Juli 3, 2014 – 5 Tammuz 5774
Lernen am authentischen Ort

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Die Moses Mendelssohn Akademie in Halberstadt bietet historische Spurensuche, pädagogische Programme, Fortbildungsseminare und Zeitzeugengespräche 

Halberstadt, traditionsreiche Bischofs- und
Handelsstadt am Rande des Harzes, besaß
über Jahrhunderte hinweg eine der größten
und bedeutendsten jüdischen Gemeinden in
Deutschland. Seit dem 17. Jahrhundert wuchs
hier eine organische Gemeinschaft mit starkem
Zusammenhalt und großer Liebe zur Tradition.
Das jüdische Viertel mit Synagoge, Lehrhaus,
Ritualbad und Wohnhäusern befand sich direkt
unterhalb des Petershofes, des Bischofspalastes
und späteren Sitzes der preußischen
Regierung. Zwei jüdische Friedhöfe sind in der
Stadt bis heute erhalten. Kunstvoll gearbeitete
Barockgrabsteine auf dem älteren von beiden
zeugen davon, dass sich die jüdische Gemeinde
spätestens im 18. Jahrhundert zu einer gut
etablierten Community entwickeln konnte.
Und tatsächlich: Sie hatte Förderer in ihren
Reihen, die nahezu ideale Rahmenbedingungen
schufen. Schon 1712 wurde eine prächtige
Barocksynagoge eingeweiht, finanziert vom
berühmten Hofjuden Berend Lehmann (1661-
1730). Lehmann galt als ein sehr erfolgreicher
Bankier, Münzagent und Berater von «August
dem Starken» , sächsischer Kurfürst und König
von Polen. Zugleich war er auch ein sehr frommer
Jude, der sich zudem sozial und kulturell
stark engagierte. Zusätzlich zum barocken Gotteshaus
für die Gemeinde stiftete er später ein
Rabbinerseminar mit eigener Synagoge – der
sogenannten «Klaussynagoge».

Zentrum der Neo-Orthodoxie
Die erfolgreiche Entwicklung der Gemeinde
setzte sich im 19. Jahrhundert nahtlos fort. Rabbiner,
Theologen, Religionslehrer auf der einen
und Unternehmer wie Industrielle auf der anderen
Seite stärkten sie nach Kräften. Jetzt wurde
die Gemeinde sogar zu einem spirituellen
Zentrum der Neo-Orthodoxie, die als Antwort
auf die Reformbewegung im Judentum ihren
Ursprung ebenfalls in Deutschland nahm. Aus
der Gemeinde kamen bedeutende Rabbiner
wie Benjamin Hirsch Auerbach (1808-1872),
vor allem aber auch Esriel Hildesheimer (1820-
1899). Hildesheimer gilt neben Samson Raphael
Hirsch (1808-1888) als der Begründer der
modernen Orthodoxie und leitete in späteren
Jahren das europaweit berühmteste Rabbinerseminar
in Berlin.
Großes Engagement in der Halberstädter
Gemeinde entwickelte auch die Industriellenfamilie
Hirsch. Sie ließ Ende des 19. Jahrhunderts
die barocke Synagoge erweitern und modernisieren.
Der Begründer der Firma «Aron
Hirsch & Sohn» war zugleich Sohn des Klausrabbiners
Hirsch Göttingen. Das Unternehmen
entwickelte sich bald zu einem der führenden
in der deutschen Metallindustrie. Auch die Familie
Hirsch repräsentierte die neo-orthodoxe
Ausrichtung: Gesetzestreues Judentum und
traditionelle Gelehrsamkeit, kombiniert mit
bürgerlicher Kultur und moderner Weltoffenheit.

Zerstörte Gemeinschaft
Mit dem Machtantritt der Nazis tobte sich auch
in Halberstadt die Judenfeindschaft exzessiv
aus. In der Pogromnacht vom 9. November
1938 wurde die Barocksynagoge geplündert
und geschändet, sämtliche Torarollen wurden
auf der Straße verbrannt. Noch im gleichen
Monat erfolgte der Abriss des Gotteshauses.
Die Klaussynagoge wurde zwar nicht zerstört,
aber als Eigentum einer jüdischen Stiftung
«arisiert» und in ein so genanntes Judenhaus
umfunktioniert. Am 12. April 1942 wurden
alle hier einquartierten jüdischen Bewohner
von Halberstadt in die Todeslager im Osten deportiert,
und damit die jüdische Gemeinde der
Stadt ausgelöscht.

Der Nachwelt blieben zahlreiche Spuren
von der einstigen Gemeinde erhalten, die sich
allerdings nicht auf den ersten Blick erschließen
ließen. Glücklichen Umständen ist es zu
verdanken, dass nach der politischen Wende im
Osten und der deutsch-deutschen Wiedervereinigung
hier wieder etwas ganz Neues entstehen
konnte. 1996 gründete sich die Stiftung
«Moses Mendelssohn Akademie Halberstadt
» – auf Initiative der ursprünglich aus
Halberstadt stammenden jüdischen Familie
Nussbaum. Die Stiftung kooperiert eng mit
dem Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam
und mit der Moses Mendelssohn Stiftung
in Erlangen. Noch 1996 konnte das Gebäude
der Klaussynagoge mit privaten Mitteln für
die Stiftung angekauft werden.

Von Patty Strohbach


Weitere Informationen zur Moses Mendelssohn
Akademie Halberstadt finden Sie unter:
www.moses-mendelssohn-akademie.de

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