Dezember 13, 2016 – 13 Kislev 5777
Nachrichten aus einem verunsicherten Land

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Tuvia Tenenbom ist „Allein unter Amerikanern“  

  • Dezember 13, 2016 – 13 Kislev 5777
  • Politik, Welt
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Von Valerie Herberg

Mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten rückten die Amerikaner weltweit in den Mittelpunkt von Diskussionen und Debatten. Viele rätseln über ein Land, von dem sie dachten, sie würden es kennen. Der jüdische Journalist Tuvia Tenenbom ist im vergangenen Jahr durch die USA gereist. Er hat mit den Menschen dort über Politik, ihren Glauben und ihr Leben in den USA gesprochen und seine Erlebnisse und Eindrücke dokumentiert. Herausgekommen ist „Allein unter Amerikanern“ – eine ehrliche, teilweise provokante und erschütternde Reportage über ein verunsichertes Land.

Tenenbom wurde in Israel geboren und lebt aktuell in Europa und New York City. Nach seinen beiden Bestsellern „Allein unter Juden“ und „Allein unter Deutschen“, in denen er seine Eindrücke von Deutschland und Israel beschrieb, nimmt er die Leser dieses Mal mit in die USA. „Ich bereise sechs Monate lang ein Land, spreche mit so vielen Menschen wie möglich und porträtiere den Charakter des Landes und seiner Bewohner", lautete die Agenda für die beiden ersten Bücher sowie für „Allein unter Amerikanern“.

Freiheit: Eine Farce?
In den kurzen Gesprächen, die der Autor mit Politikern, Angestellten, Obdachlosen, Christen, Muslimen, Juden, Mormonen, Ureinwohnern und vielen anderen führt, offenbart sich eine überraschende Tendenz: Die viel beschworene Freiheit und Offenheit in die USA scheinen vielerorts eine Farce zu sein. Wenn es darum geht, eine politische Meinung zu äußern, zeigen die meisten Menschen sich verunsichert bis verängstigt.

„Wenn es um Politik geht, ziehe ich eine rote Linie.“
Da ist zum Beispiel der Mann, mit dem Tenenbom auf einem Bierfestival in Denver spricht: „Wäre doch interessant, mal zu hören, was ein betrunkener Amerikaner wirklich über gewisse Themen denkt. Als Erstes frage ich ihn, ob er für die Roten oder für die Blauen ist. Aber damit komme ich nicht weit. Obwohl er ziemlich betrunken ist, weiß dieser Mann, welche Grenzen er nicht überschreitet: ‚Wenn es um Politik geht, ziehe ich eine rote Linie.‘ O Gott, nicht einmal die Betrunkenen trauen sich, im Land der Freien über Politik zu reden!“ Und da ist das junge Paar auf Jekyll Island, für das Politik ein so heikles Thema ist, dass die beiden nicht einmal untereinander besprechen, welche Partei sie wählen.

Diese Angst, sich politisch zu äußern, könnte laut Tenenbom ein Grund dafür sein, warum so manche Umfragen vor der Präsidentschaftswahl falsch lagen: „Niemand kann je den nächsten Präsidenten einer Nation vorhersagen, deren Bürger sich nicht trauen, einem Fremden zu verraten, für welchen Kandidaten sie in der Vergangenheit gestimmt haben.“

Liberale für die „Palästinenser“, Konservative für Israel
Dennoch kristallisiert sich in den Gesprächen ein Thema heraus, das die Menschen sehr beschäftigt, und zu denen die meisten nicht nur eine Meinung zu haben scheinen, sondern damit auch nicht hinter dem Berg halten: der israelisch-arabische Konflikt. „Während den Philadelphiern um mich herum die Palästinenser, die zigtausende Kilometer entfernt von ihnen leben, keine Ruhe lassen, scheint kein einziger Quäker hier zu zittern, weil in Gehweite von ihnen auf Menschen geschossen wird. Warum interessieren sich diese Menschen so für Israel? Keine Ahnung.“

Die befragten Menschen, die sich selbst als konservativ bezeichnen, scheinen dabei eher Israel zu unterstützen, Liberale eher die „Palästinenser“. Gleiches gilt, wie Tenenboms Bericht nahelegt, offenbar auch für manche Juden. Gegen Ende seiner Reise besucht der Autor eine Konferenz in New York, die vom amerikanisch-jüdischen „New Israel Fund“ und der israelischen Zeitung „Haaretz“ organisiert wird, und an der größtenteils liberale amerikanischen Juden teilnehmen: „Die liberalen amerikanischen Juden von heute sprechen laut und deutlich über Israel und die Juden: Sie fänden es toll, wenn beide sich in Luft auflösten. Was daran ist ‚liberal‘? Ich weiß es nicht. Ich halte es für das Gegenteil von allem, was man als liberal bezeichnen könnte.“

Waffen ja, Zigaretten nein
Tenenbom berichtet auch von immer noch grassierendem Rassismus in den USA, sowie von Obdachlosigkeit und Armut. Die USA zeigt sich in dem Buch als ein Land, in dem Menschen sich verschulden müssen, um ihre Behandlungskosten zahlen zu können, während es mancherorts Krankenhäuser für Schildkröten gibt. Als ein Land, in dem man vielerorts zwar Waffen tragen, aber nicht rauchen darf.

Tenenboms Fazit fällt negativ aus: „Dadurch, dass sie ihre Bürger gewaltsam in den gigantischen Kochtopf der Vielfalt geworfen hat und sie beschämt, wenn sie nicht stolz darauf sind, ist es Amerikas Demokratie gelungen, ihren Bürgern Furcht einzuflößen und sie in einer Weise zu segregieren, die zum Himmel stinkt. [...] Wie ungezogene kleine Kinder sind die Amerikaner ständig besorgt, jemand da draußen könnte sie eines Tages ‚verraten‘ und aller Welt erzählen, was sie wirklich denken. Das Problem ist nur, dass die Amerikaner keine Kinder sind: Sie verfügen über gewaltige Bomben und werfen sie manchmal gerne irgendwie irgendwo ab. Amerika ist auch eine der stärksten Volkswirtschaften der Welt, zeitweise sogar die stärkste, aber kann sich die Menschheit auf dieses Land verlassen? Ich würde es nicht tun.“

Individuelle Momentaufnahmen
Bei all dem erhebt der Autor keinen Anspruch auf Repräsentativität. Er betont, dass er lediglich Einzelfälle porträtiert und seine persönlichen Eindrücke wiedergibt. Doch gerade diese individuellen Momentaufnahmen und die ehrlichen, ungeschönten Berichte machen das Buch besonders authentisch. Tenenbom redet mit Armen und Reichen, Leuten verschiedener Glaubensrichtungen, Straftätern, Gefängnispersonal, PR-Leuten und Politikern. Er wagt sich in Gegenden vor, aus denen Journalisten nur selten berichten. Und er scheut sich nicht, auch heikle Themen anzusprechen.

Was dabei leider zu kurz kommt, sind Frauenrechte – in den USA, wo Frauen immer noch keinen Anspruch auf bezahlten Mutterschutz haben, wäre dies eine Erwähnung wert gewesen. Auch etwas mehr Empathie gegenüber den Opfern sexueller Gewalt, von denen Tenenbom hört und mit denen er spricht, wäre wünschenswert gewesen.

Lässt die Menschen selbst zu Wort kommen
Nichtsdestotrotz: Das Besondere an Tenenboms Buch ist, dass er die Menschen selbst zu Wort kommen lässt. Es ist keine anonyme Studie oder Umfrage – die Leser erfahren Alter, Herkunft und Beruf der Befragten. Teilweise gibt es sogar ein Foto mit Tenenbom. Das verleiht dem Reisebericht Unmittelbarkeit und Authentizität.

Provoziert zu ehrlichen Antworten
Der Autor bezieht auch regelmäßig selbst Stellung. Ehrlich ist er allerdings nur gegenüber den Lesern: Seinen Gesprächspartnern gab er sich zwar offen als Journalist zu erkennen, und reiste unter anderem mit einem Kameramann. Allerdings gab er in den Gesprächen teilweise ein anderes Herkunftsland, eine andere Religion oder eine andere politische Einstellung an, um die Menschen zu provozieren und zu ehrlichen Antworten zu bewegen. Das ist oft amüsant – und fast immer wirkungsvoll.

„Ich antworte ihr, dass es bei uns in Deutschland keine Schwarzen gibt. Punkt. Wir sind alle weiß, blond und groß. Tulsa, erzählen sie mir, ist vielfältig. Amerika auch. Und es ist großartig, wirklich großartig – so Nancy –, in einem so vielfältigen Land zu leben wie den Vereinigten Staaten von Amerika. Ich halte dagegen, dass ich die mangelnde Bevölkerungsvielfalt meines geliebten Deutschland sehr genieße, wirklich sehr, sehr genieße. ‚Wie, Sie mögen keine Diversität?‘, fragt Nancy. ‚Wie können Sie in einem Land leben ohne…‘ Ich falle ihr ins Wort. Seien wir doch mal ehrlich! Ist dieses ‚Diversitäts‘-Ding nicht bloß ein Lippenbekenntnis? Das wurde doch vor nicht allzu langer Zeit erfunden, oder? Oder gab’s das schon, als Sie heirateten? Nein, gab es nicht. ‚Diversität‘, soweit Bruce sich erinnert, kam erst vor rund 15 Jahren in den amerikanischen Sprachgebrauch, maximal.“

Sarkasmus, Humor und Selbstkritik
Tenenbom provoziert nicht nur seine Gesprächspartner. Er führt auch den Lesern Widersprüche vor Augen, stellt herkömmliche Denkweisen in Frage und regt zum Nachdenken an. So unbequem wie Tenenboms Fragen für die Interviewten gewesen sein dürften, können seine Erkenntnisse für die Leser sein. Gleichzeitig spart er auch nicht an Selbstkritik.

Dass der Bericht in lockerem Ton geschrieben ist, macht ihn leicht lesbar und unterhaltsam. Neben Sarkasmus und Selbstironie kommt auch der Humor nicht zu kurz. Immer wieder leistet Tenenbom sich zum Beispiel Seitenhiebe auf die US-amerikanische Küche.

Journalismus, wie wir ihn derzeit dringend brauchen
All dies macht Tenenboms Buch zu etwas Besonderem. Er liefert damit zwar einen subjektiven, aber auch ehrlichen und ungeschönten Eindruck vom Stimmungsbild in den USA. Die Mischung aus Reportage, Reisebericht und Selbstversuch ist nicht nur aufschlussreich, sondern auch unterhaltsam. Die Leser lernen Seiten der USA kennen, die viele nicht einmal geahnt haben dürften. Mehr lernen und erfahren kann nur, wer selbst dorthin reist. Tenenboms Buch ist deswegen empfehlenswerter Lesestoff für alle, die sich für die USA interessieren und die mehr über die Menschen wissen wollen, die Donald Trump ins Weiße Haus gewählt haben. „Allein unter Amerikanern“ ist genau die Art von Journalismus, die wir derzeit dringend brauchen.

Tuvia Tenenbom
Allein unter Amerikanern
suhrkamp taschenbuch
463 Seiten
ISBN: 978-3-518-46734-3

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