Claudia Sheinbaum Pardo im Porträt der JÜDISCHEN RUNDSCHAU  


Von Martina Farmbauer

Zwei große Leidenschaften haben den beruflichen Lebensweg von Claudia Sheinbaum Pardo aus Mexiko-Stadt bisher geprägt: die Wissenschaft und die Politik. Spätestens im Jahr 2018 könnte sich der Schwerpunkt zugunsten ihrer Tätigkeit als Aktivistin verschieben, wobei Sheinbaum, 55, ihre beiden Leidenschaften weiter verbinden, die Erfahrungen und Erkenntnisse als Akademikerin zumindest weiter wird einbringen können.

Die Millionenmetropole Mexiko-Stadt ist von Luftverschmutzung, Verkehrsproblemen und Erdbebengefahr geplagt. Dutzende Häuser sind erst bei einem Beben im September eingestürzt, Hunderte Menschen gestorben. Sheinbaum hat einen Abschluss in Physik von der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM, Nationale Autonome Universität von Mexiko), einen Master- und einen Doktortitel in Energietechnik gemacht, und sich mit den Themen Umweltschutz, Klimawandel und öffentliches Transportsystem beschäftigt. Aber Claudia Sheinbaum hat auch eine interne Abstimmung des „Movimiento de Regeneración Nacional“ (MORENA, Bewegung der Nationalen Erneuerung) gewonnen und ist zur „coordinadora de organización territorial” der linksgerichteten Partei gewählt worden. 

Damit hat sie die Möglichkeit – wenn nichts Unvorhergesehenes passiert –, bei den Wahlen im Juni 2018 MORENA-Kandidatin für das Bürgermeisteramt von Mexiko-Stadt zu werden. Die Partei von Andrés Manuel López Obrador möchte erstmals in der Hauptstadt regieren und die „Partido de la Revolución Democrática“ (PRD, Partei der Demokratischen Revolution), die dort seit 1997 ununterbrochen an der Macht ist, ablösen. Und Claudia Sheinbaum Pardo soll es richten.

Ihre Großeltern väterlicherseits kamen aus Litauen nach Mexiko, ihre Großeltern mütterlicherseits waren sephardische Juden aus Bulgarien; die einen erreichten das mittelamerikanische Land Anfang des 20. Jahrhunderts aus wirtschaftlichen, aber auch politischen Gründen, die anderen flohen vor dem Naziterror. Ihre Eltern wurden in Mexiko geboren und waren in der Studentenbewegung von 1968 aktiv.

Sheinbaum, die zwar Akademikerin ist, aber sich für soziale Belange einsetzt, hat seit 2015 das Bürgermeisteramt von Tlalpan, dem mit 650.000 Einwohnern größten der 16 Verwaltungsbezirke von Mexiko-Stadt inne. Sie gewann die parteiinterne Abstimmung gegen Martí Batres Guadarrama, Vorsitzender von MORENA in Mexiko-Stadt; und Ricardo Monreal, Bürgermeister von Cuauhtémoc, ebenfalls Verwaltungsbezirk von Mexiko-Stadt, die sich ebenfalls um dieses Amt beworben hatten.

Nachdem das Ergebnis bekannt geworden war, haben sich viele nicht nur gefragt, wie der Prozess abgelaufen ist. Sondern auch, wer Claudia Sheinbaum Pardo überhaupt ist. Die anderen Vorkandidaten kannte man aus verschiedenen Gründen zur Genüge – seien es positive oder negative. „Seit Jahren interessiert mich die Politik, aber die gute Politik, nicht die traditionelle Politik die wir kennen“, sagte Claudia Sheinbaum in einem Interview, das sie der UNAM gab.

Der Moment, in dem sie begann, in der Politik Mexikos aktiv zu werden, kam, als Jorge Capizo McGregor, der damalige Rektor der Universidad Nacional Autónoma de México, eine der ältesten und größten Universitäten der Amerikas, Reformen durchsetzen wollte. Sie war davor schon Gründerin und Mitglied des „Consejo Estudiantil Universitario“ (CEU, Studentischer Universitärer Rat) der UNAM gewesen, der sich 1986 aus Protest formiert hatte (und wo sie auch ihren späteren Mann, den Soziologen Carlos Imaz Gisbert, kennenlernte). Nun schloss sich diese Bewegung der politischen Strömung an, die die linksgerichteten Politiker Cuauhtémoc Cárdenas Solórzano und Porfirio Muñoz Ledo anführten – und die 1988 bei den Präsidentschaftswahlen antrat, weswegen Claudia Sheinbaum auch Gründerin der „Partido de la Revolución Democrática“ (PRD, Partei der Demokratischen Revolution) ist.

„Die Politik interessiert mich als Instrument der Transformation“, sagt sie. Ihre Kenntnisse über den Klimawandel erlaubten es ihr, sich vorübergehend dem „Intergovernmental Panel on Climate Change“ (IPCC, Weltklimarat) der Vereinten Nationen anzuschließen, das 2007 den Friedensnobelpreis bekommen hat, wobei sie eng mit dem Nobelpreisträger für Chemie, Mario Molina, der ebenfalls aus Mexiko-Stadt stammt, zusammengearbeitet hat.

Dazu passt, dass Claudia Sheinbaum Pardo in Mexiko-Stadt zwischen 2000 und 2006 als Umweltsekretärin der Regierung Andrés Manuel López Obrador (AMLO) fungierte, dem sie politisch nahesteht und dessen Vertrauen sie genießt. Sowohl im Jahr 2006 als auch 2012 gehörte Sheinbaum dann dem Wahlkampfteam von López Obrador an, der für die Präsidentschaft kandidierte, und setzte sich eisern gegen die Energiereform ein. Sie verließ sogar den gemäßigten linken „Partido de la Revolución Democrática“ (PRD, Partei der Demokratischen Revolution) zusammen mit AMLO, um MORENA zu gründen.

Als Beamte der Hauptstadtregierung stieß Claudia Sheinbaum Projekte wie den Bau der ersten Linie des Metrobusses und des ersten Radwegs von Mexiko-Stadt sowie der zweite Ebene des „Anillo Periférico“ an, des Außenrings um die Stadt an. Während der sechs Jahre ihrer Amtszeit sank die Luftverschmutzung in der Millionenmetropole um 30 Prozent, die Zahl der Pflanzen stieg im Rahmen der Wiederaufforstung um eine Million, was man durchaus zu Gunsten Sheinbaums auslegen kann.

Sie rechtfertigte 2002 jedoch auch eine Räumungsaktion, die 50 Familien aus Amalacachico betraf, die in illegalen Siedlungen lebten. Claudia Sheinbaum Pardo zufolge beeinträchtigten die Siedlungen das Naturschutzgebiet von Xochimilco, verschmutzten Grundwasser und schädigten Tier- und Pflanzenarten. Die Operation galt als gewaltsam und wenig koordiniert: sie hinterließ mindestens 14 Verletzte und 28 Festgenommene. Die Polemik um die Videoskandale von 2004 warf indirekt ein schlechtes Licht auf sie. Ihr Lebenspartner Carlos Imaz Gispert, damals delegado de Tlalpan, wurde dabei gefilmt, wie er von Carlos Ahumada Geld nahm. Imaz sah sich gezwungen, von seinem Amt zurückzutreten und sich danach einem Gerichtsprozess zu stellen. Möglicherweise, ja sogar wahrscheinlich, könnte dieser Aspekt, von ihren Widersachern in einer Kampagne herangezogen werden, um ihr das höchste Regierungsamt von Mexiko-Stadt streitig zu machen.

Auf die Frage, was sie über die mögliche Strategie ihrer politischen Rivalen denke, die ihre Beziehung zu Carlos Imaz ausnutzen könnten, um ihr Schaden zuzufügen, antwortete Claudia Sheinbaum: „Ich glaube, dass meine Gegner alles benutzen werden, was sie können. Ich habe davor keine Angst, weil ich meine eigene Geschichte habe, und das ist es auf jeden Fall, was es abzuwägen und zu bewerten gilt.“

In einem Interview mit der Fernsehmoderatorin Bibiana Belsasso beschrieb Sheinbaum sich selbst als „konsequent im Privatleben, konsequent im öffentlichen Leben; eine Person, die dafür kämpft, die Situation, in der wir in unserem Land leben, zu verändern; fröhlich und diszipliniert, arbeitsam.“

Von Oktober dieses Jahrs an möchte sie sich dem Portal „PolíticoMX“ zufolge mit all diesen Eigenschaften gerne voll auf ihre Kandidatur für das Bürgermeisteramt von Mexiko-Stadt konzentrieren, auch wenn dies offensichtlich schweren Herzens geschieht. Claudia Sheinbaum Pardo sagte in einem Interview mit der Zeitung „La Jornada“: „Als man mir vorgeschlagen hat, Bezirksbürgermeisterin von Tlatlan zu werden, habe ich lange darüber gedacht. Ich mag auch meine akademische Arbeit sehr, halte gerne Vorlesungen und gebe gerne Kurse.“

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