April 5, 2019 – 29 Adar II 5779
Mythos Cable Street

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Vom Auftrumpfen der britischen Faschisten und der Zerstrittenheit ihrer Gegner  

 


Von Karl Pfeifer

1936 betrieben die britischen Faschisten (BU) ihre antijüdische Hetze insbesondere in den Arbeiterbezirken des East End von London. BU-Anführer Mosley wollte den Juden die Bürgerrechte entziehen. Der Inlandsgeheimdienst MI5 berichtete, dass im East End antisemitische Gefühle verbreitet waren, setzte jedoch hinzu „Es gibt keinen Grund zu glauben, dass die öffentliche Meinung im East End wirklich profaschistisch wird.“ Während einer Parlamentsdebatte am 10. Juli verurteilten Abgeordnete die antisemitische Kampagne der BU als „Bedrohung der traditionellen politischen Werte, die nicht toleriert werden darf“. Und der Innenminister Sir John Simon bestand darauf, dass die Polizei die Gesetze vollstrecken, dass die Reden bei den BU-Versammlungen von Stenographen notiert werden und diejenigen bestraft werden, die das Gesetz verletzen.


Die Polizei aber hat nicht nur antisemitische Schmähungen toleriert, sondern auch nicht notwendige Gewalt gegen Antifaschisten ausgeübt. Sie benutzte Schlagstöcke und Fäuste, und oft genug wurden unbeteiligte Zuschauer in Mitleidenschaft gezogen.
Am 19. Juli 1936 gründete der „Board of Deputies of British Jews“ ein Koordinationskomitee, „um die Aktivitäten zur Verteidigung der jüdischen Gemeinden zu koordinieren“ – unter der Führung des Labour-Politikers Harold Laski.
Der Metropolitan Police Commissioner Sir Philip Game erließ am 3. August ein Memorandum über „Antijüdische Aktivitäten“, welches der Polizei befahl, die Anweisungen des Innenministers genau zu beachten.

Mosley befürchtete Schaden für seine Bewegung
Daraufhin gab Mosley seinen Unterführern die Anweisung, aufzuhören in öffentlichen Versammlungen Juden anzugreifen, weil dies „der faschistischen Bewegung mehr schadet als nützt“. Dagegen stellten sich die Unterführer Joyce und Beckett, die lieber die Verhaftung und Verurteilung von Faschisten in Kauf nehmen wollten, „um den Antagonismus gegen die Juden zu intensivieren“. Es kam zu Schlägereien mit Antifaschisten in Manchester, Hull und Bristol, doch öfter noch zwischen den Antifaschisten und der Polizei. Allerdings wurden am 27. September 1936 in Leeds 40 Faschisten verletzt, die in einen antifaschistischen Hinterhalt gerieten.


Die BU erklärte den vierten Jahrestag ihrer Gründung am Sonntag, dem 4. Oktober 1936 im East End feiern zu wollen. Die dort starke kommunistische Partei, die Angst haben musste vor einer Rebellion ihrer Basis, rief die Arbeiter auf sich gegen Mosley zu stellen. Der „Rat des jüdischen Volkes gegen Faschismus und Antisemitismus“ sammelte 77.000 Unterschriften für eine Petition, um den Marsch zu verhindern. An den Wänden konnte man mit Kreide geschriebene Parolen lesen, wie „versperrt die Straße für Faschisten“ und „Sie werden nicht durchkommen“ – womit an den spanischen Bürgerkrieg und den Spruch der Republikaner „no pasaran“ erinnert wurde.
Die Faschisten wiederum plakatierten die Aufforderung „Tötet die Juden“.

Gegendemo mit 100.000 Menschen
Am Nachmittag des 4. Oktober um 14.30 Uhr versammelten sich 3.000 Schwarzhemden, darunter 400 Frauen in Stepney. Die gesamte berittene Polizei und 6.000 Polizisten standen in Bereitschaft. Um 15.25 kam Mosley in einem gepanzerten Auto und von Motorradfahrern begleitet. Er hatte eine neue SS-ähnliche Uniform an und inspizierte seine „Sturmtruppen“. Die Faschisten wurden von 1.000 Polizisten beschützt, die sie von den 100.000 Gegendemonstranten separierten. Es war die größte antifaschistische Demonstration in London, die entschlossen war Mosley nicht nach Stepney zu lassen. Noch bevor der Marsch begann, griff die Polizei mit Stöcken die Demonstranten an.
Der Kommunist Phil Piratin, der nach 1945 Parlamentsabgeordneter wurde, erinnerte sich, „es war die Polizei, die versuchte in die Cable Street zu gelangen und sie wurde geschlagen und ihre Stöcke wurden ihnen weggenommen“. Nachdem der Polizeichef Game einsah, dass es unmöglich sein würde, die Antifaschisten zu bezwingen, rief er das Ministerium an und bat Minister Sir John Simon um Erlaubnis, den Marsch zu verbieten. Der wollte aus Mosley keinen Märtyrer machen. Deshalb gab er Game den guten Rat, den Marsch ins West End zu verlegen. „Wie Sie selbst sehen können“, sagte Game zu Mosley, „wenn Ihre Leute losmarschieren, wird es einen Scherbenhaufen geben“. Angesichts der Unruhen in der Cable Street gab Mosley nach und der Marsch wurde zum Embankment in den Westen abgeleitet. Ungefähr 150 Antifaschisten wurden verletzt und die Antifaschisten siegten ohne mit den Faschisten in Berührung gekommen zu sein.

Niederlage oder Sieg der Faschisten?
Es entstand der Mythos Cable Street, dass mit dieser Demonstration die Ausbreitung der BU-Kampagne im East End beschränkt wurde. Doch die Polizei sah das anders. In einigen Stadteilen des East Ends „konnte man eine eindeutige faschistische Stimmung wahrnehmen und die angebliche faschistische Niederlage war in Wirklichkeit ein faschistischer Sieg.“ Mosley konnte in der folgenden Woche im East End ungehindert Reden halten vor „ausgesprochen pro-faschistischen“ Zuhörern aus der Arbeiterklasse. Laut Polizeiinformationen hatte die BU allein in London 2.000 neue Mitglieder geworben. (…)

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