Der „Antizionismus“ wird heute ebenso verharmlost wie der Antisemitismus im Kaiserreich  

Von Gerd Buurmann

Laut einer im Juli 2016 veröffentlichen Studie der Freien Universität Berlin ist Judenfeindlichkeit unter Linksextremen in Deutschland weit verbreitet. Laut der Untersuchung stimmen 34 Prozent der von den Wissenschaftlern zuvor als Linksextremisten eingestuften Personen der Behauptung zu, Juden hätten in Deutschland „zu viel Einfluss“. Unter Personen, die als Linksradikale eingestuft wurden, waren es noch 16 Prozent. Auch über alle politischen Einstellungen hinweg habe die Zustimmung zu dieser Aussage mit 10 Prozent im Vergleich recht hoch gelegen. Der Behauptung, Juden seien „geld- und raffgierig“ stimmten 13 Prozent der Linksradikalen und 34 Prozent der Linksextremen zu.

Die Studie macht ebenfalls sichtbar, dass ein Teil der sich als äußerst rechts bezeichnenden Personen einige linksextreme Einstellungen übernimmt und mit anderen – tradierten rechten – Anschauungen kombiniert. Die Verharmlosung des linken Judenhasses ist weit verbreitet. Kaum jemand weiß, dass der Begriff „Antisemitismus“ von einem linken Politiker erfunden wurde, um Judenhass zu rechtfertigen.

Bevor das Wort Antisemitismus auftauchte, sprach man von Antijudaismus. Der Hass auf Juden wurde in Europa lange von Christen geprägt. Sie nannten Juden Kindermörder, verfolgten sie und griffen ihre Synagogen an. Einer der bekanntesten Einpeitscher des Antijudaismus‘ war Martin Luther. In seiner Abhandlung „Über die Jüden und ihre Lügen“ erklärte er:

„Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen.“

In seinem „Handbuch über die Judenfrage“ forderte er:

„Ich will meinen treuen Rat geben. Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich …“

Mit der Aufklärung nahm der christliche Antijudaismus ab. Seinen Platz nahm der Antisemitismus ein. Antisemiten erklärten Juden zu einer minderwertigen Rasse, nannten Juden Kindermörder, verfolgen und ermordeten sie und griffen ihre Synagogen an.

Die Ideologie des Antisemitismus‘ geht auf den Journalisten Wilhelm Marr (1819-1904) zurück. Er gehörte dem extrem linken Flügel der radikal-demokratischen Partei um 1848 an und war erklärter Atheist. Wilhelm Maar war links, demokratisch und er hasste Juden!

In Maars linker Überzeugung waren die Juden schuld am Liberalismus, weil sie sich den jüdisch konnotierten Kapitalinteressen verschrieben hätten. In Berlin erschien im Februar 1879 seine Propagandaschrift „Der Sieg des Germanenthums über das Judenthum – Vom nichtconfessionellen Standpunkt aus betrachtet“, die noch im selben Jahr zwölf Auflagen erlebte. In dieser Schrift grenzt sich Marr deutlich von der traditionellen religiösen Judenfeindschaft ab und behauptet stattdessen, dass die Juden eine fremde Rasse von „Parasiten“ seien, die erfolgreich die Ausbeutung Deutschlands betreiben. Diesen Paradigmenwechsel von Religion zu Rasse verdeutlichte er durch die Benutzung des Begriffs „Antisemitismus“. Marr prägte wesentliche Klischees und Schlagworte. Er legte 1880 mit seiner Schrift „Goldene Ratten und rothe Mäuse“ die Basis für die verschwörungstheoretische Gleichsetzung von Judentum, Kapitalismus und Kommunismus, wie sie später Adolf Hitler in „Mein Kampf“ vertrat.

Wilhelm Marr gehört zu jenen aufgeklärten Demokraten, die zwar auf Gott und den König verzichten konnten, nicht aber auf den Judenhass. Mit pseudo-wissenschaftlicher Akribie wurde der Judenhass intellektuell rehabilitiert und dabei brutalisiert. War es bei dem religiösen Judenhass noch möglich, dass ein Jude Christ werden konnte, um der Verfolgung zu entgehen, war der Jude für den Antisemiten ein ewiger Jude und dadurch nur noch durch die physische Vernichtung zu entfernen.

Als der Antisemitismus aufkam, kannten viele Menschen nur den klassischen Antijudaismus. Sie sahen den Antijudaismus nicht mehr als große Gefahr an. Das Christentum hatte schließlich seine absolute Macht eingebüßt und in Deutschland wurden Juden sogar Ende des 19. Jahrhunderts vollwertige Bürger des deutschen Kaiserreiches. Der Antisemitismus konnte wüten, weil er fahrlässig unterschätzt wurde.

Unterschätzt wird heute die neue Form des Judenhasses. Es ist der Antizionismus! Antizionisten erklären Juden zu einem Volk, das nichts aus dem Holocaust gelernt haben soll. Antizionisten nennen Juden „Kindermörder“, verfolgen und ermorden sie und greifen ihre Synagogen an. Antizionismus ist der Hass auf das Judentum als Nation. Wieder findet sich dieser neu definierte alte Hass auf Juden besonders in linken Kreisen. Wieder wird dieser Hass maßlos unterschätzt!

Die hysterische Kritik an Israel ist nichts weiter als blanker Judenhass, weil an Israel kritisiert wird, was bei allen anderen Ländern der Welt ignoriert wird. Israel wurde von den Vereinten Nationen öfter mit kritischen Resolutionen bedacht, als alle anderen Nationen zusammen. Israel ist für viele der Jude unter den Staaten. Sie hassen Israel nicht aufgrund eines bestimmten Handels, sondern weil Israel überhaupt handeln kann, egal wie! Es ist die pure Existenz Israels, die nicht erwünscht ist.

So wie der Antijudaismus einst von Christen ausging, so hat der Antizionismus heute in der muslimischen Gemeinschaft einen willigen Vollstrecker. Die muslimische Hamas zum Beispiel hat nicht nur einen Hass auf Israel, sondern fordert zudem die Vernichtung aller Juden weltweit. Die Hamas peitscht ihre Feinde ein und schießt seit Jahren immer wieder und oft täglich tausende Raketen in Richtung Israel ab, um so viele Kinder, Frauen, Zivilisten, Schulen, Hospitäler, Atomkraftwerke und Heime wie möglich zu treffen. Statt aber Israels Recht auf Selbstverteidigung zu verteidigen, wird von vielen Leuten erwartet, Israel solle mit den Judenhassern verhandeln. Wie aber verhandelt man mit einer Terrororganisation, die alle Juden vernichten will? Soll Israel dieser Organisation etwa auf halbem Weg entgegenkommen?

Israel muss jeden Krieg gewinnen! Nach zehn Kriegen muss es 10:0 stehen. Ein 9:1 ist nicht möglich. Ein einziger verlorener Krieg bedeutet, dass Israel nicht mehr existiert. Israel lebt seit seiner Gründung in einer permanenten Sudden-Death-Situation. Der Gegner kann ruhig einen Krieg nach dem anderen verlieren; Israel aber muss jeden Krieg gewinnen. Israel hat daher kein Interesse an einen Krieg. Israel ist eine marktwirtschaftliche Demokratie und wäre lieber von Geschäftspartner umgeben als von Feinden.

Der Antizionismus blendet das alles aus. Der Antizionismus wird in Deutschland so fahrlässig unterschätzt wie einst der Antisemitismus. Der Antijudaismus hatte einst mit Luther seinen bedeutendsten deutschsprachigen Unterstützer. Der Antisemitismus hatte in Hitler seinen besten Verbündeten. Heute wütet der Antizionismus. Wie wird sich Deutschland wohl diesmal entscheiden? Diether Dehm von der Partei „Die Linke“ hat sich bereits entschieden und trumpft mit dieser Definition von Antisemitismus auf:

„Der Antisemitismus wurde das, was er wirklich ist: Eine massenmordende Bestie. Und deswegen dürfen wir nicht zulassen, dass man den Begriff des Antisemitismus für Alles und Jeden inflationiert. Antisemitismus, das ist Massenmord! Und es gibt überhaupt keinen Anlass, wenn mein Kollege und Freund Rolf Becker hier spricht, wenn von irgendeiner Seite dazwischengepöbelt wird Antisemitismus. Antisemitismus ist Massenmord und muss dem Massenmord vorbehalten bleiben!“

In Deutschland beginnt Antisemitismus laut Diether Dehm also erst mit der Vergasung von 6 Millionen Juden. Alles darunter ist vermutlich eine Ordnungswidrigkeit! Der Antizionismus wird heute so verharmlost wie einst der Antisemitismus. Manch einer fordert sogar einen „unverkrampften Umgang mit Israel“.

Noch unverkrampfter? Israel ist in Deutschland das am meisten kritisierte Land. Kritik an Israel ist in Deutschland nicht nur möglich, sondern Mainstream. 65 % sind laut einer durch die WELT am 4. November 2003 veröffentlichen Umfrage der EU der Meinung, dass Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden darstelle. 65 % in Europa finden Israel somit bedrohlicher als sämtliche national-islamistischen Diktaturen.

Im Jahr 2004 stimmten bei einer Umfrage der Landeszentrale für politische Bildung 38,4 % der in Deutschland Befragten der Aussage zu: „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat.“ Wieviel unverkrampfter soll es denn bitte noch werden? Wenn das die deutsche Verkrampfung ist, was passiert dann erst, wenn sich die Deutschen lockermachen? (…)

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben

Email This Page