Februar 8, 2016 – 29 Shevat 5776
Nazifilme auf Youtube

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Ist ein Verbot überhaupt noch sinnvoll?  

Von Richard Diesing

Propagandafilme der Nazis wie der Film „Jud Süß“ sind frei auf Youtube verfügbar, obwohl sie sogenannte Vorbehaltsfilme sind. Wäre eine kommentierte Fassung, wie sie kürzlich von Hitlers „Mein Kampf“ erschien, besser?

Es ist erschreckend einfach, im Internet Propagandafilme des nationalsozialistischen Regimes zu sehen. Eine Eingabe des Namens auf der weltweit größten Internet-Videoplattform Youtube genügt, schon kann man sich zum Beispiel den Film „Jud Süß“ anschauen. Der Film ist beispielhaft für die Strategie der Nationalsozialisten auch durch das Kino ihre Ideologie zu verbreiten. Der Film wirkt eher wie ein Unterhaltungsfilm, nicht wie Propaganda. Die Strategie ging auf: Nach manchen Filmvorführungen kam es zu spontanen antisemitischen Demonstrationen.

Reichspropagandaminister Goebbels hatte den Film in Auftrag gegeben und beaufsichtigte höchstpersönlich die Dreharbeiten. Er notierte in sein Tagebuch, nachdem er das Manuskript des Filmes las: „Ausgezeichnet geworden. Der erste wirklich antisemitische Film.“

Schon acht Monate ist eine Version von „Jud Süß“ mit englischen Untertiteln auf der Videoplattform verfügbar und hat fast 30.000 Aufrufe. Im Vergleich ist das nicht viel, beliebte deutsche Youtuber haben teilweise mehrere Millionen Aufrufe pro Video – und trotzdem: Für einen Film, der in Deutschland eigentlich verboten ist, sind 30.000 Aufrufe eine Menge.

Die Kommentare unter dem Video sprechen für sich. Der Nutzer „Lemm231“ schreibt: „was wahren das noch für deutsche Frauen!!! heute wurde der deutsche zum Knecht gemacht wird minderwertigen kulturen wie USA bzw Islam ausgeliefert das von deutschen Verrätern im eigen land befördert welch Ruhm würde hatte dieses volkein mal...so kann ich kein deutscher mehr sein im angesichts dieses neuen deutschen hündischen staat!!! die genrationen der welt werden in Jahrhunderten noch auf dieses alte deutschland mit stolz sehen!!! egal wo ob Schwaz oder weis am deutschen geist wird die welt heil...sieg heil...wie die deutsche frau und der deutsche manne doch zerschlagen wurde aber ihr blut wird heilen das übel wird gefunden aber ihr ward die ersten helden der wahrheit auf diesen planten wie auch das Anstandes wird es wohl ewig bleiben. das blut der reinheit wieder bereit ist dieses brut zu vernichten !!! sieg heil ever..." (alle Grammatik- und Rechtschreibfehler wie im Original).

Bei Youtube-Kommentaren wie dem von „Lemm231“ wundert es nicht, warum der Film bis heute nicht frei zugänglich ist. Er ist ein sogenannter „Vorbehaltsfilm“. Nur unter bestimmten Bedingungen wird er gezeigt, zum Beispiel im Zuge einer Ausstellung mit einer fachlichen Einführung und einer anschließenden Diskussion. So ganz verboten sind Filme wie „Jud Süß“ also doch nicht.

Die in Wiesbaden ansässige Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung besitzt die Rechte an den Nazi-Propagandafilmen. Nicht nur „Jud Süß“, auch viele andere „Vorbehaltsfilme“ seien auf Youtube leider und illegal verfügbar, so Ernst Szebedits, Vorstand der Stiftung. „In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen veranlassen wir, soweit uns dies möglich ist, dass die Filme gesperrt werden, so Szebedits weiter. Doch immer wieder werden die Filme neu illegal hochgeladen. Eine Sisyphosarbeit, die letztlich nicht zu bewältigen ist, nennt er das. Man setzte sich mit Google, dem Eigentümer von Youtube, zusammen, um das Problem zu lösen. „Wenn sie die Originalfilme hätten ‚abtasten‘ dürfen, wäre es möglich, die Filme automatisch löschen zu lassen“, erklärt Szebedits. Das kann die Murnau-Stiftung aber nicht. Der Grund: Ausschnitte von „Vorbehaltsfilmen“ werden in Dokumentationen verwendet. Auch solche Filme wären von der automatischen Löschung betroffen. (...)

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