Die Unwählbarkeit der Hillary Clinton  

Von Attila Teri

„Du bist ein rechtsradikaler Nazi!“, „Du bist ein naiver, linker Gutmensch!“ – mit diesen oder ähnlichen Vorwürfen muss ich mich schon länger herumschlagen, je nachdem, welchem Lager ich auf die Füße trete und so habe ich mich inzwischen notgedrungen an die Einsamkeit in der Mitte gewöhnt. Doch was ich in den letzten Monaten wegen der US-Wahlen miterleben musste, hat ungeahnte Qualitäten erreicht und meinen Eindruck verfestigt, zwischen allen Stühlen zu sitzen, wenn ich nicht bereit bin mit dem Rudel zu heulen – mit welchem auch immer. Dabei betrachte ich lediglich die Geschehnisse als Vertreter einer scheinbar aussterbenden, liberalen Spezies – auch den Erfolg von Donald Trump. Ich erlebte die letzten Jahre des Kalten Krieges als Mitarbeiter der ungarischen Abteilung von „Radio Freies Europa“, in meiner Eigenschaft als „Propagandist der bösen, amerikanischen Imperialisten“. Dabei fällt mir gerade ein, es gab auch eine armenische Abteilung. Frage an Radio Jeriwan: „Macht die Wahl Trumps auch Sie krank? Antwort: Im Prinzip ja, aber noch mehr die Reaktionen darauf!“ Besser könnte ich meine gegenwärtige Gefühlslage kaum beschreiben.

Die Hetzjagd auf diesen zweifellos umstrittenen, selbstverliebten, stillosen und populistischen Unsympath widert mich genauso an wie die, in meinen Augen völlig ungerechtfertigten Huldigungen der Hillary Clinton. Für mich stand seit Monaten fest, dass es eigentlich eine Wahl zwischen Pest und Cholera ist. Beide Krankheiten sind bekanntlich bei rechtzeitiger Erkennung und richtiger Behandlung heilbar, können aber auch einen tödlichen Verlauf nehmen. Meiner irrelevanten und bescheidenen Meinung nach, wäre Michael Bloomberg der einzig geeignete Kandidat gewesen. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, erwiesenermaßen fähiger Politiker, aber vor allem, unabhängig vom verhassten Establishment und von fremdem Geld.

Dass ich nicht ganz allein mit meiner These dastehe, bestätigte ein Amerikaner, den ich vor wenigen Tagen zufällig an einer Bar in München traf. Er vereint so ziemlich alles, was dieses immer noch großartige Land ausmacht. Sein Vater ist Inder, seine Mutter in zweiter Generation Russin und er ein waschechter „Chicagoans“, wie die Einwohner der „Windy City“ am Michigansee genannt werden. Der studierte Mitdreißiger ist viel in der Welt herumgekommen und wie sich herausstellte überaus gut informiert – über die Grenzen hinaus, womit er zu einer Minderheit im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ gehört. Als ich ihm von „meinem Kandidaten“ erzählt habe, war er hellauf begeistert und meinte „Du bist mein Mann! Bloomberg hätte die Wahl mit geschlossenen Augen haushoch gewonnen. Aber leider haben seine Berater ihm eingeredet, dass er als unabhängiger Bewerber keine Chance hätte. Was für Vollidioten!“

Wegen fehlender Alternativen wählte mein neugewonnener Freund Trump, da er Hillary am liebsten auf den Mond schießen würde. Wie die meisten der Trump-Wähler, die keinesfalls aus purer Überzeugung, sondern aus Not ihre Stimme für den „Hassprediger“, wie ihn „liebevoll“ und sehr diplomatisch unser bisheriger Außenminister und baldiger Bundespräsident nannte, abgegeben haben. Am besten widerspiegelt diese Stimmung der Spruch eines Farmers. „Ich hätte auch Donald Duck gewählt, um Hillary zu verhindern.“ Der gute Mann war übrigens sein Leben lang Demokrat.

Wie auch immer, jetzt haben wir den Salat, ob wir Veganer oder Steakliebhaber sind. Ergo, entweder essen wir ihn oder verhungern. Meinerseits halte ich vom Letzteren herzlich wenig. Also versuche ich die ganze Angelegenheit objektiv zu beurteilen – im Gegensatz zu vielen meinen mehr oder weniger ehrenwerten Journalistenkollegen ohne Vorurteile. Es kommt mir so vor, als ob man ihnen bis heute nicht Bescheid gegeben hätte, dass die Wahl vorbei ist und sie mit ihrem Wahlkampf für oder gegen Trump aufhören können, da sie schon nicht kapiert haben, dass sie nicht mitwählen dürfen. Mit halbwegs ausgewogener Berichterstattung haben nur die wenigsten Artikel und Kommentare zu tun, wie ich es bei einem ausgiebigen Streifzug durch die deutsche Presselandschaft feststellen durfte. Drei kleine Beispiele:

„Die Wahl Donald Trumps ist das Ende des Westens“, lautet die Überschrift bei einem Facebook-Post meines „Lieblings-Israel-Mobbers“ Jakob Augstein. Für ihn steht fest: „Nach dem Versagen der liberalen Demokratie blüht uns nun ein autoritäres Zeitalter. Trump, Putin, Erdogan, Netanyahu, bald Le Pen – diese Leute werden sich alle gut verstehen.“ Was der Ministerpräsident der einzigen Demokratie des Nahen Ostens auf dieser Liste verloren hat, bleibt sein Geheimnis. Offensichtlich ist nur, dass er nicht mal in diesem Zusammenhang darauf verzichten kann/will, Israel zu diffamieren.

„Trump wird Hass liefern – Der Republikaner Donald Trump wird der neue Präsident der USA. Die Wahl des Antidemokraten ist eine unüberhörbare Warnung an die Welt.“ – titelt die „taz“. Weiter heißt es: „Rassismus und Hass werden als Ersatz für das Einhalten von Versprechungen herhalten müssen.“

Aber der ungekrönte König unter den weltuntergangsbeschwörenden Kollegen ist für mich Carsten Luther von „Zeit Online“: „Ein totalitärer Blender und betrügerischer Dilettant hat es geschafft sich ins Weiße Haus wählen zu lassen. Donald Trump ist ein epochales Desaster, das nicht nur dieses große Land und seine Demokratie auf Jahre hinaus verändern wird...Verdammt, sie hatten nur einen Job: diesen Mann zu verhindern!“

Ich überlege gerade, wie er wohl über John F. Kennedys oder Bill Clintons Abenteuer geschrieben hätte. Wahrscheinlich gar nicht. Dafür umso mehr 1980 über einen bestimmten amerikanischen Filmschauspieler. Vermutlich hätte er damals gefragt, wie es sein könne, dass ein zweitklassiger B-Movie-Star und abgetakelter Westernheld ins Weiße Haus zieht. Nicht wenige seiner Kollegen von der „linken“ Presse betitelten Ronald Reagan so oder so ähnlich am Anfang seiner Präsidentschaft. Aus heutiger Sicht gilt er als einer der besten Präsidenten der Vereinigten Staaten, der entscheidend zum Ende des Kalten Krieges beigetragen hat, um nur einen seiner Erfolge hier anzufügen. Nun, ich bin kein Hellseher und werde es somit tunlichst vermeiden, irgendwelche Prognosen über die bevorstehende Amtszeit von Donald Trump zu wagen. Wir werden es früh genug erfahren, ob er die Welt in Schutt und Asche legt – wie es seine Gegner lauthals prophezeien – oder als Heilsbringer für eine glorreiche neue Zeit sorgt – wie es seine unerschrockenen und begeisterten Fans überschwänglich versprechen. Ich gebe ihm einfach eine Chance und werde ihn weder verherrlichen noch verteufeln. Und das tue ich sicher nicht aus Opportunismus. Ich vertraue schlicht und ergreifend der amerikanischen Demokratie, die bewusst und freiwillig die Gründungsväter als politisches System implementiert haben. Sie funktioniert nun schon 240 Jahre und wurde vom amerikanischen Volk gar in den größten Krisen des Landes ohne Wenn und Aber mitgetragen. Sie wird auch Trump überleben.

Meine Sorge gilt daher erheblich mehr Deutschland, mit gerade mal 70 Jahren demokratischer Tradition (bzw. etwas mehr als 80 Jahren, wenn man das kurze Intermezzo der Weimarer Republik hinzuzählt). Umso mehr, wenn ich mir zu Gemüte führe, dass diese Staatsform bei der Gründung der Bundesrepublik von den alliierten Siegermächten dem Land aufgezwungen wurde, während im östlichen Teil lediglich die Nazisymbole denen der glorreichen Sowjetunion weichen mussten und sonst alles mehr oder minder beim Alten blieb. Eine Diktatur ersetzte eine andere, und das war es.

In Ost wie in West mussten sich die Menschen kaum Gedanken über ihre Zukunft machen. Im Arbeiter- und Bauernstaat nahm ihnen die Partei das Denken ab und in der Bundesrepublik garantierten die Alliierten die Freiheit. Genaugenommen ist Deutschland eigentlich erst seit der Wende und der Wiedervereinigung ein unabhängiges Land, das tun und lassen kann, was es möchte. Und was macht das Volk mit dieser Freiheit? Bei der ersten wirklichen Krise pöbeln Linke wie Rechte und unternehmen alles, um sie zu zerstören. Wenn ihnen das geliebte Vaterland tatsächlich am Herzen liegt, sollten sie sich eher darüber Gedanken machen, wie die geschenkte Demokratie in Deutschland erhalten bleibt, statt über die USA herzuziehen und jeden plattzumachen, der ihrer Meinung widerspricht!

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