Mai 10, 2019 – 5 Iyyar 5779
Nach der Trauer ein Freudenfest

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Auf den Jom haSikaron, den Gedenktag für die gefallenen israelischen Soldaten, folgt der fröhliche Jom haAzmaut, der Tag der Staatsgründung und Unabhängigkeit Israels.  

Von Oliver Vrankovic

Bezugnehmend auf den Ausspruch von Chaim Weizmann „Ein Staat wird dem Volk nicht einfach auf einem Silbertablett serviert.“ verfasste Natan Altermann das politische Gedicht Maggash ha-kesef  (Silbertablett), das Ende 1947 in der in Tel Aviv erscheinenden Tageszeitung

„Davar“ abgedruckt wurde.

Die Erde entwickelt sich noch!
Der glänzende Himmel wird langsam blasser
über rauchenden Grenzen.
Tief betrübt, aber immer noch am Leben, ist ein Volk bereit
Das Wunder zu begrüßen.
Vorbereitet, warten sie unter dem Mond,
Eingehüllt in furchterregende Freude, vor dem Licht.
– dann, bald,
Ein Mädchen und ein Junge treten heraus,
Und gehen langsam vor die wartende Nation;

In Arbeitskleidung und schweren Schuhen
Klettern sie
In Stille.
Sie tragen noch das
Gewand der Schlacht, den Schmutz
Des schmerzenden Tages und der feuererfüllten Nacht
Ungewaschen, erschöpft bis zum Tod, Ruhe nicht kennend,
Tragen sie ihre Jugend wie Tautropfen im Haar,
– still kommen die beiden näher
und stehen.
Gehören sie zu den Lebenden oder den Toten?
Durch staunende Tränen starrt das Volk.
„Wer seid ihr, ihr stillen zwei?”
Und sie antworten: „ Wir sind das Silbertablett
Auf dem euch der jüdische Staat serviert wurde.”

Jedes Jahr feiert Israel seine Unabhängigkeit als nationalen Feiertag nach dem Datum der Staatsgründung im jüdischen Kalender. Der Feiertag beginnt am Abend und wird sehr ausgelassen begangen. Die Menschen strömen aus ihren Häusern zu Konzerten und zu großen Straßenfesten. Kinder haben aufblasbare blau-weiße Plastikhämmer dabei und versprühen blau-weißen Schaum. Überall am Wegesrand werden leuchtende Accessoires angeboten und viele Menschen sind mit der israelischen Fahne unterwegs. Am Tag kommen Millionen zum Grillen zusammen und schauen sich die Paraden von Luftwaffe und Marine an.

Der Feiertag schließt direkt an den sehr bedrückenden Gedenktag für die Gefallenen der Kriege und die Opfer des Terrors an. Am Gedenktag für die gefallenen israelischen Soldaten und die Terroropfer ruht der Vergnügungsbetrieb im ganzen Land. Mit Eintritt des Gedenkens schließen ausnahmslos alle Kneipen, Bars, Kioske, Supermärkte und Sportkanäle. Im Fernsehen laufen ausschließlich Dokumentationen über diejenigen, die ihr Leben lassen mussten. Am Morgen des Gedenktages ertönen zweimal für je eine Minute die Sirenen und bringen das ganze Land zum Stillstand.

Aus dem unmittelbaren Übergang zwischen dem Gedenken an die Opfer von Krieg und Terror und den Feiern zur Unabhängigkeit wird deutlich, dass der jüdische Staat eben nicht auf dem Silbertablett präsentiert wurde.

Nachdem 1947 im UN-Sicherheitsrat die Teilung des Mandatsgebiets in einen jüdischen und einen arabischen Staat beschlossen wurde, griffen die Araber zu den Waffen. Im Mandatsgebiet brach der jüdisch-arabische Bürgerkrieg aus. Er sollte für die Juden der Auftakt zum Befreiungskrieg werden, in dessen Verlauf sie sich nicht nur gegen lokale Milizen und Banden, sondern auch gegen reguläre Armeen behaupten sollten.

Noch am Abend der Verkündung der israelischen Unabhängigkeit am 14. Mai 1948 griffen die Armeen von fünf arabischen Nachbarstaaten an, um den jüdischen Staat zu vernichten. Die Gründung der integrierten israelischen Streitkräfte musste in den Wirren des Krieges stattfinden, der 6.000 Verteidiger das Leben kostete.
Der Krieg endete mit der Waffenstillstandslinie von 1949, die als „Grenzen von 67“ bekannt ist.

1967: Schneller Sieg gegen eine Übermacht

Als 1967 die Zeichen erneut auf arabische Invasion standen, boten die Araber doppelt so viele Truppen wie die Israelis auf, dreimal so viele Panzer, und mehr als dreimal so viele Kampfflugzeuge.
Die Folge einer Invasion wäre die Vernichtung gewesen. Die Israelis aber kamen dieser zuvor und konnten nicht nur die militärische Auseinandersetzung für sich entscheiden, sondern auch ihr Gebiet vervielfachen.

Zur nächsten konzentrierten militärischen Anstrengung Israel zu vernichten kam es bereits 1973, als ägyptische Truppen israelische Stellungen auf dem Sinai überrannten und allen vor Augen führten, wie real die existenzielle Bedrohung für den jüdischen Staat tatsächlich ist, wenn die israelische Armee die Initiative verliert. Israel hatte im Jom-Kippur-Krieg mehr als 2.650 Tote zu beklagen.

Auch der von verschiedenen „palästinensischen“ Fraktionen forcierte Terror gegen Israel forderte viele Opfer. 1974 starben bei einem Überfall auf Kiriat Shmona 18 Menschen, darunter 8 Kinder. Wenig später wurden bei der Besetzung einer Schule in Maalot 22 Schüler getötet. 1978 beging die PLO-Fraktion Fatah das Küstenstraßen-Massaker, bei dem 38 Israelis starben. Drei von unzähligen Terroranschlägen insgesamt.

In den letzten 40 Jahren haben Israelis den Ersten Libanon-Krieg 1982 erlebt, die Erste Intifada, Scud-Raketen vom Irak, die Zweite Intifada mit mehr als 1.000 Toten auf israelischer Seite, den Zweiten Libanonkrieg 2006 und den seit inzwischen 18 Jahren anhaltenden Raketenterror der Hamas und die militärischen Auseinandersetzungen mit der Hamas 2008, 2012 und 2014.

Tote Zivilisten
Nach Angaben des Verteidigungsministeriums beträgt die Zahl der gefallenen Soldaten 23.741. Diese Zahl umfasst alle israelischen Soldaten und jene Soldaten, die im vorstaatlichen jüdischen Gemeinwesen seit 1860 im Kampf für einen souveränen jüdischen Staat gefallen sind.
Die Sozialversicherungsbehörde veröffentlichte Ende April die Zahl von 3.146 Zivilisten, die seit dem Tag der Staatserklärung getötet wurden. Seit dem letzten Unabhängigkeits-Jahrestag wurden laut der Veröffentlichung neun Zivilisten ermordet. In den Tagen vor dem 71. Jahrestag der Staatsgründung kamen vier durch den Raketenterror aus dem Gazastreifen getötete Zivilisten hinzu.

Verdiente Bürger des Landes

Nachdem das Gedenken übergangslos in den Unabhängigkeitstag herüberfuhrt wurde, werden bei der zentralen Zeremonie am Herzl-Berg in Jerusalem 16 Männer und Frauen 13 Fackeln anzünden. Die Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit stehen in diesem Jahr unter dem Thema „israelischer Spirit“. Die unterschiedlichen Menschen, die die Fackeln entzünden, repräsentieren die Vielfalt der israelischen Gesellschaft. Sie alle gelten als Inbegriff von Israelis, die ihre persönlichen Kämpfe in inspirierende Lebensgeschichten verwandelt haben und als Menschen, deren persönliches Engagement die Gesellschaft besser gemacht hat. Darunter zwei Entwickler der Raumsonde Bereshit, die drei Mütter der 2014 entführten und getöteten Jugendlichen, ein Teilnehmer der Paralympics, Kulturschaffende, Mediziner, Veteranen und soziale Aktivisten wie ein Jugendgruppenleiter aus Sderot.

Die Herausforderungen für Israel im 72. Jahr seines Bestehens werden der innere Zusammenhalt der Gesellschaft sein, die soziale Gerechtigkeit, der weltweite Antisemitismus und die ihm entspringende Boykottbewegung und natürlich die Situationen an den Nord- und Südgrenzen, wo die Stellvertreter des Iran in Stellung sind.

Nur wenige Tage bevor Israel sein 71-jähriges Bestehen feiert, zeigen die neuesten Zahlen der zentralen Statistikbehörde, dass Israel inzwischen mehr als 9 Millionen Einwohner hat, wobei die Zahl der Juden bei mehr als 6,7 Millionen oder annähernd 75 % steht.

Zum Vergleich: Im Jahr 1948 hatte Israel 850.000 Einwohner, von denen schätzungsweise 650.000 jüdisch waren. Die Zahlen weisen aus, dass die Geburtenrate in Israel bei über drei Kindern pro Familie steht. Trotz all der Herausforderungen wird aus internationalen Umfragen deutlich, dass die Israelis zu den glücklichsten Menschen weltweit gehören.

Am Unabhängigkeitstag selbst wird die überschwängliche Freude über das Bestehen und Wohlergehen des souveränen jüdischen Staates im Vordergrund stehen.

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