Mai 4, 2018 – 19 Iyyar 5778
Meine 10 Dates mit islamischen Männern

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Aufschlussreiche Einblicke in Vorurteile und Ressentiments aus erster Hand 

Von Janina Krupop

„Der arabische Mann ist aggressiv, antisemitisch, sexistisch, homophob.“ Die Liste der Vorurteile lässt sich beliebig lang fortsetzen. Weil in den letzten Jahren immer mehr arabische Männer nach Deutschland gekommen sind, möchte ich sie eine Weile ausschließlich treffen und mit ihnen über diese Themen reden. Was sind ihre Vorstellungen zu Religion, romantischen Beziehungen, Juden? In Zeiten von Tinder ist es vor allem in Berlin, wo zigtausende Araber leben, denkbar einfach. Ein Match bei Tinder oder ein paar nette Sätze in einer Bar – ich komme schnell ins Gespräch. Ich habe mich entschieden, nur Männer mit einem gewissen Bildungsniveau zu treffen. Gerade bei Tinder, als Dating App mit zweifelhaften Ruf, gehe ich auf unseriöse Anfragen nicht ein. Männer, die direkt klar gemacht haben, Sex zu wollen oder vorschlagen zu ihnen nach Hause zu gehen, treffe ich nicht. Und wer weiß, vielleicht ist ja am Ende tatsächlich die große Liebe dabei?

Die Männer, die ich treffe, sind nicht in Deutschland aufgewachsen. Was mich reizt, ist die Frage, wie es sich lebt, wenn zwei so unterschiedliche Kulturen aufeinanderprallen. Islam und Westen, konservative Rollenbilder und das wilde, freizügige Berlin? Ich treffe mich mit Ingenieuren, Doktoranden, Künstlern, Studenten.

S. aus Kuwait
An einem Januarabend verabrede ich mich mit S., promovierender Islamwissenschaftler aus Kuwait, seit einigen Jahren in Berlin lebend. Er lehrt an einer Berliner Universität, bestellt zwei Bier und Wiener mit Senf. „Der Islam ist eine fortschrittliche Philosophie, viele verstehen es nur nicht“, erklärt er mir. S. versteht Religion als spirituelle Lehre, lebt in einer offenen Beziehung, trinkt Alkohol, isst Schweinfleisch. Mein Interesse am Islam schmeichelt ihm, zwischendurch fragt er grinsend, ob ich für den Verfassungsschutz arbeite. Als ich lachend verneine, flüstert er mir zu, dass vier seiner Studenten zum IS gegangen sind. Mit dem Islam habe das nichts zu tun, vielmehr sei das ein Ausdruck von Rebellion, jugendlicher Leichtsinn. S. liebt Berlin, denn Berlin bedeutet Freiheit. Jeder kann leben wie er will. Zudem schätzt er die „linken“ Strömungen in Deutschland, jene die sich für den Schutz der Muslime und ihrer Rechte einsetzen. „Es gibt einen Teil bei den Linken, die unterstützen Israel. Die stören mich. Israel und die USA sind der Grund für zunehmenden Rassismus gegenüber Muslimen.“ Und der Terror, will ich wissen, wie passt der zum Islam? Nein, der gehört da nicht dazu. Ob es für seine Studenten Konsequenzen gab, weiß ich nicht. Ob sie je zurückgekommen sind, auch nicht. Er fragt mich irgendwann mit vom Alkohol leicht betäubten Augen, ob ich noch mit zu ihm kommen möchte, er hätte Lust auf eine Nacht voller Spaß. Ich habe keine und verschwinde in die Dunkelheit der Nacht. Später empfiehlt mir S. noch sehr höflich, dass ich für Freundschaften lieber eine andere App benutzen sollte.

A. aus Dubai
A. ist Kunststudent aus Dubai und Atheist. Bei Bier und Zigaretten im hippen Neukölln reißen wir Witze über die Vorurteile gegenüber arabischen Männern. „Natürlich schlage ich dich, wenn du einen anderen Mann anschaust!“, witzelt A. Wir lachen, weil wir beide wissen, wie absurd das klingt. A. liebt sein Heimatland. „Warum lebst du dann hier?“, frage ich ihn. Weil es hier Kunst und Freiheit gibt, sagt er mir. In Dubai gäbe es keine Kunst. Und was ist mit den Frauenrechten? Findet er es nicht merkwürdig, dass in Dubai Frauen vorn im Bus sitzen und Männer hinten? Dazu schweigt er mich mit seinen schwarzen Augen an. Als ich ihn zwei Tage später frage, ob er mit mir zu einer pro-israelischen Demonstration gehen möchte, bricht er den Kontakt zu mir ab. Schade, er hatte einen großartigen Humor.

M. aus Dubai
Ein anderer Mann aus Dubai, M., möchte mit mir wenig über Politik diskutieren, dafür aber gerne mal nach Tel Aviv reisen. „Ich weiß, wir Araber haben ein Problem mit Israel“, stellt er ohne Umschweife fest. Seiner Ansicht nach hat kein arabisches Land die letzten 25 Jahre vernünftige Politik betrieben. M. habe es satt, deswegen sei er jetzt hier. Und natürlich auch wegen des Alkohols, denn den kann er in Dubai nicht so einfach trinken, fügt er schmunzelnd hinzu. M. ist seit einigen Monaten in Deutschland, arbeitet in einer großen Firma. Berlin allerdings sei nicht wirklich deutsch und das verwundere ihn. „Ich bin hierhergekommen, um Deutschland zu sehen, aber in Neukölln könnte man annehmen, ich wäre zuhause. Ich muss nach München fahren, um Deutschland zu sehen.“ Was er auch schätzt, ist die Möglichkeit ungezwungen Affären mit Frauen zu haben. „Beziehungen in meiner Heimat sind schwierig. Wenn du eine Frau entjungferst, musst du sie heiraten.“ Nach zwei Stunden schaut er mich verträumt an, verrät mir, dass er eigentlich keine One-Night-Stands suche, sondern ein nettes Mädchen, das bei ihm bleibt. Ich wünsche ihm Glück.

N. aus Tunesien
Die meisten Männer, die ich treffe, sind mit einem Visum nach Deutschland gekommen. Sie haben sich Studium und Sprache hart erarbeitet und hier Arbeit gefunden. Manche kritisieren die Aufnahme so vieler arabischer Zuwanderer. Andere kritisieren die Angst vor den Zuwanderern. „Wenn meine Landsmänner mich fragen, ob ich mit ihnen abends losziehen will, weil es da eine Bar gäbe, in der könne man wunderbar deutsche Frauen angrabschen, dann schäme ich mich, Tunesier zu sein“, sagt mir N., 29 Jahre und bald ein guter Freund von mir. Ich lerne ihn im Park kennen und wir diskutieren in der Folgezeit oft und gern miteinander, auch mit anderen Tunesiern. Einen frage ich, was genau das Problem mit den Arabern und Juden sei. „Niemand hasst Juden“, ist die Antwort, „es ist die Siedlungspolitik Israels, die wir nicht mögen. In Tunesien lebten wir immer Seite an Seite mit den Juden.“ Ein anderer Tunesier rät mir, das Thema Antisemitismus nicht mit Arabern zu diskutieren. „Die Juden sind unsere Cousins und Cousinen, aber Israel – das ist der Feind. In diesem Glauben wachsen wir in Tunesien auf.“ Und ein Land, was sich Judenstaat nennt, kenne keine Rechte.

R. aus Libyen
In einer Kreuzberger Bar lese ich R. aus Libyen auf. Er ist gläubiger Muslim und: wir können über alles reden, aber den Islam soll ich nicht kritisieren. In Libyen war es ähnlich wie in Syrien, erzählt R., als wir uns am Alexanderplatz auf einen Kaffee treffen. Gaddafi sei ein Diktator gewesen, aber solange man den Mund gehalten hat, konnte man gut in Libyen leben. Das sei jetzt nicht mehr möglich. R. berichtet mir von seinem Leben vor der Revolution. Er hatte ein eigenes Restaurant mit seinen Brüdern, es lief gut, er war glücklich. Doch dann sei alles zerstört worden. Er, der als Botschafterkind in der halben Welt lebte, entschied sich nach Berlin zu ziehen, innerhalb kürzester Zeit fließend Deutsch zu lernen und eine Ausbildung zu beginnen. Jetzt träumt R. von seinem eigenen Café, welches er eines Tages in Berlin aufmachen möchte. Und er betont: er habe nichts gegen Juden. Aber die Juden nehmen den Arabern nun mal das Land weg. „In Libyen waren sie auch, haben das Land aufgekauft. Du weißt schon, wie die Juden eben sind. Gaddafi hat sie vertrieben, aber er hat sie entschädigt“, erklärt er mir. Ich starre ihn an. Kein Wort über die Pogrome der arabischen Welt in den 1940er Jahren, der Vertreibung, Enteignung und Ermordung tausender Juden, der Deportation libyscher Juden in libysche Konzentrationslager. Als ich ihn damit konfrontiere, lehnt er sich zurück und sieht mich schweigend an. Zwischen uns herrscht eine Stimmung, die ganz klar besagt, dass wir diese Diskussion jetzt entweder beenden oder zum Streit ausarten lassen. Ich wechsle das Thema. „Sag mal, wie hat man Sex in Libyen, wenn jede Frau Jungfrau sein muss bei der Hochzeit?“ frage ich. R. lacht. „Das ist einfach. Da gibt es zwei Sorten von Frauen: die, die Analsex haben und die, die beim Arzt ihr Hymen wieder herstellen lassen. Ich habe zu lange außerhalb von Libyen gelebt, ich weiß, dass das dumm ist. Aber libysche Männer akzeptieren nur eine Jungfrau.“ R. will wissen, was ich darüber denke. In Deutschland kann jeder jeden lieben, sage ich. Ja, das findet er gut. Außer es lieben sich zwei Männer, das wäre gegen Gottes Wille. Gegen zwei sich liebende Frauen habe er nichts, dabei schmunzelt er so frech, dass ich einfach nur den Kopf schütteln muss. Ich glaube nicht, dass aus R. und mir was wird.

F. aus Syrien
Bald darauf treffe ich den Syrer F. Er berichtet mir von seinen letzten Dates mit deutschen Frauen, seinen Beziehungsversuchen und natürlich von der langen und qualvollen Flucht aus Syrien. Seine Fluchtgeschichte klingt leidvoll, er möchte nicht, dass ich ihm Fragen stelle. Nach einer Stunde erzählt er mir alles von selbst. Von der langen Fahrt im LKW, zwischen all den Menschen, dem Treiben im eiskalten Wasser und dem schrecklichen Durst. „Wie kannst du hier mit mir lachend sitzen und all dies vergessen?“, frage ich ihn. Er tätschelt mein Knie, raucht eine Zigarette nach der anderen und lacht. Nun, das Leben müsse weitergehen. Je mehr er lacht, desto mehr erscheint es mir wie ein Mantel des Schweigens, den er über seine Vergangenheit decken will. Wir sprechen über die syrische Revolution, die bei so vielen jungen Menschen Hoffnung weckte. „Das Leben unter Assad war ok, solange man nicht politisch war“, sagt F., „doch ich habe Assad gehasst. Jetzt liebe ich ihn und wünschte, es wäre wieder wie damals“. Er zieht an der nächsten Zigarette, schaut mich an: „Ich habe kein Land mehr.“ 
F. versucht Fuß zu fassen in Deutschland, er hatte auch eine deutsche Freundin. Als sie ihn ihren Eltern vorstellte, kommentierte der Vater: „Ich habe keine Zukunft in diesem Land.“ Ist Deutschland jetzt ein Land ohne Zukunft wegen Männern ohne Heimat? Warum viele Deutsche der Zuwanderung tausender Muslime kritisch gegenüberstehen, versteht F. nicht. Und wenn ich von Silvester in Köln oder zunehmendem Antisemitismus berichte, dann nickt er nur nachdenklich. „Das ist ein Problem der arabischen Welt, ja. Aber ich verstehe das Leiden Israels, ich habe selbst genug gelitten. Die Juden sollten in Frieden leben, denn das ist alles, was auch ich will.“ 

Der Saudi
Es wird endlich Frühling in Berlin und ich treffe einen Mann aus Saudi-Arabien zum Frühstück in Charlottenburg. Er ist geschieden, da ihn die von seinen Eltern arrangierte Ehe nicht glücklich gemacht hat. Seine Frau ist mit dem gemeinsamen Sohn in Saudi Arabien geblieben. Jetzt sucht er eine europäische Frau, denn die saudischen seien zu unselbstständig. „Die können noch nicht einmal um die Ecke gehen und im Supermarkt Bananen kaufen!“ Als ich anmerke, dass es wohl die saudische Gesellschaft ist, die Frauen zu dieser Unselbstständigkeit erzieht, da es Frauen dort nicht erlaubt ist, auch nur einen Schritt ohne männliche Begleitung zu unternehmen, nickt er zustimmend – denn das sei das Gute an Europa. Hier sind die Frauen selbstständig. Ich bin mir nicht sicher, ob er die Ursache – Wirkung tatsächlich verstanden hat. Ich frage ihn, wie er zu den praktisch nicht existenten Frauenrechten in Saudi-Arabien steht. Er schaut mich an, lächelt wie ein kleiner Junge und sagt „Schau mal, Frauen und Männer sind wie Äpfel und Birnen, was nicht gleich ist, kann keine gleichen Rechte haben.“ Als ich einem anderen arabischen Mann die Idee von der Gleichberechtigung nahe bringen will, erklärt er mir, dass Mann und Frau nicht gleich sind, sondern sich ergänzen. Der Mann, der die Frau zu versorgen hat, kann daher auch mehrere Frauen haben. Wenn eine Frau aber bereits versorgt ist, wozu braucht sie dann mehr als einen Mann? 

Polygamie und Tunesien
Während des Sommers verbringe ich viele Abende mit den tunesischen Männern. Wir kochen gemeinsam, rauchen Wasserpfeife und diskutieren. Ein Thema, was dabei immer wieder aufkommt, ist die Polygamie. Die Grenzen zwischen Spaß und Ernst sind fließend. In Tunesien ist Polygamie zum Beispiel verboten, man kann dafür aber nach Algerien fliegen. So berichtet mir ein Tunesier von einem entfernten Onkel, der das so gemacht habe. Er habe in Algerien eine zweite Frau geheiratet, mit ihr genauso viele Kinder wie mit der ersten bekommen und alle hatten den gleichen Namen. Er hatte also zweimal die gleiche Familie in zwei Ländern. „Ihr Araber seid schrecklich“ schimpfe ich, „euch kann man niemals trauen.“ 
„Doch, es gibt kein vertrauensseligeres Volk als die Araber. Aber wir werden nie versprechen treu zu sein“, scherzt einer. Ich sollte einen arabischen Mann heiraten, finden die Tunesier. Ich nenne die Bedingungen: „Klug“- ja, „Liest Bücher“- ja, „hat einen Job“ – ja, „Mag Israel“ – nein unmöglich, denn als Araber möge man Juden, aber Israel möge man nie. Sie laden mich ein, nach Tunesien zu kommen, mich davon zu überzeugen, dass es ein freies Land sei, in dem auch die Frauen gleichberechtigt sind. Aber als Frau allein könne ich wirklich nicht kommen, ich müsse schon einen männlichen Begleiter mitbringen, zum Beispiel einen Bruder. Sonst wäre alles zu kompliziert.

H. aus Pakistan
Zur Abwechslung von der arabischen Männerwelt, verabrede ich mich mit dem Pakistani H.. H. trinkt keinen Alkohol, raucht nicht, isst kein Schweinfleisch und seine Art, mit mir zu reden, hat etwas sehr Lehrhaftes. In Pakistan war H. Polizist und kämpfte gegen Terrorismus, bevor er für die Königsfamilie in Dubai arbeitete. Nach Deutschland kam er wegen einer Frau. Einer Deutschen, die ihn verlassen hat, weil ihr Vater drohte sie zu enterben, wenn sie einen Moslem heirate. H. ist zudem sehr gläubig. Er trägt eine Kette um den Hals mit der Aufschrift: „Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet“. Einst schenkte er sie seiner deutschen Freundin, verlangte sie nach der Trennung jedoch zurück, so erzählt er mir. Ist Christentum für ihn ein Problem, frage ich. Nein, Islam und Christentum das ginge Hand in Hand, versichert er mir. Denn: „Auch Mohammed der Prophet habe zwei Christinnen geheiratet, das ist kein Problem im Islam. Schöner wäre es trotzdem, wenn seine Frau religiös sei. Später möchte ich meinen Lippenstift nachtragen, den nimmt er mir weg - Frauen sollten sich nicht so stark schminken, schimpft er mit einem Augenzwinkern. Ich finde das nicht lustig und bekomme schlechte Laune. Ich widerspreche ihm unentwegt und das gefällt ihm nicht. Als ich nicht aufhöre, nimmt er das Eis weg, was er mir eben gekauft hat. Ich entgegne ihm, er kann das Eis gern behalten, aber er lacht nur, wechselt das Thema und gibt es mir wieder, „Lass uns nicht diskutieren!“, sagt er. H. möchte ich nicht wiedertreffen.

I. aus Tunesien
Am häufigsten treffe ich I. Mit seiner Klugheit und Sanftmut, seiner Höflichkeit und Großzügigkeit ist er ein idealer Gesprächspartner, und bald beginne ich ihn als guten Freund zu empfinden. Aber I. möchte mehr. Er bittet mich, seine Zweitfrau zu werden. (…)

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