Mai 11, 2016 – 3 Iyyar 5776
Linker Antisemitismus am 1. Mai in Kreuzberg

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Betrachtungen eines jüdischen Sozialdemokraten  

Von Michael Groys

Zu Beginn meiner politischen Sozialisation konnte ich nicht verstehen, wie es angehen kann, dass „linke“ Menschen Antisemiten sein können, da in einer sozialistischen Welt beziehungsweise Utopie alle Menschen gleichwertig sind und auch jedes einzelne Individuum unabhängig seiner Herkunft, Hautfarbe und Religion respektiert wird. In diesem Punkt werden sich vermutlich alle „linken“ Theoretiker einig sein – umso weniger in dem Weg zu diesem Ziel.

Mit der Zeit begann ich aber zu begreifen, dass zwar alle gleich sind, aber die Juden eben etwas ungleicher. Das hat auch nichts mit einem pessimistischen Weltbild oder der Haltung „Alle gegen uns“ zu tun, sondern mit einem real existierenden Problem in der Gesellschaft und in der demokratischen als auch radikalen „Linken“. Kurz gefasst haben sich „linke“ Menschen nicht von dem Judenhass emanzipieren können. Genauer gesagt ist das Problem nicht nur existent, es ist lebendig und floriert sogar. Dabei scheint der Jude im Gewand des Zionisten von besonderem Interesse für die deutsche „Linke“ zu sein. Wenn „Linke“ etwas in Deutschland gemeinsam haben, dann ist es die Beschäftigung mit Israel, sei es nun positiv oder zumeist negativ. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass die Beschäftigung mit internationalen Fragen, Konflikten und Themen zum Selbstverständnis eines jeden „linken“ Menschen gehört, was im Kern lobenswert ist. Das Problem besteht darin, dass dieses Kapitel mit einer ähnlichen Obsession behandelt wird, wie es sonst die so verhasste bürgerliche Gesellschaft tut.

Der konsequente Antifaschismus vieler „Linker“ ist kein Schutz vor Judenhass. Mit anderen Worten: Auf Demos gegen Nazis zu protestieren, bedeutet nicht die Befreiung vom Hass auf Juden. Von einer besonderen Demonstration handelt auch dieser Artikel, von der sogenannten „Revolutionären 1. Mai Demo“ um 18 Uhr in Berlin-Kreuzberg.

Am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, demonstrieren viele Gruppierungen der radikalen „Linken“ für – wie sie selbst behaupten – eine gerechte, friedliche Welt, gegen Ausbeutung und Kapitalismus, gegen Gentifizierung, Rassismus und Antisemitismus. Zusammengefasst ist man gegen vieles und für vieles und gegen den Hass auf Juden.

Ich würde lügen, wenn ich nicht zugebe als „Linker“ Sympathien für viele dieser Themen zu haben. Doch schon nach dem Lesen des Aufrufs, wird auf dem Flugblatt ein „palästinensischer“ Junge mit einem Stein abgebildet, der vor einem riesigen israelischen Panzer steht. Es ist ein Symbol des „palästinensischen“ Widerstandes gegen den israelischen Kolonialismus und Imperialismus. Die radikale „Linke“ hat sich auf die Seite der Schwachen gestellt. Übrigens tat sie es bei den Juden auch, solange sie unterdrückt waren. Die spannende Frage ist, was eine „linke“ Bewegung mit Juden im Sozialismus machen würde, wenn sie weiter Juden bleiben wollen. Die Geschichte „linker“ Versuchungen hat eher negative Beispiele gezeigt. Geliebt werden tote Juden von allen und ebenfalls von „Linken“. Verteidigungsfähige Juden passen da eher weniger rein. Wie stehen Sozialisten zu ehemals Schwachen, die stark werden konnten?

Bei dem Bündnis der „revolutionären 1. Mai Demonstration“ nehmen äußerst skurrile Gruppierungen teil, die für die Befreiung „Palästinas“ einstehen wie die Organisation F.O.R. (For One State and Return to Palestine). Sie plädieren dafür, dass nicht-zionistische Juden in Palästina bleiben dürfen, nur der Rest muss wohl irgendwie weg. Über die Mittel zur Erreichung ihres Zieles sind sie sich wohl noch nicht einig. Die Nähe zur BDS- Kampagne (Boycott, Desinvestition, Sanctions) gehört mittlerweile zum guten Ton in diesen Kreisen.

Die ganze „israelfreundliche“ Stimmung möchte ein „Antideutscher Block“ aufmischen. Diese israelsolidarischen „Linken“ wurden deshalb angefeindet und mit unzähligen Drohungen überschüttet, denn die Flagge Israels ist wohl für den einen oder anderen schwer zu ertragen.
Natürlich muss man bei jeder Demonstration Abstriche machen, da nicht alle Menschen gleich denken und sicherlich wird man mit vielem nicht einverstanden sein können – doch warum ausgerechnet beim Thema Antisemitismus Prinzipien so schnell fallen, bleibt mir ein Rätsel.

Jetzt werden die Verteidiger dieser Veranstaltung entgegnen, man dürfe sich doch kritisch mit Israel auseinandersetzen. Das sehe ich genauso, aber es wäre schön, wenn dabei die Existenz dieses Staates nicht infragegestellt und der Holocaust nicht relativiert würde, indem man vermeintliche Verbrechen der israelischen Armee mit denen der Waffen-SS und der deutschen Wehrmacht gleichstellt.

Wer den „linken“ Antisemitismus verschweigt, tut es bewusst, da er leider in „linken“ Kreisen allgegenwärtig ist. Es passt nur der Jude, den man sich ausgemalt hat und eben keiner, der beschneidet. Die Kritik an der jüdischen Religion ist nicht weniger notwendig als an jeder anderen Religion, dennoch hat der Jude immer das Privileg einer Extrabehandlung – was nun einmal Antisemitismus ist.

Ich würde dringend empfehlen mehrfach über das Zitat des kürzlich verstorbenen Holocaustüberlebenden und Nobelpreisträgers Imre Kertesz nachzudenken: „Mein Gott, wie gut, dass ich den Judenstern auf israelischen Panzern sehe, und nicht, wie 1944, auf meiner Brust.“

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