September 9, 2016 – 6 Elul 5776
Mit großem Knall und jiddischem Witz

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„The Big Bang Theory“ ist die vielleicht jüdischste Sitcom seit „Seinfeld“  

Von Jerome Lombard

Werter Leser, Sie sind am Zug. Lösen Sie folgende, zugegebenermaßen nicht ganz mathematische Gleichung: Physikalisches Fachwissen plus Nerdtum mal soziale Phobien in Kombination mit Neurosen und allerlei zwischenmenschlichen Kommunikationsschwierigkeiten; multipliziert mit der Wurzel aus der Essenz jiddischen Humors! Die Gesamtsumme im Entertainment-Quadrat. Die Naturwissenschaft ist bekanntlich eine exakte Wissenschaft. Das einzig mögliche Ergebnis kann demzufolge nur lauten: „The Big Bang Theory“. Die Theorie vom Urknall, zu Deutsch. Und ein echter Knaller, ist diese Fernsehserie allemal.

Die Comedy-Sitcom des amerikanischen Senders CBS erfreut sich diesseits wie jenseits des Atlantiks überaus großer Beliebtheit. Millionen von Zuschauern schalten jede Woche ein, um das Neueste aus dem turbulenten Leben der vier jungen Wissenschaftler Sheldon Cooper (gespielt von Jim Parsons), Leonhard Hofstadter (Johnny Galecki), Howard Wolowitz (Simon Helberg) und Rajesh „Raj“ Koothrappali (Kunal Nayyar) und ihren verschiedenen Frauen und Freundinnen zu erfahren. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Serie auf ProSieben zu sehen. Aktuell läuft die 10. Staffel.

Die Story ist aus dem Leben gegriffen: Die vier Protagonisten sind exakt das, was man gemeinhin unter einem Nerd oder Geek versteht. Ein Mensch, exzellent in seinem, in diesem Fall naturwissenschaftlich-physikalischen Berufsfeld an der Cal Tech in Los Angeles, aber ansonsten mit erheblichen Problemen ausgestattet. Vor allem, wenn es um den zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Kontakt geht. Und erst recht, wenn es um Mädchen geht. Newton und Schrödinger bewahre! Sheldon und Leonhard leben in einer Wohngemeinschaft. Sheldon, ein wahres physikalisches und geistiges Genie, ist die Verkörperung einer Sozialphobie. Leonhard ist der umgänglichste von allen. Er schwärmt für seine hübsche, blonde Nachbarin Penny (Kaley Cuoco), mit der er im Laufe der Serie eine On-Off-Beziehung führt. Raj stammt aus Indien, kann ohne den Genuss von Alkohol nicht mit Frauen sprechen und hat einen starken Hang zur Metrosexualität. Howard hat als einziger der Viererbande keinen Doktortitel, fährt leidenschaftlich gerne Moped, kleidet sich einigermaßen exzentrisch und hat eine Obsession mit Sex. Ach ja, und er lebt mit Anfang 30 noch bei seiner Mutter.

Mrs. Wolowitz bringt ihrem Sohnemann die „Kreplach“ ans Bett, und bezeichnet ihn auch gerne mal derb als „putz“ oder „schmock“. In bestem kalifornischen Jiddisch eben. Howard ist jüdisch. Mrs. Wolowitz ist der Running Gag der „Big Bang Theory“. Die Zuschauer bekommen sie niemals zu sehen, nicht mal zu Howards Hochzeit mit der Mikrobiologin Bernadette (Melissa Rauch), aber ihre krächzende Stimme ist aus dem Off allseits gegenwärtig, sobald Söhnchen Howard in seinem Zimmer zugegen ist. Und Mrs. Wolowitz muss physisch gar nicht präsent sein, um sich in Howards Privatleben einzumischen. „Ist sie jüdisch?“, ruft Mutter Wolowitz, als Bernadette das erste Mal bei Howard übernachten will. Bernadette stammt aus einer katholischen Familie. Ups. Also lieber mal flunkern, denkt sich Howard. „Ja, ist sie.“ Na dann: „Viel Spaß Kinder, aber benutzt ein Kondom!“ Bei so viel mütterlichem Einsatz ist die romantische Stimmung natürlich schnell dahin.

Das Spiel mit Stereotypen gelingt in der „Big Bang Theory“ auf vielen Ebenen, ohne dabei platt zu wirken. Und auch wenn Howard der einzige jüdische Hauptcharakter in der Serie ist, ist jüdische Kultur ein an vielen Stellen wiederkehrendes Element der Show. Die Jüdischkeit geht in der „Big Bang Theory“ über Howard und seine ödipal konfliktgeladene Beziehung zur interventionistischen Mutter, ein im jüdischen Witz immer wiederkehrendes Topic, hinaus. Auch andere Charaktere schmeißen mit jiddischen Begriffen um sich. Zum bereits erwähnten „putz“ gesellen sich „tuchus“, „mishegas“ und „oy vey“. Zum standardmäßigen Physikervokabular gehört das jedenfalls nicht. Wenn Sheldon mit seiner aus dem tiefen Texas stammenden christlich-evangelikalen Mutter (Laurie Metcalf) über die Existenz Gottes im Spannungsfeld der Naturwissenschaft diskutiert, fühlt man sich auch schon mal an einen talmudischen Disput erinnert. Und Zufall sind diese jüdischen Einsprengsel und Thematiken keineswegs.

Die „Big Bang Theory“ hat einen deutlichen jüdischen Bezug, sowohl on als auch off screen, wie es so schön im Entertainmentfachjargon heißt. Die beiden Produzenten, Chuck Lorre und Eric Kaplan, sind jüdisch. Lorre reiste 2011 öffentlichkeitswirksam nach Israel und erklärte seine Faszination für den jüdischen Staat. Hauptcharakter Howard basiert maßgeblich auf Lorres persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen als junger Mann, wie der Produzent 2009 in einem Interview konstatierte. Und mit Mayim Bialik, die in der Show ab Staffel 3 die schrullige Neurowissenschaftlerin und Sheldons Freundin Amy Farrah Fowler spielt, hat die „Big Bang Theory“ eine traditionell-orthodox lebende Schauspielerin am Set, die von sich selber sagt: „Das Judentum ist ein gewichtiger Part meines Lebens. Es ist untrennbar mit dem verbunden, was ich bin.“ Bialik hat seit 2007 keine Hosen mehr in der Öffentlichkeit getragen, widerspricht dies doch ihren Vorstellungen von Frömmigkeit. Ein Glück, dass ihr Alter-Ego Amy ebenfalls ein Fan von langen Röcken ist, beziehungsweise die Produzenten auf Bialiks religiöse Gefühle eingegangen sind. „Ich bin sehr glücklich, dass ich als Amy Röcke tragen kann“, sagt Bialik. „Sie (die Serienproduzenten) ziehen sie sehr altbacken und stillos an, weil sie sie als asexuell darstellen wollen. So werden meine weiblichen Rundungen geschützt.“

Gemeinsam mit Co-Produzent Kaplan und anderen jüdischen Mitarbeitern der „Big Bang“-Crew, liest Bialik von Zeit zu Zeit in der Thora. Selbstverständlich am Set. „Wir haben auch schon mal Chanukka-Kerzen in Mayims Umkleidezimmer angezündet“, erinnert sich Kaplan. Der junge Filmemacher hat schon Skripte für Serienhits wie „Futurama“ und „Malcolm mittendrin“ geschrieben. In der „Big Bang Theory“ wollten er und sein Kollege Lorre Naturwissenschaftler aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft herausholen und als ganz durchschnittliche Menschen darstellen. „Wir hatten schon Wissenschaftler als Helden und als Bösewichte. Aber einfach eine durchschnittliche Person, die ihre Arbeit macht, oder angetrieben ist durch (sehr menschliche) Regungen wie Eifersucht oder Zorn, das wurde in einer amerikanischen Sitcom noch nicht gebracht“, sagt Kaplan. Wie wahr, wie wahr. Die „Big Bang Theory“ hat diese Entertainmentlücke bravurös gefüllt und mit einer ordentlichen Brise Jüdischkeit samt Humor in die Top-Liga der Sitcoms katapultiert.

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