Victor Klemperers Briefwechsel gibt Auskünfte über sein Scheitern als Romanist und Buchautor in Nazideutschland.  

Juli 7, 2017 – 13 Tammuz 5777
„Nicht-arisch und inopportun“

Von Peter Jacobs

„Meine jahrzehntelange Beschäftigung mit fremden Literaturen“, so schreibt am 19. Januar 1934 der in Dresden lebende Romanist Victor Klemperer an seinen Bruder Georg, „und mein häufiger Ausland-Aufenthalt haben mich gelehrt, dass ich …ganz und gar und ausschließlich nach Deutschland gehöre.“

Der Adressat zeigt sich erschrocken. Georg Klemperer als der älteste der neun Kinder des aus Landsberg an der Warthe stammenden und später in Berlin tätigen Rabbiners Wilhelm Klemperers war zur Kaiserzeit derjenige in der Familie, dem am meisten daran lag, den jüdischen Familienhintergrund zu verwischen. Nun fühlt er Mitschuld am naiven Fehldenken des 15 Jahre jüngeren Victor, der ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers immer noch der Illusion anhängt, er könne seine wissenschaftlichen Arbeiten in irgendeiner eingeschränkten Form in Nazideutschland weiter publizieren. Eindringlich und nicht ohne Selbstprüfung fragt der Ältere: „Was machen wir mit unserem Deutschtum, wenn uns dessen maßgebende Vertreter täglich erklären, dass wir in einem anmaßlichen Irrtum sind, wenn wir uns für deutsch halten?“

Nachzulesen ist das in dem 640-seitigen Sammelband „Victor Klemperer. Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen“, erschienen im Aufbau Verlag, sorgfältig editiert und versehen mit einem erläuternden Verzeichnis der Briefpartner, einer Chronik und umfangreichen Erläuterungen.

Freiwilliger in der Kaiserarmee und Professor in der DDR
Die frühesten Brieffunde stammen aus dem Jahr 1909, als Victor Klemperer seine Studienjahre (Philosophie, Romanistik und Germanistik) hinter sich hat und glaubt, als Journalist und Schriftsteller von seiner eleganten Feder leben zu können. Es folgen die Jahre als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, als Privatdozent in München und als Professor an der Technischen Hochschule Dresden. Schließlich sein Überleben im Dritten Reich und sein changierendes Wirken in der jungen DDR, als er hohe wissenschaftliche Anerkennung als ordentlicher Professor in Greifswald, Halle und Berlin erfährt, aber auch erkennen muss, dass sein kulturpolitisches Engagement in einer höchst widersprüchlichen neuen Gesellschaft zu veröden droht.

Der Briefwechsel Victor Klemperers, soweit er noch greifbar war, frischt nicht nur auf, was Leser der sensationellen Tagebücher (6 Bände) und aus der vom gleichen Verlag herausgegebenen Biographie erfahren haben. Er präzisiert auch das Bild, das sich die Nachwelt von seinem Schicksal macht, und lässt manche Facetten seines Charakters deutlicher hervortreten.

Dazu gehören Victor Klemperers bittere Enttäuschungen mit Kollegen, denen er vertraute, und mit Verlagen, wo er seit den frühen 20er Jahren publizierte. Noch 1934 glaubt er mit seinem großen vierbändigen Projekt „Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert“ ein neues Standardwerk für die Romanistik veröffentlichen zu können – trotz der immer widerwärtiger werdenden Lebensumstände. Er verlor soeben, gemäß dem berüchtigten Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, sein Prüfungsrecht. An einer Wand im Studentenhaus las er gleich nach der Machtergreifung Hitlers die möglicherweise auf ihn gemünzte Hetzparole: „Wenn der Jude deutsch schreibt, lügt er“. Er sah den Scheiterhaufen der Bücher aus der Bibliothek der Technischen Universität Dresden auf dem Bismarckplatz brennen, aufgeschichtet von Studenten seiner Lehranstalt.

Aber noch ist Victor Klemperer als Ordinarius im Amt und er kann sich der Dresdner Bibliotheken frei bedienen – ein Bonus, den ihm die Behörden als Kriegsfreiwilligem des Ersten Weltkrieges vorerst noch zumessen. So hofft er, seine Leidenschaft für die französische Literaturgeschichte („die alten Knaben Voltaire, Montesquieu und Diderot“) auch in der zunehmenden Isolation ausleben zu können. Und: „Gar zu gern“, so schreibt er zwei Jahre später an seinen Kommilitonen aus Münchner Studienzeit, Albert Hirsch, „würde ich noch den Druck erleben, in meinem Vaterland, in meiner Muttersprache.“

Bei seinen Verlegern jedoch zeigt das nazistische Gift längst Wirkung. „Würden die beiden das 18. Jh. behandelnden Teilbände im Laufe der nächsten Jahre erscheinen, so würde man bestimmt innerhalb der Reichsgrenzen mit einem Misserfolg rechnen aus Gründen, die ich Ihnen nicht auseinandersetzen brauche“, klagt der Direktor des weltberühmten Schulbuchverlages B.G. Teubner, Hans Ehlers, der seinen stigmatisierten jüdischen Autoren loswerden will. In einem Brief vom 24. Januar 1934 an den „sehr geehrten Professor“ empfiehlt er für Band IV „im beiderseitigen Interesse …einen leistungsfähigen Verlag in Wien oder Zürich zu gewinnen“.

Darauf geht Klemperer nicht ein. In seiner Antwort versucht der Romanist dem Verleger eine Brücke zu bauen. „S. g. H. Doctor - … Natürlich weiß ich, dass ich Ihnen als nicht-arischer Autor inopportun und untragbar erscheine“. Es sei aber zu bedenken, dass er, Klemperer, als kriegsfreiwilliger Frontkämpfer sein Ordinariat behalten habe, „eines der höchsten Ehrenämter, das es in Deutschland gibt“, und dass er weiter in Fachzeitschriften publiziere. Klemperer riskiert sogar einen Verweis auf den Zeitgeist: Er selbst habe in seinen zahlreichen Arbeiten zur Kulturkunde für den fremdsprachlichen Unterricht immer wieder „genau das gefordert, was ihm jetzt als etwas ganz Neues abverlangt wird: Erkennung des eigenen Volkstums gegenüber dem andersgearteten fremden.“

Es hilft nichts. Ein Jahr später – inzwischen ziehen die berüchtigten Nürnberger Rassengesetze die Schlinge um die in Nazideutschland verbliebenen Juden immer enger – will Ehlers die Verantwortung für eine weitere Zusammenarbeit mit Klemperer nicht mehr tragen und hält es für fair, „Ihnen das schon jetzt mitzuteilen, bevor Sie Ihre Arbeit zum Abschluß bringen, (…) Bände Ihrer Literaturgeschichte so gut wie überhaupt keinen Inlandsabsatz mehr aufzuweisen haben, liegt es auf der Hand, dass ich Teil IV als Makulatur zu drucken hätte, was meiner Firma zweifellos nicht zugemutet werden kann.“

Vom Dresdner Professor zum Geächteten
Harscher noch reagieren andere. Ein Münchner Verlag, wo Klemperer zwei Arbeiten über Pierre Corneille drucken ließ, hat bereits mitgeteilt, dass man die Broschüren verramschen werde. „Wir empfehlen uns Ihnen, geehrter Universitätsprofessor, mit deutschem Gruß. Max Hueber“. Da hat der Dresdner Romanistikprofessor durch das perfide Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums sein Lehramt schon endgültig verloren und darf bald auch den Lesesaal der Sächsischen Landesbibliothek nicht mehr betreten.

Die Geschichte tröstet ihn
Doch das Schreiben bietet ihm weiterhin Trost. „Ich sitze viele Stunden am Tage an meiner Geschichte der französischen Aufklärung, so ganz in das 18. Jahrhundert vertieft, dass ich alles Persönliche und Gegenwärtige vergesse, und das ist eine große Wohltat“, teilt er seinem nach Palästina emigrierten Neffen Walter Jelski mit. Bis zum Mai 1936 werde er mit dem ersten Band fertig sein, „dann sarge ich ihn, da alle meine Verlagsverträge aufgehört haben, in meinem Schreibtisch ein und beginne den zweiten Band: Rousseau und die Revolution.“

Bruder Georg befindet sich zu dieser Zeit schon in Amerika. Sechs Jahre lang noch, bis Victor seiner letzten Existenzmöglichkeiten beraubt und zusammen mit seiner nichtjüdischen Frau Eva in ein sogenanntes Judenhaus gepfercht wird, hilft der einst renommierte Mediziner und Hochschullehrer dem tödlich Bedrohten zu überleben. Mit ermutigendem Zuspruch und mit Überweisungen von seinen beträchtlichen Honorarkonten, die er selbst nicht mehr auflösen durfte. Vor allem aber mit Rat und Tat bei der Beschaffung von Bürgschaften für Visa-Einreise in die USA.

Denn von nun an unternimmt Victor Klemperer Ausreiseaktivitäten in allen Himmelsrichtungen. „Was meinst Du wohl wie gern ich mit Dir in Cleveland, Ohio spazieren ginge“, seufzt der Zurückgebliebene am 13. Dezember 1936 in einem Brief an Elisabeth Klemperer, die rechtzeitig emigrierte Witwe seines Bruders Felix. Die Bedenken, seine Verwurzelung in der deutschen Kultur kappen zu müssen, überwogen gegenüber der Erkenntnis, dass er sich in tödlicher Gefahr befindet. Zwar sorgt er sich weiter, dass ein aus Deutschland stammender Romanist nirgendwo im Ausland gebraucht werde. Aber egal: „Ich nehme jeden Posten an, auch den eines Schulmeisters, wenn er nur zwei Leute bescheiden ernährt“, lässt er Walter Jelski wissen. Kuba steht zur Debatte, auch Peru, Japan und sogar die britische Kolonie Rhodesien. Nur Palästina, so meint er in einem Brief an die dort lebende Berufskollegin Elisabeth Günzburger, „kommt wohl nicht infrage, da ich früh zum Protestantismus übergetreten bin, und da meine Frau arisch ist.“

Am 13. Januar 1939, ein Jahr und zwei Monate nach dem Pogrom, für das die Nazis das höhnische Wort „Kristallnacht“ erfanden, werden Victor und Eva Klemperer beim amerikanischen Konsulat in Berlin W 9, Bellevuestraße 8, registriert unter den Wartenummern 56429 und 56430. Da ist es schon zu spät. Es folgen der Judenstern für ihn und das Judenhaus für beide. Was die Kindergeneration des Rabbiners Wilhelm Klemperer geglaubt hatte ablegen zu können, hat sich als Trugschluss erwiesen. Die Nazis haben auch ihn wieder zum Juden gemacht. In seinem Tagebuch, dass er unter Lebensgefahr weiterführt, notiert Victor am 16. April 1941: „Früher hätte ich gesagt: Ich urteile nicht als Jude … Jetzt: Doch, ich urteile als Jude, weil ich als solcher von der jüdischen Sache im Hitlertum besonders berührt bin“.

Die Dresdner Bombennacht vom 13. zum 14. Februar 1945 bringt ihm und seiner Frau die Rettung. Sie können unerkannt untertauchen im großen Flüchtlingsstrom der Ausgebombten. Das Kriegsende erleben sie in Bayern. Mit einem Gewaltmarsch, große Strecken zu Fuß, kehren die Mittsechziger nach Dresden zurück. Victor Klemperer schreibt 1947 an einen früheren Bekannten, der es in der Hitlerarmee bis zum Generalstabsoffizier gebracht hat und nun zur Entlastung um einen sogenannten Persilschein von dem Verfolgten bettelt: „Wir selber haben nichts gerettet als eine zerrüttete Gesundheit und den leidenschaftlichen Willen, den Rest unseres Lebens daran zu setzen, dass es in Deutschland noch einmal menschlich werde.“

Lingua Tertii Imperii
Zu dieser Zeit hat er schon das Manuskript für sein Buch „LTI – Notizbuch eines Philologen“ fertig. LTI steht für Lingua Tertii Imperii, die Sprache des Dritten Reiches. Sein großes aktuelles Anliegen, das Gift der LTI deutlich zu machen und davor zu warnen, fasst er in ein Gleichnis: „Wenn den rechtgläubigen Juden ein Eßgerät kultisch unrein geworden ist, dann reinigen sie es, indem sie es in der Erde vergraben. Man sollte viele Worte des nazistischen Sprachgebrauchs für lange Zeit, und einige für immer, ins Massengrab legen.“

Die „LTI“ ist zugleich ein eigener Erlebnisbericht und macht den Namen Klemperer weltbekannt. Allein in Deutschland sind bis heute 24 Auflagen zu verzeichnen. 1954 erscheint in der DDR endlich auch die „Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert“. Zwei Jahre später – da ist er schon nicht mehr Direktor des Romanischen Instituts der Humboldt-Universität in Berlin – folgen die Bände über das 19. und 20. Jahrhundert.

Einen der „LTI“ adäquaten Erfolg bringt ihm das nicht. Aber er hat die Genugtuung, das unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen entstandene Produkt seiner wissenschaftlichen Anstrengungen noch gedruckt und für die Romanistik gerettet zu sehen.

Victor Klemperer. Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen. Ein Leben in Briefen; herausgegeben von Walter Nowojski und Nele Holdack unter Mitarbeit von Christian Löser;
Aufbau Verlag, 640 Seiten, 12 Abb., 28,00 EUR

Der Autor dieser Rezension ist Verfasser der Biografie „Victor Klemperer“, zuletzt erschienen in dritter Auflage bei Aufbau Taschenbuch, 12,95 EUR

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