Vor 50 Jahren starb die berühmte jüdisch-sowjetische Wissenschaftlerin Lina Stern  

Von Martin Stolzenau

Lina Solomonovma Stern ist als international bedeutende Physiologin und Biochemikerin in die Geschichtsbücher eingegangen. Sie gehörte zu den ersten weiblichen naturwissenschaftlichen Professoren in der Schweiz, begründete als Gründungsrektorin des „Institutes für Physiologie der sowjetischen Akademie der Wissenschaften“ die moderne chemische Physiologie in der UdSSR und war das erste weibliche Akademiemitglied in ihrem Heimatland.

Doch trotz ihrer pionierhaften Forschungsergebnisse und über 500 wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die in der Fachwelt auch über ihren Tod vor 50 Jahren hinaus bis in die Gegenwart eine enorme Nachwirkung entfalteten, wurde die prominente Naturwissenschaftlerin wegen ihrer jüdischen Herkunft im Zusammenhang mit einer antijüdischen Hetzkampagne 1948 vom Geheimdienst Stalins verhaftet, gefoltert und für Jahre in die Verbannung geschickt. Sie teilte damit das Schicksal vieler Persönlichkeiten, die Opfer der kommunistischen Willkürherrschaft wurden. 

Lina Stern wurde am 14. /28. August 1878 in Libau in Kurland (heute Lettland) geboren, das damals zu Russland gehörte. Sie hatte sechs Geschwister. Ihr Bruder Wilhelm machte später als Musiker eine internationale Karriere. Ihr Vater, der Sohn eines Rabbiners, war in der Stadt ein wohlhabender Kaufmann, ermöglichte seiner Tochter an der Höheren Töchterschule eine vielseitige Ausbildung und zog 1905 mit seiner Familie nach Königsberg (Ostpreußen). 

Aber da befand sich Lina Stern bereits in der Schweiz. Sie hatte sich lange vergeblich um einen Studienplatz in Russland bemüht und war dann 1898 als eine der ersten Frauen an der Universität in Genf als Studentin aufgenommen worden. Sie studierte Medizin und Naturwissenschaften, wurde 1903 mit einer Arbeit über die „innere Sekretion der Niere“ bei Jean-Louis Prevost promoviert und nach anfänglicher Ablehnung – weil sie eine Frau war – von ihm wegen ihrer ungewöhnlichen Sachkenntnis als Assistentin übernommen.

Mit dem Nachfolger von Prevost kam es in der Folge zu einer überaus ertragreichen wissenschaftlichen Zusammenarbeit, die in zahlreiche spektakuläre Veröffentlichungen mündete, die auch Einfluss hatten auf die Erforschung des „Krebs- Zyklus“.1912 gaben Batelli und Stern ihr Hauptwerk heraus: „Die Oxydationsfermente“. Stern fungierte inzwischen als Privatdozentin in Genf, wurde 1917 zur ao. Professorin für physiologische Chemie an der medizinischen Fakultät der Universität Genf erhoben, und gehörte damit zu den ersten weltweit anerkannten Naturwissenschaftlerinnen.

Ihr Ruf verbreitete sich auch in der jungen Sowjetunion, deren Führung um sie warb. Ihr wurden Privilegien versprochen, die für eine Frau sonst unerreichbar waren. Stern ging deshalb 1925 nach Moskau, übernahm als Professorin an der 2. Moskauer Universität die Leitung des neuen Institutes für Physiologie, das dann der Akademie der Wissenschaften unterstellt wurde. Nun legte die Naturwissenschaftlerin so richtig los.

Sie forschte, lehrte, entwickelte das Institut zu einem wissenschaftlichen Leuchtturm und unterhielt viele wissenschaftliche Kontakte zu Fachkollegen weltweit. Ihre Meinung galt international. Viele berühmte Akademien machten sie zum Ehrenmitglied. Die deutsche „Leopoldina“ nahm Stern 1932 auf. Sie wurde 1939 Mitglied der KPdSU, wirkte nach dem Hitler-Überfall auf die SU ab 1941/42 im Präsidium des „Jüdischen Antifaschistischen Komitees“ mit und wurde 1943 für ihre außergewöhnlichen Leistungen für die Militärmedizin mit dem Stalin-Preis ausgezeichnet. Stern gehörte eigentlich zur Elite des Landes. Sie erlebte hautnah den Sieg über Hitler-Deutschland und die Bemühungen zum Wiederaufbau der zerstörten Heimat.

Parallel begann nach dem Krieg und der Parteinahme Stalins für die arabischen Länder gegen eine israelische Staatsgründung schrittweise eine antisemitische Hetzkampagne. Viele jüdische Intellektuelle wurden ungeachtet ihrer Verdienste im Krieg verfolgt. 1948 wurde ihr Institut unter dem Verdacht des „Zionismus“ geschlossen. Stern wurde anschließend verhaftet und erlebte am eigenen Leibe Folterungen. Am Ende stand sie auf der Liste der Todeskandidaten. Doch Stalin strich letztlich ihren Namen und schickte sie „nur“ in die Verbannung. (…)

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