Jeani Semel, Tochter von Holocaust-Überlebenden, schließt Frieden mit der Vergangenheit ihrer Familie  

August 4, 2017 – 12 Av 5777
„Mit Liebe zum Leben“

Von Ulrike Stockmann

Ein kleines, aber feines Buch ist von Jeani Semel unter dem Titel „Mit Liebe zum Leben. Biografische Zeitausschnitte“ erschienen. Die Autorin, geboren 1951 in West-Berlin, unternimmt den Versuch einer Autobiografie, dessen Ausgangspunkt die Auseinandersetzung mit ihren jüdischen Wurzeln und mit der Geschichte ihrer Eltern bildet. Diese waren als polnische Juden jahrelang in KZs interniert gewesen, hatten Zwangsarbeit und andere Qualen überlebt – und ließen sich nach dem Zweiten Weltkrieg ausgerechnet in Deutschland nieder.

Der Lebensweg Jeani Semels vereint verschiedene sowohl generationstypische als auch speziell jüdische Motive: Nach einer weitestgehend sorglosen Kindheit und Jugend in der vom Wirtschaftswunder beflügelten Bundesrepublik, beschloss sie Psychologie zu studieren. Ein Studienfach, das zur damaligen Zeit stark mit den 68ern, antiautoritärer Erziehung sowie dem Bruch mit Konventionen in Verbindung gebracht wurde – und bei ihren Eltern großes Misstrauen auslöste.
Nach ihrer Heirat zog sie mit ihrem Mann nach Köln und wurde zweifache Mutter. 1988 war sie als engagiertes Gemeindemitglied an der Gründung der Rheinland-Loge zu Köln beteiligt. Von 1991 bis 1999 arbeitete sie als Zeitungsredakteurin, von 1995 bis 2001 verlegte sie den Kalender „Bemerkenswerte Jüdische Frauen im Spiegel der Geschichte“. Seither hat sie mehrere Bücher herausgegeben.

„Ja, ich gehöre der Generation an, die von den gequälten, gefolterten, geschändeten, erniedrigten und traumatisierten Menschen geboren wurde“, schreibt Semel. Nach der Erfahrung des Holocausts war Leben für ihre Eltern nicht mehr möglich, Überleben war alles, was ihre gebrochenen Seelen noch vermochten. Lange war es für die Autorin schwierig, einen Zugang zu ihrem Vater und ihrer Mutter zu finden, sie zu verstehen. Die Mauer, die zwischen ihr und ihren Eltern stand, führte dazu, dass Semel ihrerseits Nähe-Distanz-Probleme gegenüber anderen Menschen entwickelte. Bis sie es dank ihres Studiums und der Auseinandersetzung mit der eigenen Psyche schaffte, ihren Eltern emotional ein Stück näher zu kommen.

Leider sprachen diese nie über ihre Kindheit und Jugend, sodass zunächst ihre Mutter und später ihr Vater verstarb, ohne dass Semel von ihnen persönliche Einblicke in ihre Vergangenheit erhalten hätte. Vor dem Erscheinen ihres Buches gelangten die Lebenserinnerungen von Simel Herziger, eines entfernten Verwandten, in ihre Hände. Dieser Cousin ihrer Mutter beschreibt darin das Leben der jüdischen Gemeinde in der polnischen Stadt Sławków – der Heimatstadt ihrer Mutter – bis zum Einmarsch der Deutschen. Einige Auszüge aus seinen Erinnerungen, die auch ihre Großeltern mütterlicherseits miteinbeziehen, ließ Semel in ihr Buch einfließen.

Trotz der vielen Verluste, die der Holocaust verschuldete, beschreibt die Autorin im weiteren Verlauf, wie es die Überlebenden und die nachfolgenden Generationen schafften, ihre jüdische Identität zu bewahren und im Nachkriegsdeutschland jüdische Kultur und Tradition neu zu etablieren. 

Mit einer leichten und schnörkellosen Sprache gelingt es Semel, in ihren „Zeitausschnitten“ sowohl die eigene, als auch die jüdische Psyche unter den Auswirkungen der Schoah zu durchleuchten und nachzuvollziehen.

Ihre „Liebe zum Leben“ hat die Autorin zum Glück nie verlassen. Daher ist ihr Buch trotz der Aufarbeitung eines ernsten und tragischen Sujets kein trauriger, sondern ein hoffnungsfroher, zuweilen humorvoller und vor allem um Heilung bemühter Band.

„Mit Liebe zum Leben. Biografische Zeitausschnitte“ von Jeani Semel, erschienen im K&K Verlag
ISBN: 978-3934764163

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