April 5, 2019 – 29 Adar II 5779
Mein bewegtes Jahr in Israel

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Eine Abiturientin aus einer bayerischen Bauernfamilie berichtet von ihren positiven Erlebnissen während und ihrer Motivation für den Freiwilligendienst im jüdischen Staat 

Von Daniela Stemmer

Meine Geschichte mit Israel begann mit einem Austauschprojekt an meiner Schule: Daran nahmen die Bigbands meines Gymnasiums in Augsburg und die Highschool des Kibbuz Ma‘agan Micha‘el teil.

Dort habe ich zum ersten Mal junge Israelis in meinem Alter getroffen. Im Juli 2015 kamen sie für eine Woche nach Augsburg. Wir sprachen damals alle kein besonders gutes Englisch, aber die Musik hat uns sofort verbunden. Wir haben uns alle gegenseitig sehr schnell ins Herz geschlossen und eine wunderschöne Zeit zusammen verbracht. Nach sehr langem Warten durften wir im März 2016 dann endlich nach Israel fliegen. Wir wohnten eine Woche lang bei Gastfamilien und gingen im Kibbuz zur Schule. Ich sage spaßeshalber immer, dass ich mich zuerst in die Israelis und dann in das Land Israel verliebt habe. Die Freundschaften halten bis heute.

Meine israelischen Freunde haben mir gezeigt, dass Antisemitismus und Judenhass leider nicht der Vergangenheit angehören, sondern vor allem jetzt gerade in Europa wieder stärker werden. Früher war ich dafür blind. Auch in unserer „Friedensstadt“ Augsburg sind Hakenkreuz-Schmierereien an Hauswänden zu finden. Man sieht sie allerdings nur dann, wenn man darauf achtet. Wenn man es nicht sehen möchte, dann sieht man es auch nicht.

Ich war nach diesem Austausch fest entschlossen, dass wenn ich eine Auszeit nach der Schule nehme, dies nur in Israel machen werden und mit Überlebenden des Holocausts zusammenarbeiten möchte.

Ich habe bald darauf angefangen zu recherchieren und bin im Internet schließlich auf die Organisation ,,Aktion Sühnezeichen Friedendienste‘‘ gestoßen. Da ASF die einzige deutsche Organisation ist, die auf diesem Gebiet tätig ist, habe ich mich dort beworben.

Nun wundern sich viele, warum ein 18-jähriges Mädchen aus Deutschland so sehr für den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg interessiert. Ich wurde auch schon gefragt, ob ich einen Schuldkomplex habe, da ich bei einer Organisation, die das Wort „Sühnezeichen“ im Namen trägt, einen Freiwilligendienst leiste.

Das ist doch ein alter Hut, mehr als 70 Jahre sind schon vergangen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, es muss doch mal Schluss sein!“, denken viele, „und überhaupt – fahren junge Leute heutzutage doch sowieso nach Australien oder Afrika.‘‘ Was also habe ich in Israel verloren?

Fünf tote Wehrmachtssoldaten

Alle Freiwilligen von ASF gehen mit unterschiedlichen Motivationen an einen Freiwilligendienst, bei manchen ist es der Wunsch etwas Neues kennenzulernen und mal ein Jahr von Zuhause weg zu sein, bei anderen – wie in meinem Fall – ist es eine persönliche Geschichte.

In meiner Familie ist der Zweite Weltkrieg immer noch ein sehr präsentes Thema.

Meine Eltern sind Landwirte, wie auch schon meine Großeltern und Urgroßeltern. Ich bin auf dem Hof aufgewachsen, auf dem meine Familie schon seit Generationen lebt, in dem Haus, das mein Großvater gebaut hat. Meine Großeltern mütterlicherseits habe ich selbst aber nie kennengelernt, da sie schon lange vor meiner Geburt verstorben sind. Nur die jüngsten Geschwister meines Großvaters lernte ich noch kennen, sie waren für mich eine Art Ersatzgroßeltern. Alle fünf Brüder meines Großvaters wurden im Zweiten Weltkrieg zur Wehrmacht eingezogen, doch nur der Jüngste, mein Großonkel Christoph, überlebte als schwer Kriegsversehrter. Einer seiner Brüder, Martin, ein Unteroffizier, wurde am 29. Januar 1945 in Polen noch von der SS wegen „Fahnenflucht“ erschossen. Meine Mutter hat meinen ältesten Bruder nach ihm benannt.

Niemand in meiner Familie war Mitglied der NSDAP, wir hatten jüdische Freunde, von denen die meisten im Konzentrationslager Dachau ermordet wurden. Ich weiß, dass der letzte Holocaustüberlebende meine Familie besuchte, als ich noch ein Baby war. Auch meine Großmutter väterlicherseits erzählte mir oft vom Krieg. Mein Großonkel konnte nicht darüber sprechen, denn er hat sein Kriegstrauma nie überwunden – er ist inzwischen auch schon verstorben. Dafür aber halte ich Kontakt mit seinem besten Freund und damaligen Kameraden Martin Ochs. Sein Vater war damals der einzige Landwirt auf dem Dorf, der sich geweigert hat die Nazi-Flagge zu hissen. Für ihn ist es sehr wichtig zu berichten, was damals war, seine Erlebnisse aus dem Krieg hat er in einem Buch niedergeschrieben und mir gegeben. Als ich ihm von „Aktion Sühnezeichen“ erzählte, war er sehr berührt und sagte „Oh wie soll man denn das nur wiedergutmachen, was wir damals angerichtet haben.“

Es ist mir ein großes Anliegen die Geschichten weiterzutragen und das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.


Verwandte wurden Opfer der Mudschaheddin in Afghanistan

Und dann gibt es noch Ruth und Rolf Truxa, ein Lehrerehepaar aus der Verwandtschaft meiner Mutter, das in der deutschen Schule in Kabul unterrichtete. Im September 1979, vor dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan, wurden sie von Mudschaheddin erschossen, da man sie für sowjetische Spione hielt.

Wegen dieser Ereignisse und der Geschichte meiner Familie fühle ich mich oft den jungen Israelis viel näher als gleichaltrigen Deutschen.

Jetzt lebe ich in Jerusalem und arbeite dort in einem Kombiprojekt. Mein Hauptprojekt ist das Beit Ben-Yehuda und ansonsten bin ich bei Irgun Jozeij Merkas Europa Jerusalem, einer Organisation für aus Mitteleuropa stammende Israelis.

Das Beit Ben-Yehuda ist die Landeszentrale von ASF in Israel, dort bin ich hauptsächlich im Büro beschäftigt, mache Öffentlichkeitsarbeit und helfe bei der Organisation von Veranstaltungen.

Der Alltag bei der ASF

Im Rahmen von Irgun besuche ich jede Woche vier Senioren, drei Frauen und einen Mann. Sie alle sind deutschsprachige Jeckes im Alter von 85 bis fast 98 Jahren mit sehr besonderen Lebensläufen. Bei ihnen zu Hause sitzen wir dann meistens bei Kaffee und Tee und unterhalten uns. Es gibt keine Tabuthemen, doch es geht nicht immer nur um den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Wir reden über alles Mögliche, von alten Filmen, Musik, Politik, über vergangene Liebesgeschichten und das Wetter. Keiner der Menschen, die ich besuche, war in einem Konzentrationslager inhaftiert. Jedoch mussten sie fliehen und manche haben ihre gesamte Familie und viele Freunde in der Schoah verloren.

Dr. Uri Lovental ist mit 85 Jahren der Jüngste, sein Großvater war der angesehenste Arzt Braunschweigs und floh bereits mit der ganzen Familie 1935 ins britische Mandatsgebiet Palästina. Uri wuchs in einem deutschen Kibbuz auf und war Pilot in der israelischen Armee. Ein Absturz, den er schwerstverletzt überlebte, machte ihn berühmt in ganz Israel. Ein christlicher Araber rettete ihm das Leben, da er ihn als Erster fand und Erste Hilfe leistete. Sie blieben ein Leben lang Freunde. Später arbeitete er als Arzt und Psychoanalytiker in der Psychatrie.

Marianne Karmon wurde in Berlin geboren und ist mit fast 98 Jahren die älteste Frau, die ich je kennengelernt habe. Sie reiste viel in ihrem Leben und setzte sich schon in den 1960er Jahren für den Austausch zwischen Deutschen und Israelis ein, wofür sie zweimal das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam.

Eine andere Frau, Heddy, kam aus Czernowitz in der heutigen Ukraine. Sie überlebte den Holocaust in Rumänien. Bevor sie mit ihrem Mann 1949 nach Israel einreisen konnte, musste sie zwei Jahre lang in einem Flüchtlingslager auf Zypern ausharren.

Judith wurde in Frankfurt geboren und floh 1939 mit der zionistischen Jugend nach Britisch-Palästina und lebte dort in einem Kibbuz. Sie war in der britischen Armee und später Soldatin in der IDF.

Wegen dieser unterschiedlichen Lebensgeschichten geht der Gesprächsstoff natürlich nie aus.

Ich habe immer das Gefühl aus ihren Geschichten lernen zu können. Selbstverständlich spreche ich mit allen ausschließlich deutsch.

Ich wurde in Israel bis jetzt immer und überall äußerst herzlich empfangen, nie bin ich als Deutsche auf Ablehnung gestoßen. Im Gegenteil – die Menschen freuen sich sehr über das Engagement von uns Freiwilligen.

Für mich selbst ist Israel inzwischen zu einer zweiten Heimat geworden. Der Staat Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten und das Existenzrecht Israels ist für mich indiskutabel. Ich bin Zionistin und auch vor einem Jahr der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Augsburg beigetreten, um mich stärker zu engagieren. Hinzu kommt, dass fast alle meine israelischen Freunde und ehemaligen Austauschpartner mittlerweile in der IDF dienen. Das alles macht mir klar, wie vielschichtig und kompliziert der Konflikt zwischen Israel und den Arabern ist. Doch es geht auch friedlich – in meinem Hauptprojekt z.B., dem Beit Ben-Yehuda arbeiten wir alle – Juden, Araber und wir Freiwillige – als Team hervorragend zusammen.

Bei einem Länderseminar der ASF-Freiwilligen gab es einen Musikworkshop mit dem populären israelischen Sänger Hanan Yuvel, der unter anderem auch ein Bekannter des israelischen Präsidenten Rivlin ist.

Dort präsentierte er den Freiwilligen die unterschiedlichen Einflüsse der Musik in der israelischen Gesellschaft. Er war außerordentlich überrascht davon, dass er von der Arbeit, die „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ im Land leistet, noch nichts mitbekommen hatte. Er meinte, dass solch eine Arbeit doch unbedingt geehrt werden müsse. Hanan Yuvel war dann derjenige, der die Initiative ergriff, zusammen mit unserem Landesbeauftragten von ASF einen Brief an den Präsidenten zu schreiben.

Brief an Präsident Rivlin

Als wir schließlich nach einem Termin für eine Begegnung suchten, erschien uns der internationale Holocaustgedenktag am 27. Januar passend.

Wir Deutschen haben den Zweiten Weltkrieg begonnen und schon damit mehr als andere

unmessbares Leiden der Menschheit verschuldet; Deutsche haben in frevlerischem Aufstand gegen Gott Millionen von Juden umgebracht. Wer von uns Überlebenden das nicht gewollt hat, der hat nicht genug getan, es zu verhindern (…).

Des zum Zeichen bitten wir die Völker, die Gewalt von uns erlitten haben, dass sie uns

erlauben, mit unseren Händen und mit unseren Mitteln in ihrem Land etwas Gutes zu tun.“

Dieses Zitat ist von Lothar Kreyssig und stammt aus dem Gründungsaufruf von der ASF.

Auch heute, 70 Jahre später, fasst dieses Zitat die Motivation von ASF noch sehr gut zusammen.

Mit diesem Satz begann unsere Eröffnungsrede am Internationalen Holocaustgedenktag bei Präsident Rivlin, die ich zusammen mit meiner Mitfreiwilligen Annika Finken im Namen von ASF halten durfte.

Wir erzählten von der Gründung von ASF und unserer Motivation, den Friedensdienst zu leisten und von besonderen Erlebnissen in unserem Alltag mit den Holocaustüberlebenden.

Wir stehen auch heute noch für Verantwortung ein und wollen mit unseren Aktionen ein Zeichen setzen.

Wir Jungen sind eine neue Generation. Wir haben keine Schuld daran, was vor über 70 Jahren geschehen ist. Es ist jedoch unsere Pflicht dafür zu sorgen, dass es nicht in Vergessenheit gerät und nie wieder geschieht.

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