September 5, 2015 – 21 Elul 5775
Mit heiler Welt zum Millionenerfolg

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…und ins KZ - zur neuen Else-Ury-Biografie von Marianne Brentzel  

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on Miriam Magall

Sie wird in eine gutbürgerliche jüdische Berliner Familie hineingeboren: Am 1. November 1877 kommt Else Ury als Tochter von Emil Ury und seiner Frau Franziska, geborene Schlesinger, auf die Welt. Else wächst mit ihren zwei Brüdern und einer Schwester, der vier Jahre jüngeren Käthe, in der Nähe der damaligen Synagoge in der Heidereutergasse auf. Ludwig, der ältere, wird später Rechtsanwalt und Hans, Elses Lieblingsbruder, später Facharzt für Magen- und Darmkrankheiten. Schon der Vater, Emil Ury, hat das Gymnasium besucht, eine kaufmännische Ausbildung gemacht und ist Inhaber der Tabakfirma „Jacob Doussin & Co“. Er ist noch orthodox geprägt und bemüht, seiner Familie eine heile Welt zu bieten. Seine Frau Franziska ist ebenfalls Spross einer alten jüdischen Familie. Ihr Vater ist Kleiderhändler, versteht sich aber vor allem als Dichter und Musiker und schickt seine Tochter daher auf die höhere Mädchenschule. Dank der dort genossenen Bildung wird sie zur Kennerin der deutschen Literatur. Das, was die Eltern von zu Hause mitbekommen haben, Bildung und Religion, das geben sie auch ihren Kindern mit. Eigentlich etwas ganz Normales für eine jüdische Familie, damals wie heute. (…)

Else Ury erfährt zusehends mehr Anerkennung als Schriftstellerin, denn Märchen und Erzählungen für Kinder kommen zusehends in Mode. Elses Bücher erreichen Auflagen von bis zu 7 Millionen Exemplaren! Sie verdient ausgezeichnet, ungefähr 80.000 Reichsmark im Jahr. Davon kann Else für sich und die Familie in Rübezahls Heimat, im schlesischen Riesengebirge, wo sie schon immer gerne mit Lieblingsbruder Hans (ledig geblieben wie sie selbst), gewandert ist, ein hübsches Haus kaufen.

„Nesthäkchen und der Weltkrieg“, für die Neuauflage 1928 werden bereits 160.000 Exemplare gedruckt, spiegelt die Verbundenheit auch der jüdischen Familie Ury mit der deutschen Heimat wider. Geschrieben wird es vermutlich schon 1916 unter dem Eindruck der Ereignisse als die meisten Deutschen noch auf den Sieg Deutschlands hoffen. 1922 kommt es zum ersten Mal heraus.

Im Januar 1920 stirbt der Vater, Emil Ury. Er ist fast 85 Jahre alt geworden. Seine Frau, Franziska Ury, bekommt daraufhin einen Schlaganfall und leidet danach unter einer schweren Arthritis, sodass sie kaum noch ihren Sessel verlassen kann. Sie muss rund um die Uhr gepflegt werden, eine Aufgabe, der Else Ury sich bis zum Ende stellt.

In der Zeit zwischen 1918 und 1933 steigt Else Ury zur Bestseller-Autorin auf. Die 10 Bände ihrer Nesthäkchen-Serie sind bis 1925 abgeschlossen. Ihr letztes Buch schreibt Else Ury als eine Erzählung für Knaben und Mädchen: „Jugend voraus“, ganz im Geist der neuen Zeit: Sie wiederholt, 1933, NS-Parolen, beschreibt die Arbeitslosigkeit und ihre Folgen. Nach dem Krieg steht es dafür übrigens von 1945 bis 2014 auf dem Index der Alliierten. – Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Das Buch einer jüdischen Autorin ist als Nazi-Literatur verboten! (…)

Ein erschütternder Bericht vom Schicksal einer Jüdin, die sich als gute Deutsche mosaischen Glaubens verstand, viele kleine und große deutsche Mädchen mit ihren Geschichten vor 1933 und nach 1945 begeistert hat, aber als Jüdin ermordet wurde. Erst spät erfährt die Nachwelt von ihrem Schicksal. 1992 schreibt die Autorin, Marianne Brentzel, ihre erste Biografie über Else Ury. Sie ist, wie vermutlich viele ihrer Leserinnen anfangs überrascht, ja, geradezu erstaunt, dass die Verfasserin von „Nesthäkchen“ eine Jüdin ist, die jüdisches Schicksal ereilt.
Mit dieser zweiten Biografie erreicht sie hoffentlich noch ein paar Leserinnen und Leser mehr und öffnet ihnen die Augen: Niemand konnte ihnen entkommen, den Nazi-Schergen, den Mördern.

Marianne Brentzel:
„Mir kann doch nichts geschehen ... Das Leben der Nesthäkchen-Autorin Else Ury“
ebersbach &simon, Berlin 2015
160 Seiten, gebunden, 4 S/W-Abbildungen. 16,80 €
ISBN 978-3-86915-102-1

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