November 4, 2015 – 22 Heshvan 5776
Mode, Stil und Judentum

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Der singende Modemacher Allan Edelhajt  

Als Modeschaffende machen Juden in Deutschland (noch) relativ wenig von sich reden. Der Herrenausstatter Allan Edelhajt ist hier ein Pionier. Die JÜDISCHE RUNDSCHAU traf ihn zum Gespräch.

JÜDISCHE RUNDSCHAU:

Guten Tag Herr Edelhajt, Sie sind in Schweden geboren. Wie würden Sie die Mode hier in Deutschland beschreiben bzw. was ist Ihnen besonders aufgefallen?

Allan Edelhajt: Ja, ich bin in Schweden in Göteborg geboren und lebe seit 2004 in Berlin. In Deutschland ist zumeist alles sehr dunkel oder grau. Die Kunden bleiben bei schwarz oder dunkelblau. Dennoch sehe ich eine Tendenz zum italienischen gewagten Stil in Städten, wie München und Düsseldorf. Das finde ich spannend.

JR:

Wie schaffen Sie es Ihre Kunden für etwas Neues zu begeistern?

Ich versuche an zuallererst die individuell richtige Farbe zu finden. Das ist praktisch entscheidend für einen guten Anzug, aber natürlich wertet ein spannendes Muster einen Anzug stark auf. Dennoch kann ein Mensch nur mit einer intensiven und ehrlichen Beratung zu etwas Neuem bewegt werden. Sei es nun rote Socken, eine ausgefallene Krawatte oder ein besonderes Innenfutter. Monogramme sind auch eine sehr individuelle Sache, die jeden Anzug zu etwas ganz Persönlichem macht. Dennoch gilt auch in der Mode: Weniger ist mehr.

JR:

Herr Edelhajt, was bieten Sie Ihren Kunden noch außer persönlicher Beratung?

Qualität, Qualität und nochmals Qualität. Ich verwende erstklassige Stoffe aus Italien und England, sowie das weltbekannte schottische Harris Tweed. Sie müssen halten und einiges mitmachen. Die Stoffe sind in Huddersfield gelagert und werden für jeden Kunden individuell zugeschnitten und geliefert. Die Anzüge werden ausschließlich in Deutschland gefertigt.

JR:

Haben Sie nur Anzüge in Ihrem Geschäft?

Ich decke mit meiner Produktpalette alle Bedürfnisse des stilvollen Anzugträgers ab: Zu Sakkos und Hosen findet der Kunde bei mir Hemden, Mäntel, Krawatten, Einstecktücher, Armbänder und Manschettenknöpfe. Ich experimentiere gerne mit all diesen Elementen. Insgesamt verfüge ich über rund 10.000 verschiedene Stoffe in allen möglichen Mustern und Farbkombinationen. Vor allem aber verwende ich die Stoffe des weltbekannten jüdischen Tuchhändlers Scabal.

JR:

Was bedeutet für Sie Mode, insbesondere Herrenmode?

Mode ist für mich ein Stil, ein Trend, Liebe, Gefühl und natürlich eine eigene Visitenkarte nach außen. Mein ganzes Leben lang war ich begeistert von dieser Welt. Es machte mir unglaubliche Freude, Menschen glücklich zu machen. Mode ist wie ein guter Wein oder ein gutes Buch, es kann ohne Liebe nicht funktionieren. Ich ziehe einen Anzug an nicht, weil ich es muss, sondern weil ich es will. Wenn alles gut sitzt, fühlt es sich an wie in eine zweite Haut.

JR:

Also ist ein Anzug mehr als nur ein Anzug für Sie?

Ja, denn mit einem Anzug verbinden sich immer sehr viele Emotionen. Je nach Anlass oder Lebenssituation wird ein Anzug getragen. Manchmal können alte Anzüge sogar nach fünf oder zehn Jahren zu neuem Leben erweckt werden. Ich denke aber, dass Sachen getragen werden müssen und keinen Platz auf dem Bügel im Schrank verdient haben. Etwas ganz grundsätzliches gilt dabei: Anzüge macht man nicht nach dem Trend, jeder Anzug muss ein Klassiker bleiben. Mode geht. Stil bleibt.

JR:

Ein guter Barkeeper weiß, welchen Cocktail er seinem Gast zubereiten soll, weil er es an seiner Stimmung abliest. Gibt es so etwas auch bei Anzügen?

Selbstverständlich. Man muss eine Person verstehen und ich habe mit der Zeit die Fähigkeit angeeignet Menschen lesen zu können. Jeder ist ein Individuum und erfordert einen besonderen Zugang. Dafür braucht man Fingerspitzengefühl.

JR:

Sie leben seit vielen Jahren in Berlin. Diese Stadt wächst langsam aber sicher zu einer Modemetropole heran. Was bedeutet Ihnen diese Stadt?

Berlin bietet viele Möglichkeiten. Eine wirklich unglaubliche Vielfalt. Die Menschen sind hier sehr modebewusst. Das gilt natürlich auch für schöne maßgeschneiderte Anzüge. Ich arbeite zwar deutschlandweit als „Tailor on the Road“, aber Berlin hat nach wie vor für mich nichts an seiner Attraktivität verloren.

JR:

Tailor on the Road? Was heißt das genau?

Ich bin – wie der Name schon sagt – ein Schneider, der ständig in ganz Deutschland unterwegs ist, um möglichst nah beim Kunden zu sein. Individuelle Beratung erfordert manchmal einfach räumliche Nähe. Viele Männer haben weder Zeit noch Lust in ein Geschäft zu gehen und mühsam Anzüge anzuprobieren. Mein Home Service kommt da vielen sehr gelegen und zu der Zeit, wann es den Kunden passt.

JR:

Spielt das Internet für Sie eine Rolle in Ihrem Geschäftsmodell?

Nein. Ich lebe davon, dass die Menschen mich weiterempfehlen. Dementsprechend betreibe ich auch keinen Online-Shop. Individuelle Kundenberatung bei guten Anzügen – das geht nicht übers Internet.

JR:

Sie machen also alles noch „Old School“ mit althergebrachter Vermessung und Stecknadeln. Wieso sollte man sich heute noch so einen großen Aufwand machen?

Verstehen Sie, das sind Traditionen, die bleiben und nur so kann ich beratend verkaufen. Die Kunden kommen oft zu mir und sagen, dass Hosen und Hemden, die sie woanders gekauft haben, kürzlich gerissen sind oder einfach nicht passen. Das überrascht mich in den seltensten Fällen und bestätigt mich in meiner „Beratung der alten Schule“. Nicht zuletzt ist für mich ein persönlicher Kontakt zu dem Kunden wirklich wichtig und über die Jahre lernt man die Leute sehr gut kennen.

JR:

In Ihrem Laden sehe ich Zigarren und kostbaren Alkohol. Wieso das?

Herrenausstatter zu sein, bedeutet den Menschen auch einen Lebensstil zu vermitteln. Eine gute Zigarre oder Whiskey hat noch keinen Anzug schlechter sitzen lassen. (lacht)

JR:

Sie verkaufen also Luxusprodukte?

Nein, vieles hängt einfach vom Stoff ab. Eine teure Marke steht nicht zwangsläufig für einen guten Stoff. Lieber kauft man sich einen richtig guten Anzug, der sitzt, als zwei schlechte Anzüge. Trotzdessen wäre es nicht richtig zu behaupten, es sei kein Exklusivsegment. Oscar Wilde hat es schon damals treffend auf den Punkt gebracht: „You can‘t be overdressed and overeducated.“

JR:

Herr Edelhajt, Sie sind Jude, bekennender Jude. Welche Rolle spielt das in Ihrem Leben?

Mein Judentum ist mir ebenso wichtig wie der Staat Israel. Ich habe mich seit Jahren in dem jüdischen Sportverein Makkabi Frankfurt als Trainer engagiert. Jedes Jahr bin ich mit meiner Familie in Israel zu Besuch. Mir bereitet die jetzige angespannte Lage sehr große Sorgen. Ich bin auch Vorbeter in einer Synagoge, also ein Chasan. Das Vorbeten vor der Thora ist mir außerordentlich wichtig. Die Musik des legendären Lewandowski fasziniert mich nach wie vor. Ich bin eben der singende Modemacher. (lacht)

JR:

Ist Israel für Sie auch aus geschäftlicher Perspektive interessant?

Ja, natürlich. Ich bin auch bereit in Israel zu operieren. Bei der großen Hitze dort ist es erforderlich besonders gute Stoffe zu tragen. Einige Knesset-Abgeordnete müsste man sehr dringend mit guten Anzügen ausstatten. (lacht)

JR:

Arbeiten an sie an jüdischer Feiertagen oder dem Schabbat?

Nein, selbstverständlich nicht. Mein Geschäft ist für alle offen, ich bin und bleibe aber trotzdem ein jüdischer Schneider.

JR:

Abschließend noch eine letzte Frage. Wenn Sie Ihren Beruf in einem Satz beschreiben könnten, was würden Sie sagen?

Suits that suits you!

JR:

Herr Edelhajt, herzlichen Dank für das Interview !

Das Gespräch führte Michael Groys

(Für die Leser der Jüdischen Rundschau gibt es einen Rabatt von 15 % Rabatt auf alle Anzüge bis zum 31. März 2016)

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