„Ich bin der Größte!“. Wer kann das schon ernsthaft von sich selber behaupten, ohne sich prompt dem Vorwurf des Narzissmus und der Arroganz ausgesetzt zu sehen? Die Gesellschaft schätzt maßloses Selbstbewusstsein nun mal nicht. Niemand kann sich derart selbstverliebt geben. Niemand. Nur Legenden können das. An Legenden legt die Gesellschaft ganz andere Maßstäbe an. Da macht man auch schon mal eine Ausnahme mit den sozialen Gepflogenheiten. Selbstverliebtheit und Borniertheit werden zum drolligen Markenzeichen. Und eine Legende, das müssen auch post-heroisch eingestellte Menschen zugeben, war Muhammad Ali bereits zu seinen Lebzeiten.

„Der Champ“, die „Faust Gottes“, der „King of the World“, die Titel, die ihm die Gesellschaft zu erkannt hat, klingen heldenhaft. Muhammad Ali war der bedeutendste Boxer und der berühmteste Sportler nicht nur des 20. Jahrhunderts, sondern überhaupt. Drei Mal gewann er die Weltmeisterschaft in der Schwergewichtsklasse. Das ist bis heute unerreicht. Er war eine Kultfigur und ein Entertainer. Seine Unterstützung für die Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren machten Ali, den schwarzen Jungen aus dem Vorort von Louisville, Kentucky, zum Vorbild für viele Afro-Amerikaner. Am 3. Juni starb Ali im Alter von 74 Jahren in einem Spital in Scottsdale, Arizona an einer Lungenentzündung. Seinen letzten Kampf gegen die Parkinson-Krankheit, die in seinem Fall eine direkte Folge viel zu vieler Schläge auf den Kopf war, konnte er nicht gewinnen. Eine Krankheit ist ein ungleicher Gegner. Der Kampf gegen sie ist eine einzige Schiebung. Unvergessen bleiben Alis legendäre Kämpfe und seine vor seinem großen Durchbruchs so belächelte, geniale Ringtaktik des Tänzelns, des scheinbaren Abwartens und des alles vernichtenden K.O.-Schlags. „Schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene“, so beschrieb Ali in der ihm eigenen blumigen Sprache einmal seine Kampftaktik. Die Älteren werden sich an schlaflose Nächte vor dem Fernseher erinnern, als man wie gebannt und zusammen mit Millionen Zuschauern auf der ganzen Welt den „Rumble in the Jungle“ gegen George Foreman in Kinshasa, oder den „Thrilla in Manila“ gegen Joe Frazier auf den Philippinen schaute. 1974 und 1975 hatte der Boxsport noch eine ganz andere Massenwirkung als heute.

Vom Baptistensohn zum „Black Muslim“
Ali hinterlässt aber auch ein Vermächtnis, das weit über den Ring und seine Boxerkarriere hinausreicht. Und dieses Vermächtnis ist freilich ein schwieriges. Spätestens mit seinem Übertritt zum Islam im Jahr 1964 wandelt Ali sich vom reinen Sportler zum politischen Wortführer. Der 1942 in eine gläubige Baptistenfamilie geborene Cassius Marcellus Clay ist von nun an der Muslim Muhammed Ali. Mit der Konversion wollte er seinen alten „Sklavennamen“ ablegen, wie er damals sagte. Wenn ihn später einmal jemand mit Cassius Marcellus Clay „alias“ Muhammad Ali ansprach, wurde er rasend wütend. Cassius Marcellus Clay, so hieß nicht nur Alis Vater, sondern auch ein weißer Politiker und Abolitionist aus seinem Heimatstaat Kentucky. Als Person des öffentlichen Lebens wurde Ali schnell zum wortgewaltigen Fürsprecher einer radikalen schwarzen Identität und zur Symbolfigur der „Black Power“-Bewegung.

Besondere Aufmerksamkeit erregte 1967 seine Verweigerung des Armeedienstes während des Vietnam-Kriegs. „Nein, ich werde nicht 10.000 Meilen von Zuhause dabei mithelfen, eine weitere arme Nation zu verbrennen und umzubringen, nur um die Vormachtstellung der weißen Sklavenhalter über die dunkleren Völker der Welt weiter fortzuführen“, begründete Ali seine Weigerung im antiimperialistischen Duktus der Zeit. Wohl gemerkt: Die Armee hatte Ali zu Kriegsbeginn zunächst wegen eines zu niedrigen Intelligenzquotienten ausgemustert und wollte ihn erst einziehen, als dringend Nachschub benötigt wurde. Auf Verweigerung der damals in den USA noch geltenden Wehrpflicht stand eigentlich eine Gefängnisstrafe, die Ali wegen seines Berühmtheitsstatus aber nicht anzutreten brauchte. Trotzdem wurde ihm vorübergehend die Boxlizenz sowie sein Reisepass entzogen. Der Boxverband erkannte ihm seine bis dato erkämpften Titel wieder ab.

Die gewaltlose Mainstream-Bürgerrechtbewegung unter Führung von Martin Luther King war nicht Alis Ding. Er nahm Kontakt zu den „Black Muslims“ von der „Nation of Islam“, einer religiös-muslimischen Sekte, auf. Zu deren Programm gehörte nicht nur die Propagierung eines disziplinierten islamischen Lebensstils ohne Alkohol und Glücksspiel, sondern auch der Hass auf Amerika, den Westen allgemein und ein schwarzer Rassismus. Diese Form von „Black Supremacy“ führte, wie die weiße Spielart in umgekehrter Weise auch, zu Ideen einer Überlegenheit der Schwarzen („Allah ist schwarz“) und zur Geringschätzung von Nicht-Schwarzen im Allgemeinen – und Juden im Speziellen. Für viele Jahre seines Lebens und seiner Karriere teilte Ali ganz offensichtlich diese Ideologie. Er sprach sich rigoros gegen „Mischehen“ von Schwarzen und Weißen aus und machte „jüdische Boxersponsoren“ für persönliche Rückschläge verantwortlich. In einem Interview mit der New York Times von 1969 bezeichnete Ali „alle Juden und Weißen“ als „Teufel“.

„Die ganze Machtstruktur ist zionistisch“
Mit der rassistisch-antiimperialistischen Ideologie der „Nation of Islam“ übernahm Ali auch deren Hass auf Israel. In diesem Weltbild wird der Zionismus zur Wurzel allen Übels und die Juden in Tateinheiten mit den Zionisten zu einer Art geheimen Weltregierung erklärt. „Sie wissen genauso wie ich, dass die ganze Machtstruktur zionistisch ist“, sagte Ali gegenüber einem Reporter der Zeitung „India Today“ 1980. Während einer Nahost-Reise im Jahr 1985 sprach sich Ali für die Freilassung von 700 während des Libanonkriegs von der israelischen Armee gefangengenommener schiitischer Terroristen, „meiner Brüder“, aus. Offen bekannte er sich zur Vernichtung des jüdischen Staats: „In meinem und im Namen aller Muslime von Amerika, erkläre ich die Unterstützung für den Freiheitskampf der Palästinenser für ihr Heimatland und zur Vertreibung der zionistischen Invasoren.“ Er reiste sogar nach Israel, um dort auf „höchster Ebene“ über die Freilassung zu verhandeln. Die Regierung lehnte das „Angebot“ Alis höflich und entschieden ab.

Alis jüdischer Enkel
Ali war ein Hitzkopf. Sowohl im Ring als auch außerhalb. Freunde nannten ihn ob seiner häufig rabiaten und unüberlegten Aussprüche nur „die Lippe von Louisville“. Den frommen Muslim kaufte man ihm nicht so recht ab. Er galt als Partylöwe und hinterlässt nach seinem Tod neun Kinder von vier verschiedenen Frauen. Vieles von dem, was Ali über Juden und Israel sagte, dürfte den Ideologen der „Black Muslims“ schlicht unhinterfragt nachgeplappert worden sein. Mit dem Alter kehrte Ali der Sekte den Rücken und entfernte sich von deren radikaler Rhetorik. Kurz bevor er 1996 mit 54 Jahren das Feuer für die Olympischen Spiele in Atlanta entzündete, bekannte er sich zu religiöser Toleranz. „Es gibt jüdische Menschen, die ein gutes Leben führen. Wenn Sie sterben, so glaube ich, kommen sie in den Himmel. Es ist nicht wichtig, welcher Religion Du angehörst, solange Du ein guter Mensch bist, wirst Du Gottes Segen bekommen. Muslime, Christen, Juden dienen alle demselben Gott.“

Vor vier Jahren bekam Ali dann sogar einen ganz persönlichen Bezug zum Judentum. Seine Tochter Khaliah Ali-Wertheimer hatte mit ihrem jüdischen Ehemann Spencer Wertheimer einen Sohn bekommen. Schwer von der Parkinson-Krankheit gezeichnet, besuchte Ali die Bar-Mitzwa-Feier seines Enkels im April 2012 in der Rodeph Shalom Synagoge in Pennsylvania. Die Tochter sollte später über den Besuch ihres Vaters sagen: „Mein Vater war sehr unterstützend. Er hat die ganze Feierlichkeit verfolgt und schaute sehr genau in die Thora. Es bedeutete Jacob (Alis Enkel) sehr viel, dass er dabei war.“ (…)

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