn so wenig Respekt für die Soldaten vorhanden ist. Man sieht zum Beispiel wie Mädchen ungestört die Israelis provozieren. Ist es richtig, dass sich die Soldaten derart demütigen lassen müssen?

Es ist tatsächlich eine Falle. Die Alternative wäre mit Härte zu agieren. Wir wissen von anderen Armeen, die an verschiedenen Orten der Welt kämpften – die russische, amerikanische, britische Armee, überall, Armeen, die in Kontrolle waren, haben solches Verhalten nicht toleriert. Israel bemüht sich aber außergewöhnlich, „Palästinensern“ ein normales Leben als Zivilisten führen zu lassen und nicht mit Härte gegen sie vorzugehen.

Oder ist es auch die Angst vor den Kameras?

Die Kameras sind eine neuere Erscheinung, und das Steinewerfen hat sehr viel mit den Kameras zu tun. Es gibt kaum Steinewerfen, wenn keine Kamera da ist, um es zu filmen. Kommt eine Kamera, gibt es Action. Die Ära der Smartphones ist ein neues Thema in der israelischen Armee. Jeder Zivilist wird zum Journalisten, alles kann über soziale Medien verteilt werden, ohne Überprüfung auf den Wahrheitsgehalt oder den Kontext.

Aber: Beim Verhalten unserer Soldaten geht es uns in erster Linie um unsere eigenen Werte, auch wenn das Phänomen der Kameras ernstgenommen werden muss. Diese Filme haben die einzige Absicht Israel als brutale und unmenschliche Macht darzustellen, und sie fügen uns handfesten diplomatischen Schaden zu, wie z.B. Druck in der UNO, wo Resolutionen gegen Israel in keinem Verhältnis mit anderen Ländern erlassen werden, Länder wie Syrien, wo über eine halbe Million Zivilisten getötet und ganze Städte zerstört wurden und Millionen von Menschen zur Flucht gezwungen wurden.

Aber der Sicherheitsrat verurteilt Syrien nicht. Im Gegenteil: Gemäß dem letztjährigen UNO-US-Vertreter, sorge der Vorsitzende des Sicherheitsrates dafür, dass „das Töten in Syrien weitergehe“.

Und als letzte Frage: Worin sehen Sie die Rolle der internationalen Gemeinde im Kontext mit der IDF?

Ich zerbreche mir oft den Kopf darüber, wie es möglich ist, dass gerade unsere Armee, in die wir so viel Zeit, Energie, Geld und Gedanken stecken, um unsere Soldaten nicht verrohen zu lassen, und um sie ganz im Gegenteil durch die Armee moralisch und ethisch aufzubauen und zu stärken – also dass gerade diese Armee in der Welt als brutale, unmenschliche und rücksichtslose Armee dargestellt wird.

Um diese Lügen und Verzerrungen gedeihen zu lassen, braucht es „willige Abnehmer“. Hier kann die internationale Gemeinde Einhalt gebieten, indem sie dieses fabrizierte Narrativ als solches enthüllt und in der Gesellschaft verurteilt. Davon haben wir leider in der Vergangenheit zu wenig gesehen.

Professor Ish-Shalom, herzlichen Dank für dieses Interview.

Für Feedback oder Fragen an Professor Ish-Shalom: pro.ish-shalom@bmj.org.il

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