November 4, 2015 – 22 Heshvan 5776
Modernes Design hebräischer Lettern.

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Eine neue Ausstellung im „Israel Museum“ zu Typografie und Buchkunst  

von Arndt Engelhardt (Leipzig/Jerusalem)

Es ist schon viel berichtet worden über die Blüte jüdischer Kunst und Kultur während der Zwischenkriegszeit. Martin Buber (1878–1965) hatte unmittelbar nach der Jahrhundertwende im ersten Heft der Zeitschrift „Ost und West“ eine „jüdische Renaissance“ verheißen, in der „durch Erziehung eines lebendigen Schauens und durch Sammlung der schöpferischen Kräfte die Gabe jüdischen Malens und Meisselns“ erweckt werde. Chaim Nachman Bialik (1873–1934), in Israel als Nationaldichter verehrt, spricht im Jahre 1913 in seinem Aufsatz „Das jüdische Buch“ in der Monatsschrift „Ha-Schiloach“ davon, dass Literatur im Zeichen der Moderne gesammelt und in hebräischer Sprache verbreitet werden müsse: „Lasst uns ein großes Netz über dem Meere der Weltliteratur ausbreiten und von dort alle Perlen jüdischen Geistes herausfischen.“ 1925 erschienen Bialiks Essays in deutscher Übersetzung im Jüdischen Verlag, Berlin.

Bücher sind materielle Artefakte und in ihrer Gestaltung eminente Symbole, die auf die kulturellen Bindungen der eigenen Tradition und zugleich auf die Notwendigkeit verweisen, überlieferte Werte in einem säkularen Zeitalter zu transformieren, moderne Kunst- und Denkrichtungen aufzunehmen und dadurch einen neuen Wissenskanon zu begründen. Dem Israel Museum in Jerusalem, dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und dem Goethe-Institut ist es hoch anzurechnen, dass nun seit dem 20. Oktober 2015 die Ausstellung „Alt-Neue Schriften. Typographische und buchgestalterische Arbeiten von Moshe Spitzer, Franzisca Baruch und Henri Friedlaender“ jene Facetten der jüdischen Buchkultur fokussiert, die in ihrer Reichweite bisher kaum abzuschätzen waren.

In der auch vom „Franz Rosenzweig Minerva Forschungszentrum“ der Hebräischen Universität unterstützten Ausstellung geht es in besonderer Anschaulichkeit um Wissens- und Kulturtransfers. Thematisiert wird anhand der konkreten materiellen Überlieferung und mit einer Vielzahl historischer Dokumente die kreative Adaption in Europa erworbener Insignien des Buchdrucks und zugleich eine ins Zukünftige weisende Gestaltung von hebräischer Schrift, Texten, Illustrationen und Drucken in Palästina während der Mandatszeit und im frühen Staat Israel.

Moshe Spitzer (1900–1982) hatte in Berlin bis 1938 für Salman Schocken (1877–1959) gearbeitet und u. a. die „Bücherei des Schocken Verlags“ als Herausgeber, Lektor und Buchgestalter betreut. Hier wurde in der klaren Form der klassischen Moderne den deutschsprachigen Juden ein Kanon jüdischer Geschichte und Kultur angeboten, der in einer Zeit der Verfolgung jüdische Werte wieder aufleben ließ. Die „Bücherei“ orientierte sich an der bekannten Reihe des Leipziger Insel-Verlag, die 1912 mit „Der Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ von Rainer Maria Rilke als Nr. 1 eröffnet worden war, ein Band, der mittlerweile eine Millionenauflage erreicht hat. Der promovierte Indologe Spitzer eignete sich bei Schocken umfangreiche Kenntnisse der Typographie und Buchgestaltung an.

Als der Verlag Ende 1938 liquidiert wurde, emigrierte Spitzer nach komplizierten Bemühungen um die Rettung des Buchlagers nach Palästina. Anfang der 1940er Jahre gründete er in Jerusalem den Verlag „Tarshish“ mit einem Programm von mittelalterlichen Handschriften, Mappenwerken, Sachbüchern, zeitgenössischer hebräischer Literatur und Weltliteratur in Übersetzung. Wieder stand Insel Pate, wie Ada Wardi, die Kuratorin der Ausstellung, feststellt. Selbst unter den widrigen Bedingungen des Krieges und mit äußerst eingeschränkten Mitteln wurden hier in vierzig Jahren über einhundert Bücher publiziert, die neue Standards für die hebräische Buchgestaltung in Palästina/Israel setzten. (…)

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