Februar 2, 2017 – 6 Shevat 5777
Linke können nicht antisemitisch sein?

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Eine deutsche Autorin klärt auf  

  • Februar 2, 2017 – 6 Shevat 5777
  • Politik, Welt
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Von Karl Pfeifer

Die deutsche Ethnologin Sina Arnold leitet ihr 487 Seiten umfassendes Buch über „Antisemitismusdiskurse in der US-amerikanischen Linken nach 9/11“ mit folgenden Absatz ein:

„If you have not been called anti-Semitic, you are not working hard enough for justice in Palestine“ (Wenn du nicht als antisemitisch bezeichnet wurdest, arbeitest du nicht hart genug für Gerechtigkeit in Palästina). Diese Aufschrift findet sich auf einem T-Shirt, welches die Mitbegründerin der für die Gaza Freedom Flotilla bekannt gewordenen Free Gaza Movement vermarktet. Die 73-jährige US-Amerikanerin Greta Berlin ist seit den 1960er Jahren Aktivistin in propalästinensischen und linken Bewegungen. Wie ist es zu erklären, dass eine selbsternannte Streiterin für eine Gesellschaft jenseits von Rassismus und Diskriminierung stolz darauf ist, als antisemitisch bezeichnet zu werden? Welcher Antisemitismusbegriff liegt diesem Wunsch zugrunde? Von welchen Akteuren und aus welcher politischen Richtung erwartet Greta Berlin den als Kompliment begriffenen Antisemitismusvorwurf?“

Nach diesem fulminanten Einstieg folgen „Theoretische Bezüge und Forschungsstand“ und die sehr interessanten Kapitel „Antisemitismus in den USA – Ein historischer Überblick“, „Traditionslinien linker Antisemitismusdiskurse“, What’s left of the Left? Die US-Linke nach 9/11.“

Arnold stellt gute Fragen und ist eine scharfe Beobachterin und Analytikerin. Zum Beispiel weist sie darauf hin, dass der deutsche Begriff „Israelkritik“ im Englischen kein Äquivalent hat – doch bereits ein Hinweis auf die Sonderstellung des Landes in der öffentlichen Wahrnehmung ist, gibt es doch keine vergleichbaren feststehenden Bezeichnungen im Deutschen für kritische Positionen gegenüber anderen Ländern, etwa „Chinakritik“ oder „Russlandkritik“.

In diesen Fällen werden stets einzelne Aspekte der Politik kritisiert, nicht das ganze Land. Die korrekte Bezeichnung für Positionen die frei von Antisemitismus konkrete politische Entwicklungen in Israel kritisieren, müsste genau das ausdrücken: „Kritik an israelischer Politik“. Einige Studien weisen nach, dass antiisraelische Positionen und Antizionismus stark mit klassischem Antisemitismus korrelieren. Natürlich wird der Vorwurf mit dem Argument abgewehrt, „dass Linke per Definition nicht antisemitisch sein könnten“. Obwohl es niemand einfallen würde, zu behaupten, Linke würden ihre Frau nicht prügeln.

2010 beobachtete Arnold eine linke antiisraelische Demonstration in New York, an der auch muslimische Gruppen teilnahmen:

„Die Vernichtungsdrohungen, der positive Bezug auf den Holocaust wie auch die Gleichsetzung von Zionisten mit Kakerlaken und die Charakterisierung von Israel als ‚Krebsgeschwür‘ wurden von den anwesenden Linken über mehrere Stunden toleriert.“

Über eine Ikone der Linken in den USA und Europa schreibt sie: „Auch die Äußerungen Judith Butlers, die 2006 auf einer Veranstaltung Hamas und Hisbollah als „progressive soziale Bewegungen“ und als „Teil der globalen Linken“ charakterisierte, deuten auf eine Toleranz gegenüber Akteuren hin, die linken Grundwerten von Geschlechtergerechtigkeit, der Akzeptanz queerer Lebensweisen oder Antiautoritarismus entgegenstehen.“

Wenn bei linken Demonstrationen in den USA Banner hochgehalten werden mit Sprüchen wie „Hitler was right. Jews are blood suckers“ „Hitler hatte recht, Juden sind Blutsauger“ oder der Vorschlag kommt, „gut zu Tieren sein, alle Juden sterilisieren und kastrieren“, dann kann Arnolds Behauptung „Es finden sich vereinzelte Beispiele für offene antisemitische Aussagen, die trotz der Fülle der Beispiele aber nicht repräsentativ für die weitere Linke erscheinen“ hinterfragt werden, zumal jüdische Studenten an amerikanischen Universitäten häufig physisch und verbal angegriffen werden.
Im zweiten Teil „Im Gespräch – Empirie“ kommen lediglich 30 Personen aus verschiedenen linksradikalen Bewegungen, Gruppen und Grüppchen zu Wort, diese – meiner Meinung nach – zu kleine Auswahl ist wenig repräsentativ und daher problematisch.

Auch in diesem Teil ihres Buches verwendet die Autorin gelegentlich eine fachchinesisch verschwurbelte Sprache, die spätestens vom Verlag hätte beanstandet werden müssen, denn eine Wissenschaftlerin, die über die USA schreibt, muss wissen, dass gerade amerikanische Wissenschaftler sich bemühen, so zu schreiben, dass jeder intelligente Leser den Text auf Anhieb verstehen kann.

In den Interviews erwähnt mehr als die Hälfte der Befragten über den Antisemitismus den antimuslimischen Rassismus, was auf eine Konkurrenzlogik hinweist.
Arnold reagiert auf den aus der Luft gegriffenen Vorwurf, der Zionismus sei eine kolonialistische Bewegung:

„Der Zionismus als Siedlungsbewegung agierte nicht zentral koordiniert von einem kolonialen ‚Mutterland‘ aus. Die Aneignung von Land geschah zudem nicht durch Raub oder primär durch physische Gewalt – weitere Merkmale kolonialer Herrschaft – sondern durch Bodenkauf.“

Auffällig auch, dass die Befragten die durch Selbstmordattentate gefährdete Situation von Israelis ignorieren – niemand äußert Empathie gegenüber Zivilisten, die bei Attentaten ums Leben kommen.

„Ja selbst für das Töten komplett Unbeteiligter – z.B. Restaurantbesucher – wird teilweise Verständnis geäußert“.

Die Frage, ob Israel ein Nationalstaat wie jeder andere sei wurde von den 30 Befragten nur von vier bejahend beantwortet. Sechs Interviewpartner verwendeten von sich aus, d.h. ohne entsprechenden Stimulus Gleichsetzungen zwischen Israel und dem Nationalsozialismus.

Die Autorin hat auch im Forum der wichtigsten Website von www.occupywallst.org Posts und Kommentare gefunden, die Juden mit Vampiren gleichsetzen, sie als „hakennasige Bestien“ bezeichneten, oder behaupteten „Die Protokolle der Weisen von Zion“ wären wahr u.ä.m.
Die Hochschätzung der Verfasserin für „Breaking the Silence“ teilt der Rezensent nicht, denn deren Beschuldigungen gegen die israelische Armee sind nutzlos, weil anonym.

Sina Arnold fragt: „Wie kann es kommen, dass eine monoperspektivische Kritik an Israel die Norm in linken Diskursen ist? Warum wird existierendem Antisemitismus mit Skepsis und Gleichgültigkeit begegnet, obwohl er der Logik eines linken Weltbildes zufolge Beachtung finden müsste? Und warum schließlich gibt es eine Abwehr, sich mit dem Antisemitismusvorwürfen auseinanderzusetzen – entgegen einem linken Selbstverständnis, das zumindest dem Ideal nach von Reflexion und Selbstkritik geprägt ist?“

Gute Fragen, die auch sehr vielen europäischen Linken zu stellen sind, deren manichäische Weltsicht leider oft genug mit antisemitischen Stereotypen einhergeht.

Sina Arnold: Das unsichtbare Vorurteil, Antisemitismusdiskurse in der US-amerikanischen Linken nach 9/11, Hamburger Edition, 2016

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